Volksbühnen-Crash: Globalisten-Arroganz und Gentrifizierungs-Terror

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Ein Intendantenwechsel in einem Stadttheater? Das ist allenfalls noch Thema für eine Randspalte im Feuilleton. Nicht so bei der Berliner Volksbühne. Die Ablösung des langjährigen Chefs Frank Castorf gegen Chris Decron spiegelt die gegenwärtige Unvereinbarkeit zwischen Globalismus, sozialer Frage und moderner Kunst(-Theorie).

Chris Decron hat gestern das Handtuch geschmissen. Ab sofort ist er nicht mehr Intendant der Volksbühne. Nach sieben Monaten den totalen Cut. Keinen Tag länger wollte er bleiben. Jetzt muss der Geschäftsführer, Claus Dörr, für ihn einspringen, bis Berlin einen Nachfolger ausgeklüngelt hat. Was ging voraus?

Kurzversion: Als der Dramaturg und Regisseur Frank Castorf die Bühne am Rosa Luxemburg-Platz 1992 übernahm, traf sein Konzept den Zeitgeist: Widerstand gegen die Okkupation des Ostens durch den Westen. Die Inszenierungen: Sarkastische Happenings gegen kapitalistischen Werte-Import. Dazwischen Konzerte, Tanzabende. Sogar eine eigene Zigarettenmarke besaß das Haus. Hier wurde nicht nur ein Reperoire gespielt. Hier wurde gelebt.

Aber so eine Dynamik läuft nicht lange. Im Jahr 2000, also nach acht Jahren, war die Luft raus. Die Lust am Widerstand versickerte, Castorfs Inszenierungen zogen sich wie Kaugummi und auch der Ostberliner Standort unterlag der Gentrifizierung: Cafes mit Hochglanzfassaden, Neonröhren und Chrombestuhlung boten Latte Macciato für dauergrinsende Laptop- und Smartphone-Hipster.

2017 war Castorfs Volksbühne so tot wie die Merkel-Regierung. Aber wen zum Nachfolger ernennen? Da hatten Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD) und Kultursenator Tim Renner (ebenfalls SPD) eine super Idee: Wenn wir schon die Ost-Unterschicht verscheucht und vergrault haben, dann lasst uns doch hippen, weltoffenen Contempory Fine-Art-Style an das Theater holen.

Also kaufte man keinen erfahrenen Indentanten, sondern Chris Decron, den Direx der Londoner Tate Gallery of Modern Art. Der sollte Theater mit moderner Kunst & Performance-Art verbinden. Und Decron tat wie ihm befohlen: Dramaturgen hießen ab sofort „Kuratoren“ (zur modernen Kunst gehört zwingend das Spiel mit Wörtern und Definitionen), entließ das Ensemble und importierte „große Namen“ aus allen Weltrichtungen: z.B. Lucinda Childs, Mette Ingvartsen oder Albert Serra.

Wer da nicht niederknien wollte, wurde als „provinziell“ beschimpft: Die klassische Erpressungsnummer aller Globalisten. Dabei konnte Decron einem leid tun. Womöglich war sein Ansatz gar nicht so schlecht. Einige Kilometer entfernt, in West-Berlin hätte er womöglich mehr Erfolg gehabt. Aber nicht am Rosa Luxemburg-Platz.

In einem symbolisch aufgeladenen Bezirk, wo die Regierungen seit Gerhard Schröder soziale Verbrechen begehen, wo manchem Einwohner die Stadt buchstäblich weggenommen wurde, wo sich Wut der Verbliebenen staut und Kunst eher in Form von Street-Art und Graffiti präsent ist: An so einer Ortschaft sollten „international renomierte“ Irgendwers Performances über die Frage „Kann man eine Choreografie in Form einer Ausstellung aufführen?“ tanzen? Sollen Regiseurinnen über „What if Women Ruled the World?“ diskutieren?  Oder eine Gender-Theoretikerin über „Wet Aesthetics“ und den Unterschied zwischen feministischer und Mainstream-Pornografie referieren? – Unpassender gings nicht.

Anderseits hatte die Gegenseite auch nichts zu bieten. Zwar beschimpfte so macher Möchtegern-Szene-Künstler den neuen Indentanten, shitstormte ihn im Netz, beschmierte sein Büro mit Scheiße, aber als die Volksbühne im Frühherbst 2017 von linken Gruppierungen besetzt wurde, kam nichts dabei raus. Die Pseudo-Revoluzzer hockten rum, diskutierten über Banalitäten und bald hingen erste Verbotszettel an den Wänden. Aufgeführt wurde ein Agitprop, der schon vor 50 Jahren peinlich war. Endzeit auf beiden Seiten.

Eins aber ist Decrons bleibende Leistung: Durch ihn entstand eine Castorf-Nostalgie, die der müde Revoluzzer gar nicht mehr verdient hatte.

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6 Kommentare

  1. brokendriver am

    Die Berliner Volksbühne ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

    Sie hat mit Theater und Kunst nichts mehr zu tun.

    Schluckt Millionen von kostbaren Steuergeldern.

    Die Berliner Volksbühne sollte abgeschafft und eingestampft werden.

    Alles hat ein Ende… nur meine Currywurst hat zwei….

  2. Die meißten städtischen Theater "leben" von Steuergeldern und verteilen die unverkauften Karten an Altenheime, also an Menschen, die sich nicht wirklich dafür interessieren; ein Zoobesuch hätte ihnen wahrscheinlich mehr zugesagt!
    Die Diskussion darum, Theater am Leben zu erhalten, gab es schon vor Jahrzehnten und das Künstlerleben ist schon lange aufs Land, in Kleinstädte gegangen. In der Wirtschaftswunderzeit "mußte" jede Stadt ein Stadttheater haben obwohl schon damals Theater abnehmend angesagt war. Um so mehr stellt sich die Frage, wer das bezahlt.
    Auf dem Land ist man auch weniger beobachtet wie ausgerechnet in Berlin, kann sich freier entfalten. Durch überhöhte Mieten auf der einen und Überfremdung auf der anderen Seite sollte die Stadt eigendlich längst unattraktiv geworden sein. Also kann es nur die Arbeit sein, die die Menschen noch in die Stadt zieht!
    Wann begreifen das endlich auch die Arbeitgeber und gehen vermehrt aufs Land?

  3. heidi heidegger am

    guter insider-bericht. würde gerne inhaltlich-kommentarisch dazu was beitragen, zum saustall dort, bin aber eingespannt mit provinztheater-kabalen/intrigen unn datt (Esslingen am Neckar..uff!) und dazu noch mit youtube-underground-zeux/"Del-Nose-rants" (=beschimpfungen/Kalli-belebungen und so, hihi). das frisst meine zeit. aber soviel zeit m u s s sein, daß ich @R2D2 oder ²RQUI’s (oder wie immer datt sich schreiben tut) monkey ass zum mond schiesse, wanns er mir nochmal diärrhöe-geistig kommt ("Heidecker"-stylie) unn datt (paar fäden tiefer)..tsstss: behandelt mann s o ne altgediente heidi-foristin, häh? *grummel-gräm*

  4. Tja, Kunst ist halt Geschmackssache. Und nur links-grünem Zeitgeist zu huldigen, füllt keine Kassen. Das gut betuchte Publikum unterhält sich entgegen aller Tendenzen lieber konservativer. Die für Experimente offene Spezies gibt ihr Geld für weitaus banalere Freizeitvergnügen aus.

  5. In der deutschen Kulturlandschaft gilt der Spruch: Ein Armleuchter geht und ein anderer Armleuchter kommt. Es ist noch gut in Erinnerung wie Castorf in Byreut Wagners "Ring" zerstört hat. Die deutschen Theater sind ein Hort linksgrüner Kulturtöter. Auch und gerade dort wird die deutsche Kultur verdreht und bis zur Unkenntlichkeit entstellt. Ideologen, die alles Tradition negieren bemächtigen sich der Klassiker und lassen ihren Hass daran aus. Der Selbsthass der Deutschen läßt sich jeden Abend auf deutschen Bühnen bewundern. Selbsterständlich alles durch Steuergelder finanziert. Gehinrwäsche auch auf dieser Ebene.

    • Stimmt auffallend! Es werden immer abstrusere Varianten geboten. Man ist sich da zu nichts zu schade – man kann mit dem nötigen Ehrgeiz aus allem Kulturgut was Zerstörerisches machen. Das Anrüchige bei Wagner heraus zu stellen, ist dabei natürlich Herzenssache! Wenn es die Künstler dank guter Leistungen nicht schaffen, dem Publikum abzugewöhnen, sich Wagners Werke anschauen zu wollen – die Dekoration und das Bühnenbild können dahingehend noch sehr viel bewirken…Doch nicht nur hinsichtlich dieser Tradition wird von links-grüner Kulturprominenz die Aufführungsvielfalt sabotiert. In dem Zusammenhang stößt mich auch das Thalia Theater in Hamburg übel auf. Die haben viel Abwechslung zu bieten – jedoch vorrangig für Schleimspurkriecher und Deutschenhasser.

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