Verwöhnung und die Auswüchse liberaler Erziehung

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Die Erziehung muss zwei Klippen umschiffen, wenn sie nicht frühzeitig scheitern soll: Verwöhnung und unmäßige Härte und Strenge. Die Verwöhnung macht das Kind allzu sehr abhängig von seinen Erziehern und erzeugt Lebensangst mit all ihren Folgeerscheinungen. Man verhindert so die Entwicklung des Kindes.

_ von Jochen Schaare

Erziehung ist nicht nur ein rationales Tun, sondern sie ist vor allem ein Zusammenleben und ein gemeinsames Sich-Entwickeln und hat die Selbsterziehung des Erziehers zur Voraussetzung. Und die Klärung der unbewussten Voraussetzungen seiner Einstellung zum Kinde. Denn wo das Leben der Erzieher unzulänglich ist durch disharmonische Ehen, Unzulänglichkeiten im Beruf, durch psychische Störungen, wird die ungesunde Haltung dem Kind weitergegeben.

Eine psychologische Durchleuchtung kann nie schaden, damit durch „Training“ Lebensirrtümer überwunden werden können. Die Erziehung in der Familie muss zwei Klippen umschiffen, wenn sie nicht frühzeitig scheitern soll: Verwöhnung und unmäßige Härte und Strenge. Die Verwöhnung macht das Kind allzu sehr abhängig von seinen Erziehern und erzeugt Lebensangst mit all ihren Folgeerscheinungen. Das Kind lernt so seine eigenen Kräfte nicht genügend kennen. Es behält dann seine Abhängigkeit vielleicht ein ganzes Leben bei.

Vor kurzem erschien ein Buch des schwedischen Psychiaters David Eberhard mit dem Titel: Kinder an der Macht. Die monströsen Auswüchse liberaler Erziehung (2015), aus einem Land also, in dem die verheerenden Folgen liberaler Erziehung besonders deutlich werden. Keiner weiß mehr, wie Elternschaft heute zu funktionieren hat, die Sicherheit früherer Generationen gibt es nicht mehr; die antiautoritäre Erziehung und die 68er Bewegung haben ganze zerstörende Arbeit geleistet – und aus der jetzigen Ratlosigkeit erwächst eine unreife Haltung dem Kind gegenüber.

Man will dem Kind auf Augenhöhe begegnen und man soll sich selbst wie ein Kind verhalten. Das hat dann zur Folge, dass man als Kind in trotziger Haltung keine Ratschläge mehr annimmt. Wir leben in einem Zeitalter mittlerweile, das kaum noch eine Reifung kennt, das Kind wird auf den Sockel gehoben. Aber es gibt rein biologisch gesehen die Notwendigkeit, dem Kind schon früh beizubringen mit Schwierigkeiten als einem ganz natürlichen Teil des Lebens umzugehen.

Wer Widrigkeiten nämlich als unnatürliche Belastung betrachtet, läuft Gefahr, davon eher negativ beeinflusst zu werden. Der Individualpsychologe Alfred Adler spricht sogar davon, dass dem Kind Schwierigkeiten in den Weg gelegt werden müssten, damit es daran in der Bewältigung der Aufgaben wachsen und reifen könne. Kinder brauchen Erziehung und „Erwartungslosigkeit schafft Opfer“ durch schlechte Ergebnisse und sinkendes Wohlbefinden. Sich beim Kind anzubiedern, ist gewiss der falsche Weg.

In der westlichen Zivilisation breitet sich eine Verzärtelung rapide aus. Einer psychologischen Definition zufolge besteht Verwöhnung darin, für das Kind das zu tun, was es seinen körperlichen und geistigen Fähigkeiten entsprechend selbst zu tun in der Lage ist. So ist es vollkommen normal, einem dreijährigen Kind zu helfen, seine Schuhe zuzubinden.

Aber dieselbe Handlung wird zur Verwöhnung und Verzärtelung, wenn das Kind sechs Jahre alt ist. Alfred Adler unterscheidet streng zwischen Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung und dem folgenschweren Erziehungsfehler der Verwöhnung. Liebe, Zärtlichkeit und Zuneigung sollte kein Kind vermissen müssen, sie haben mit Verwöhnung nichts gemeinsam. Die Charakteristika der Verwöhnung sind vielmehr Zwang, Bevormundung, Entmündigung und auch das Abblocken eigener Leistungen, eigener Erfolge.

Man enthält dem Kind gewissermaßen eine eigene Entwicklung vor und verhindert, dass das Kind eigene Funktionen und Organe entwickelt. Dies hat Entmutigung zur Folge, das Kind wird dadurch der Möglichkeit beraubt, seine eigene Stärke, seine eigenen Kräfte zu erleben. Dies führt weiter zur Abhängigkeit. Geringer Frustrationstoleranz, Anpassungskrisen in der Schule, wenn man mit der rauen Wirklichkeit konfrontiert wird, führt zu Mittelpunktstreben und mangelnder Leistungsfähigkeit.

Da ihr Gemeinschaftsgefühl nicht gefördert worden ist und sie nicht gelernt haben, Widerstände aus eigener Kraft zu meistern, Forderungen zu erfüllen, erleiden die Kinder oft Erlebnisse des Versagens sowohl im Bereich unterrichtlichen Lernens als auch in Bezug auf die soziale Kontaktaufnahme und Beziehungsgestaltung. Das Kind hat nicht gelernt, Hindernisse aus dem Weg zu räumen und verharrt in meist passiver Haltung.

Wie kann man nun der Verwöhnung entgegenwirken? Folgende Formel drückt aus, worum es gehen muss: Alles, was das Kind alleine tun kann, darf und muss es auch selbst tun. Dass erfordert Selbstachtung und Festigkeit bei den Erziehenden mit Blick auf Abmachungen, Gewohnheiten und gegenseitigen Verbindlichkeiten. Dazu gehört auch, dass die Eltern Konflikte nicht vermeiden oder sich über das Kaufen von Waren und Geschenken Frustrationen ersparen wollen.

Kein Kind braucht zehn Stofftiere oder zahlreiche Computerspiele. Und häusliche Zusammenarbeit funktioniert gewiss nicht auf der Basis der Bestechung: „Wenn du dein Zimmer aufräumst, dann bekommst du ein neues Stofftier.“ Viele Eltern und Lehrer machen die Erfahrung, dass die Kinder nicht „hören“. Alles muss wiederholt gesagt werden. Beispielhaft ist dagegen das Eingreifen einer selbstbewussten Mutter von zwei Töchtern.

Das Kinderzimmer war unaufgeräumt. Trotz Drängens bemühten sich die Kinder nicht, es aufzuräumen. Sie weigern sich selbst dann noch, als die Mutter allmählich säuerlicher wird. Nichts geschieht – die Mutter wird auf den jeweils nächsten Tag vertröstet – bis eines Tages Mutters berühmter Kragen platzte: „Hier wird sofort aufgeräumt. Sofort“.

Annette will was sagen. „Keine Widerrede! Ich bleibe hier, bis alles aufgeräumt ist.“ Sylvia steht langsam auf und hebt ein herumliegendes Kleidungsstück auf und hängt es in den Schrank. Die Mutter verschränkt die Arme – ihre Töchter schauen betroffen aus, aber sie beginnen aufzuräumen. Als alles ordentlich aussieht, lächelt die Mutter und sagt: „Wenn ihr den Kleiderschrank auch noch geordnet habt, dann holt euch eine Tüte Pommes!“ Und verlässt das Zimmer.

Es kommt also darauf an, bestimmtes Verhalten zu verstärken und zu fördern. Kinder können Menschen, die sich selbst nicht ernst nehmen, ebenfalls nicht achten. Sie brauchen selbstbewusste Vorbilder, die ihre Erziehungsziele darlegen und Wege zu deren Erreichung suchen und vorschlagen. Ohne Anstrengung geht das nicht, zum Nulltarif und in reiner Konsumhaltung sind Wissen und Bildung nicht zu erwerben. Lernen erfordert Konzentration und Geduld, vorausschauende Planung, Selbstüberwindung und auch Härte gegenüber sich selbst.

COMPACT-Magazin im Juni 2018

COMPACT-Magazin im Juni 2018, Mein BAMF- Merkels tiefer Sturz.

