Von Hiroshima zu Euroshima

5

Die USA wollen auch auf unserem Kontinent wieder nuklear aufrüsten: Wie in den 1980er Jahren wird die Stationierung von Marschflugkörpern geplant. Um die Bevölkerung darauf einzustimmen, werden die Atombombenabwürfe in Japan von skrupellosen Propagandisten gerechtfertigt. Es folgen Auszüge aus einem Artikel in COMPACT 9/2015 – hier bestellen

Cover_COMPACT_09_2015_Web-300x438

_von Jürgen Elsässer

Vor drei Jahren gab es einen seltsamen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen. Ausgerechnet zum 67. Jahrestag von Hiroshima schrieb Michael Rühle, Abteilungsleiter bei der NATO in Brüssel, eine Wiedergutmachung der Schreckenswaffe, da ihr Einsatz gegen Japan „zur politischen und militärischen Mäßigung in den zwischenstaatlichen Beziehungen beigetragen“ habe. Man konnte das als herzlosen Zynismus auf den Gräbern der Toten interpretieren. In erster Linie aber war der Beitrag gegen die schüchtern vorgetragene Bitte von Außenminister Guido Westerwelle gerichtet gewesen, die US-Amerikaner mögen doch ihre Atomwaffen endlich auch aus Deutschland abziehen. Ghostwriter Rühle und seine Auftraggeber im Pentagon sollten Recht behalten, an der Lagerung von etwa 20 „Nukes“ im rheinland-pfälzischen Büchel änderte sich nichts.

Aber mit dem bloßen Erhalt des nuklearen Status Quo ist die Supermacht mittlerweile nicht mehr zufrieden. Seit Beginn des neuen Kalten Krieges gegen Russland geht es um Aufrüstung, auch mit der schrecklichsten aller Waffen. Am 4. Juni gab die US-Regierung selbst ein vorher geheimes Dossier des Oberkommandierenden Martin Dempsey frei, in welchem von „Überlegungen“ zur Stationierung US-Marschflugkörpern mit Nuklearsprengköpfen in Europa berichtet wurde. Einen Tag später beeilte sich der britische Außenminister Philip Hammond, Basen für die neuen US-Systeme auf der Insel anzubieten. Damit droht ein Rücksturz in die 1980er Jahre, als die Furcht vor einem Euroshima, also einem atomaren Schlagabtausch der Supermächte fernab vom amerikanischen Kontinent, Hunderttausende auf die Straße brachte.

(…)

Im Wall Street Journal, dem Zentralorgan der US-Finanzoligarchie, hieß es am 3. August unter der Überschrift „Danke Gott für die Atombombe“: „Hiroshima und Nagasaki waren nicht nur schreckliche, kriegsbeendende Ereignisse. Sie retteten Menschenleben.“ Gemeint waren natürlich die kostbaren Leben US-amerikanischer Soldaten. Dass mehr als 250.000 japanische „Untermenschen“ in Asche verwandelt wurden, scheint dem Autor dagegen verschmerzbar und hatte überdies eine heilsame pädagogische Wirkung: „Die Bombe verwandelte das Reich der Sonne in eine Nation von Friedensaktivisten.“

(…)

Hannes Stein legte am 6. August im selben Blatt (Die Welt) nach: „Es war grausam, aber richtig, dass die Amerikaner vor siebzig Jahren die Atombomben über Hiroshima und Nagasaki abgeworfen haben.“ Es sei nämlich kein sinnloses Morden gewesen, vielmehr hätte die US-Armee die „Japaner vor sich selbst retten“ müssen. Soll das etwa dasselbe heißen wie 100 Jahre zuvor „Nur ein toter Indianer ist ein guter Indianer“?

Was die Öffentlichkeit kaum zur Kenntnis nimmt: Der Einsatz von Massenvernichtungswaffen gegen Russland wird bereits geprobt! Zum Beispiel im Manöver Steadfast Noon im Oktober 2014: Kampfflugzeuge aus sieben NATO-Staaten starteten von der Luftwaffenbasis Ghedi Torre in Norditalien, wo etwa 20 US-Atombomben gebunkert sind. Getestet wurde die sogenannte nukleare Teilhabe: Trägerstaaten aus Staaten wie der Bundesrepublik, die selbst auf Massenvernichtungswaffen verzichtet haben, werden im Ernstfall mit US-Nuklearsprenköpfen bestückt.

(…)

In einer aktuellen Studie fordert das regierungsnahe Polish Institute for International Affairs einen „radikalen Wechsel im bürokratischen NATO-Herangehen in Bezug auf Atomwaffen“. Die NATO solle nicht nur insgeheim den Atomwaffeneinsatz üben – genannt wird die Beteiligung von strategischen B-52-Bombern am Ostsee-Manöver Baltops im Juni 2015 –, sondern das auch offensiv kommunizieren. Um eine „atomare Botschaft“ an Moskau zu schicken, sollten in solche Testläufe „so viele Alliierte wie möglich“ einbezogen werden.
Parallel will das Pentagon „implizit – wenn auch nicht explizit erklärt – die Fähigkeit von US-Atomwaffen verbessern, militärische Ziele auf russischem Territorium zu zerstören“ (AP, 4.6.2015). Genau dazu dürften die neuen Cruise Missiles in Europa dienen. Man bedenke: Es geht hier um „pre-emptive strikes“, also um „vorbeugende Schläge“, noch bevor Russland NATO-Territorium attackiert hat, also um einen Angriffskrieg mit Atomwaffen! Aber das passt ja zur Aussage von General Joseph Dunford, ab September 2015 Nachfolger von Dempsey im US-Oberkommando, der die „Atommacht Russland (…) für gefährlicher als die Terrormiliz Islamischer Staat hält“. (Focus, 15.7.2015)

(…)

Dieser Themenkreis steht im Zentrum der nächsten COMPACT-Souveränitätskonferenz im Oktober 2015: “Freiheit für Deutschland”

Ebenfalls zu diesem Themenkreis: Das COMPACT-Spezial 6, “Ami go home!” – hier bestellen

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel