Virtuelle Massenvernichtungswaffen

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Heute vor 15 Jahren: Der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschließt eine Resolution zur Durchsetzung strenger und umfassender Waffenkontrollen im Irak. Uncle Sam schnürt bereits die Stiefel. Saddams Giftgas, Saddams Biowaffenlabors: Wie die USA einen zweiten Krieg gegen Bagdad herbei tricksten und Außenminister Colin Powell seine Karriere ruinierte.

Leseprobe aus COMPACT-Spezial Nr.2: „Kriegslügen der USA“. Gibt’s im COMPACT-Shop.

_von Gerhard Wisnewski

5. Februar 2003. Im UN-Sicherheitsrat hätte man eine Stecknadel fallen hören können. Das Wort hat USAußenminister Colin Powell. Zwölf Jahre sind seit dem letzten Krieg gegen den Irak vergangen und 13 Jahre seit der berühmten «Brutkastenlüge»: Dem Auftritt einer kuwaitischen Diplomatentochter vor dem Menschenrechtsausschuss des US-Kongresses im Oktober 1990 – wo sie unter Tränen behauptete, irakische Soldaten hätten Babys in kuwaitischen Krankenhäusern aus den Brutkästen gerissen und auf dem Boden sterben lassen. Anfang 1991 schließlich konnten die USA gegen den Irak in den Krieg ziehen. Nun, 2003, ist es Zeit für neue Lügen. Diesmal lügt allerdings kein junges, von einer US-Werbeagentur gedrilltes Mädchen, sondern der US-Außenminister persönlich. Colin Powell ist an der Reihe, die «Weltgemeinschaft» zu schockieren, und natürlich will auch er unumstößliche Beweise für die Grausamkeit und Gefährlichkeit des irakischen Herrschers Saddam Hussein präsentieren: «Das Material, das ich ihnen heute vorlege, stammt aus unterschiedlichen Quellen», darunter auch von «Menschen, die ihr Leben riskiert haben, damit die Welt erfährt, was Saddam Hussein wirklich vorhat.»

Es waren einmal ein Oberst und ein General…

Donnerwetter. In einem Kino würde man jetzt die Chipstüte oder das Popcorn rausholen. Die Mitglieder des Sicherheitsrates spitzen die Ohren. Welche Geheimnisse hat der geballte Spionageapparat der Weltmacht USA dem kleinen Irak wohl entrissen? Der mit versteinerter Mine hinter Powell sitzende CIA-Direktor George Tenet scheint für die Qualität der Beweise zu bürgen. Als erstes spielt der Außenminister das Tonband eines angeblich am 26. November 2002 abgehörten Telefonats zwischen zwei irakischen Offizieren ab, einem General und einem Oberst. Angeblich dreht es sich um einen bevorstehenden Besuch von Mohammed el Baradei, dem Chef der Internationalen Atomenergie Organisation (IAEO), im Irak. Darin ist die Rede von irgendeinem «modifizierten Fahrzeug» und etwas, das man «wegbringen» müsse.

Das Problem ist nur: Das Telefonat enthält überhaupt keine nachprüfbaren Fakten: Welcher General? Welcher Oberst? Welches Fahrzeug? Inwiefern «modifiziert»? Atomar? Chemisch? Biologisch? Woher stammt das Gespräch? Wirklich aus dem Irak? Oder aus einem Tonstudio der CIA? Aber Colin Powell hat noch einen Gesprächsfetzen zu bieten. Dabei soll es sich um ein Telefonat zwischen dem Hauptquartier der Republikanischen Garden und einem Offizier handeln. Darin warnt das angebliche Hauptquartier den Offizier vor einer kommenden Waffeninspektion wegen «verbotener Munition» und erinnert an einen schriftlichen Befehl, «die Deponien und aufgegebenen Bereiche zu säubern ». Diese Nachricht sei nach Befolgung zu vernichten, denn man wolle nicht, dass sie irgendjemand sieht. Ja, aber: Stand das in dem Befehl denn nicht drin? Und was genau soll der Offizier denn nun tun? Und wo befindet er sich eigentlich? Und wer sind die beiden Gesprächspartner überhaupt? Doch dazu gibt der US-Außenminister keine Auskunft.

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Remake eines alten Stückes

Unter dem Strich wird klar, dass es sich um rein demonstrative Gespräche ohne jeden Informationsgehalt handelt, die lediglich den Eindruck erwecken sollen, der Irak versuche etwas vor den Waffeninspektoren zu verbergen. Genau genommen haben die Telefonate nicht einmal Indizienqualität. Den Sicherheitsratsmitgliedern dämmert, dass sie hier einer Neuaufführung beiwohnen. Und zwar des alten Stückes «Die USA beschuldigen ein anderes Land schwerer Verbrechen, um es anschließend zu überfallen». Inzwischen sitzen sie da wie Schulbuben, die sich nicht trauen, den Mathematiklehrer auf einen schweren Fehler hinzuweisen.

Nichts da. Denn Powell hat ja noch mehr im Köcher: «Wir haben auch Satellitenfotos, die zeigen, dass kürzlich verbotene Materialien von einer Reihe von irakischen Massenvernichtungsfabriken weggebracht wurden.» Na endlich. Wurde auch Zeit. Doch leider sieht schon das erste Bild aus, wie ein von der Wohnzimmerdecke aus fotografiertes Hütchenspiel. Einige Häuschen sollen «Aktive Bunker mit chemischer Munition» sein. «Woher ich das weiß?» fragt Powell. Nun, neben einem großen Häuschen (einem «Bunker») sei noch ein winzig kleines zu sehen. Das soll Sicherheitskräfte und Messeinrichtungen zur Feststellung von Lecks beherbergen. Ein Laster, der aussieht wie ein normaler LKW, soll ein «Dekontaminationsfahrzeug» sein. Das kann man glauben oder auch nicht. Erkennen kann man es nicht. Auch nicht auf den anderen Dias, die Powell zeigt.

Im wesentlichen handelt es sich um von den Amerikanern beschriftete Fotos geschlossener Gebäude. Auch das von Powell erwähnte Atomwaffenprogramm reißt keinen vom Hocker. Der wichtigste Beweis dafür ist ein gefälschter Kaufvertrag, demzufolge der Irak im Niger Uran gekauft haben soll – unterzeichnet vom Präsidenten des Niger. Aber: Das Machwerk war so plump, dass sich Geheimdienstler darüber lustig machten: «Es war gespickt mit Fehlern und Lügen», erinnerte sich der leitende CIA-Beamte William D. Murray in einem Interview: «Sie haben den falschen Namen benutzt, eines früheren Außenministers einer vergangenen Regierung Nigers. Die Siegel auf dem Brief waren alle handgemalt.»

Politik mit einer Comic-Zeichnung

Aber einer geht noch. Nämlich jene Skizze, die stark an einen Donald Duck-Comic erinnerte: In einer groben Schemazeichnung wurden da drei Sattelschlepper mit einigen Tanks, Leitungen und geheimnisvollen Schränken auf der Ladefläche dargestellt. Dazu gab es Beschriftungen wie: «Fermentation», «Kontrollschrank» und andere. Das Ganze repräsentierte die typische Scheinlogik von Daniel Düsentrieb-
Erfindungen: Höchstens auf den ersten kindlichen Blick plausibel, auf den zweiten Blick lächerlich. So standen die großen Tanks auf jeweils nur vier dünnen Beinchen. Schon in der nächsten Kurve wären die Stelzen abgeknickt und die schweren Behälter von der Ladefläche gepurzelt – mit tödlichen Chemikalien? Die Zeichnung sollte nämlich eine mobile Chemiewaffenfabrik darstellen.

Reine Phantasie. Nicht mal die deutsche Regierung Schröder/Fischer kaufte die Story von Saddams Massenvernichtungswaffen. Und der UN-Sicherheitsrat auch nicht. Denn Daniel Düsentrieb hieß in Wirklichkeit Rafid Ahmed Alwan alias Curveball – ein Iraker, der 1999 nach Deutschland geflohen war und behauptet hatte, Insiderwissen über Saddams Chemiewaffen zu besitzen. Während deutsche Dienste Curveballs Geschichten schnell als Lügen erkannten und in der Versenkung verschwinden ließen, waren die
Amerikaner ganz wild darauf und bestanden auf der Auswertung seiner Erzählungen. Mit dem bekannten Ergebnis: Am 17. März 2003 forderten die USA Saddam Hussein auf, den Irak binnen 48 Stunden zu verlassen. In der Nacht vom 19. auf den 20. März 2003 flogen die ersten Bomben auf Bagdad. Ohne Mandat des Sicherheitsrates war es ein völkerrechtswidriger Überfall. Schon am 14. April 2003 erklärten die USA den Krieg für gewonnen. Ende 2003 wurde Saddam Hussein gefangen genommen und Ende 2006 hingerichtet. Durch diesen zweiten amerikanischen Irakkrieg starben etwa 150.000 Menschen, ein ganzes Land wurde verwüstet. Noch heute kommen durch die Strahlung der amerikanischen Uranmunition im Irak missgebildete Kinder zur Welt.

2005 stellte eine US-Untersuchungskommission fest, dass die US-Quelle Curveball bei den Geheimdiensten als verrückt und bei seinen Freunden als «notorischer Lügner» galt. 2006 berichtete die Washington Post, die CIA habe bestätigt, «dass Curveball im Irak ein Trickbetrüger und Taxifahrer war und sein Ingenieurwissen in eine fantastische, aber plausible Geschichte über geheime Biowaffenlabors auf Rädern ummünzte». Heute hat er einen deutschen Pass und lebt von deutschen Sozialleistungen. Kürzlich wurde er
für eine TV-Dokumentation von ZDF und BBC befragt («Es begann mit einer Lüge», ZDFinfo, 19.3.2013): «Der Irakkrieg fußte auf einer Lüge», konfrontierten die Reporter Curveball mit seinen damaligen Aussagen, «und diese Lüge kam von Ihnen?» «Ja», antwortete der und konnte sich ein Lachen nicht verkneifen.

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4 Kommentare

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    Volker Spielmann am

    Das Zweistromland nach seiner Knechtung durch die VSA, eine Nachlese

    Die VSA gehen ja immer gerne damit hausieren, daß sie die Länder, die sie geknechtet haben, befreit hätten; und in der Tat wurde das Zweistromland von den VSA befreit und zwar von den materiellen Wohltaten des staatlichen Daseins, nämlich: „Sicherheit der Grenzen, ungestörter friedlicher Verkehr, Rechtsschutz, geordnete Verwaltung“ (wie der selige Theodor Mommsen einmal sagte); außerdem ist unter dem Bombenhagel der VSA und durch den Zusammenbruch der Staatsverwaltung die Infrastruktur zerstört worden, weshalb bis heute die Wasserversorgung nicht instand gesetzt worden ist. Politisch hat der Sturz der alten Regierung das Land dreigeteilt und so stehen sich nun die beiden Hauptsekten des Mohammedanismus und die Kurden höchst feindselig gegenüber und man darf mit dem Ausbruch eines blutigen Bürgerkrieges rechnen, da man die Öleinnahmen eben nicht teilen will und noch weniger die Macht; und dabei sollte das Land einst als Muster für die Umgestaltung des Morgenlandes durch die VSA dienen.

    Im Übrigen bin ich dafür, daß der Euro zerstört werden muß!

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    DerSchnitter_Maxx am

    Die durchtriebensten, arrogantesten und verlogensten, Herrschaften weltweit … haben und hätten am meisten zu verlieren. Deswegen lügen und handeln sie unablässig, ohne jegliche Rückschsicht kollateraler Schäden und Verluste, unverdrossen weiter. Weil sie nichts besseres zu tun haben, andere Staaten präventiv zu destabilisieren oder trickreich zu übervorteilen … aber nur dort, wo es eben was zu holen gibt. Und gleichzeitig … aber $tets dabei, nur ihre eigene, ach so wertvolle Freiheit und nimmersatte Gier stillen und wahrnehmen. Die werden nie damit aufhören, andere nicht in Ruhe zu-lassen … wo es was zu holen gibt !
    Es kann der Friedfertigeste auf Erden nicht in Ruhe und Frieden leben, wenn es den USA nicht geffällt, wenn andere das Besitzen, wovon sie eigentlich immer aussgehen, dass das eigentlich ihnen zusteht und nur ihnen gehören muss und kann ! Ich weiß nicht mehr genau, ob es der 1. oder 2. Irakkrieg war, wo sich ein US-Senator mit den ungefähren Worten äusserte: "Ich verstehe und begreife einfach nicht, was unser Öl … unter irakischen Boden verloren hat !!

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    Karl Blomquist am

    Der Agent Curveball ist wenigstens ehrlich

    Muss man ihm hoch anrechnen. Die deutschen Sozialleistungen seien ihm deshalb gegönnt.
    George Bush hatte 2001 keinen Plan außer dem, einfach so fort zu wurschteln, und die Akzeptanz des US-Dollars mit Öl-Kaperfahrten kurzfristig zu erzwingen.
    Die Lage der USA 2017 ist viel prekärer:
    Inzwischen können sie ihr total überdehntes Imperium nur noch halten, wenn sie wieder mal, wie 1914 und 1939, den Hauptkonkurrenten vernichten, diesmal China.
    Die Angelsachsen gehen damit das 3. Mal innerhalb von 120 Jahren nach diesem Muster vor: WK I und WK II planten und starteten sie ebenfalls um den Haupthandelskonkurrenten zu vernichten: seit 1897 verfolgen England und die USA ihr Ziel des Germaniam esse delendam (Deutschland muss vernichtet werden). Unterschied bei WK III: WK I und WK II WOLLTEN sie führen, um den Konkurrenten zu beseitigen. Aber sie MUSSTEN es nicht. Nun haben sie ihr Imperium dermaßen überdehnt, dass ihr Absturz unvermeidlich bevorsteht, und zwar bald. Da die USA jedoch um jeden Preis erste Supermacht bleiben wollen, MÜSSEN sie es nach ihrer Logik diesmal sogar. 70 Prozent der US-Politkaste wollen die Weltherrschaft jetzt durchsetzen, anstatt sich in eine multipolare Welt einzugliedern, gemäß Staatssekretär Andreas von Bülow.

  4. Avatar
    Jürg Rückert am

    Erinnern wir uns? Haben wir überhaupt begriffen, wie wir uns in die gut geplante Kriegshysterie der US-Regierung einspannen ließen?
    Stichwort Anthrax: Saddam würde uns mit Wolken aus Milzbrand überziehen! Hilfe!!!
    Stichwort Pocken: Saddam hat die Pockenwaffe! Alle Ärzte wurden alarmiert und in Pockenimpfung geschult. Impftrupps wurden zusammengestellt, Impfstoff produziert und gehortet!
    Über Libyen, Syrien, die Ukraine – Lügen über Lügen! Das Lügenmonster ist ein Meister made in USA.
    Wir erinnern uns nicht. Wir sind nur allzu bereit für die nächste Schmierenkomödie. Wir Bürger von Schilda.

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