Jochen Schaare war Kaufmann, Medienanalytiker und Lehrer und hat eine Reihe von Büchern geschrieben, so auch das Buch: «Erziehung zur Autonomie. Pädagogik, Psychologie, Philosophie».

Über den Autor

COMPACT-Magazin

5 Kommentare

  1. Thomas Dreistein am

    Tja, durch falsche Erziehung sind "wir" mittlerweile zu einem Volk von verweichlichten Schwächlingen geworden die im Humanitäts-Wahn nicht mehr in der Lage sind seine eigenen Grenzen gegen feindliche Invasoren zu verteidigen. Genau so wollen uns die Linken haben. Daß wir völlig WEHRLOS sind. Die durch die MSM verbreitete linke Propaganda hat eine Zeitlang Wirkung gezeigt. Aber so langsam VERPUFFT diese negative Beeinflussung und der natürliche Verstand kehrt auf Befehl der Gene ( aber auch der neuen Wahrheitsmedien ) zurück. Denn die tausendfachen "Einzelfälle" von Vergewaltigungen, Diebstähle, Raub und MORD sind auch für Jene unübersehbar die völlig umprogrammiert wurden. Allein am erstarken der AfD kann man das erkennen. Und das ist erst der Anfang vom Erwachen.

    „Wenn du dein Zimmer aufräumst, dann bekommst du ein neues Stofftier.“

    Bei mir war das Anders.
    „Wenn du dein Zimmer aufräumst, dann bekommst du ein neues Fahrtenmesser“

  2. Archangela Gabriele am

    Hat der Mann keine eigenen Kinder, dass er bis auf ein haarsträubendes Beispiel theoretisch bleiben muss?

    Das Beispiel mit der Mutter, deren "berühmter Kragen platzte" funktioniert auch nur bis zur Pubertät, solange die Töchter auf den Liebesentzug der Mutter reagieren. Außerdem zeigt es, dass Eskalation und warten bis man nur noch emotional reagieren kann, also das Gegenteil von natürlicher Konsequenz, denkbar schlechte Voraussetzungen für den beschriebenen Machtkampf sind. Die Portion Pommes, die sie sich auch noch selber kaufen sollen, zieht schon beim zweiten Mal nicht mehr, es sei denn, die Kinder müssten sonst hungern.

    Bei diesen Erziehungsmethoden fühlte ich mich um 100 Jahre in die Vergangenheit versetzt (Stichwort: "Verzärtelung"). Und tatsächlich, Alfred Adler, geboren 1870, 1904 vom Judentum zum Protestantismus konvertiert und 1937 gestorben, musste die Auswüchse seiner Erziehungsratschläge dann ja auch nicht mehr miterleben.

    Die Methoden der antiautotitären Erziehung sind ebenso wirkungslos, wie sich schon in den 60er/70er-Jahren gezeigt hat. Aber deshalb auf die autoritären Methoden des Kaiserreichs zurückzufallen ist mehr als flüssig. Inzwischen gibt es durchaus tragendere Konzepte, die auf Achtung, nicht Gleichmachen, und Konsequenz, nicht Liebesentzug und profane Belohnung fußen (denn was ist eine Portion Ponmes anderes als ein Stofftier oder Computerspiel).

    Das war diesmal daneben, Compact.

  3. heidi heidegger am

    ich habe keine leiblichen kinder, aber über mangel an disziplin und allerstrengste erziehung, weiss ich aus der tägl. pflege d. liebeslebens zur siesta-zeit alles, und ich meine: alles! nun also zu den gören: mit 15-16 schreibt kind die ersten schüleraufsätze zu politik&kultur&fussball an JE (am besten). wenn da dann mehr als 2 rechtsoderlinksschreibfehler drin sind, landet alles ungelesen in meinem äh seinem papierkorb und nix war’s und lob gibt’s dann auch nicht und tadel schon mal gar nicht (oder andersrum..ämm)! also so ging’s mimimir&meinen treatments-drehbuchentwürfen (fast) immer, hihi.

    • heidi heidegger am

      OT: ich will ne umschulung machen/haben von mrkls verhinderter pressesprecherin zu (einem) compactero. warum? -> Lauren Southern im Gespräch mit Marc Dassen und JE beim äh rendezvous mit Brigitte Bardot (einst). ih werr narrisch!

      zacknweg

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