Verschwörungstheorie des Mainstreams: „Gelbe Westen“ werden von Rechten gesteuert

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Seltsam: Seit über zwei Wochen tobt die Revolution der „gelben Westen“ in Frankreich, aber der hiesige Mainstream hielt sich mit Hetz-Propaganda bislang zurück. Nur Frankreichs Staatschef Macron und sein Innenminister faselten was von links- und rechtsextremen Drahtziehern. Das war fast schon unheimlich, dieser Verzicht auf Verschwörungstheorien. Jetzt aber, wo die „gelben Westen“ auch in Deutschland auftauchen, gibt es freilich kein Halten mehr.

Der Bann ist also gebrochen. Die Verschwörungstheoretiker des Establishments dürfen sich ab sofort austoben. So der europäische TV-Sender und Nachrichtendienst euronews, der mit der EU-Kommission einen Vertrag hat, jährlich 15 Millionen Euro EU-Fördergelder abstaubt, und deshalb wiederholt den Vorwurf erhielt, nicht neutral, sondern allzu sehr im Sinne der EU zu senden. euronews also titelte vorige Tage: „‚Gelbe Westen‘ von rechts gesteuert?“

Der im Artikel geäußerte Verdacht stützt sich auf einen Facebook-Post der AfD-Politikerin Doris von Sayn-Wittgenstein: „Eines muss man den Franzosen lassen: In der Mode beweisen sie Geschmack. Ich trage jetzt gelb. Und Sie?“ Aus dieser Solidaritätsbekundung zieht die konformistische euronews ihre Schlußfolgerung:

„Die Schleswig-Holstein-Chefin der Rechtspopulisten nährt damit auch in Deutschland einen Vorwurf, der der Protestbewegung im Nachbarland bereits seit Tagen anhängt: Dass sie mit extrem rechten Gruppen im Land mindestens in Verbindung stehen, wenn nicht gar gesteuert werden.“ Dass eine linke Politikerin wie Sahra Wagenknecht die französische Protestkultur gar zum Vorbild für Deutschland erklärte (COMPACT berichtete), interessiert natürlich nicht.

In Frankreich hatte bereits Innenminister Christophe Castaner behauptet, die „gelben Westen“ gehörten zur extremen Rechten. euronews zitiert ihn: „Heute hat sich die Ultrarechte mobilisiert. Ich stelle fest, dass die Aufrührer mit dieser Mobilisierung der Ultrarechten seit heute Morgen im Prinzip dem Ruf von Marine Le Pen gefolgt sind und die Institutionen und die Abgeordneten der Regierungsmehrheit angreifen wollen.“ Marine Le Pen bestritt daraufhin jegliche Verbindung zu den „gelben Westen“, aber das dürfte Monsieur Castaner kaum umstimmen.

Mag die Autorin des euronews-Artikels zwar an der Rechtslastigkeit der französischen Gelbwesten zweifeln, so ist sie sich bei den deutschen Adepten schon sicherer. Als Kronzeuge dient ihr ein linker Web- und Straßen-Aktivist, der unter dem Pseudonym Frank Stollberg agiert. Der erntete medialen Ruhm, als er eine Verbindung der AfD zur Gruppe „Die Patrioten“ publizierte. Stollberg „schätzt“ (!), dass die deutschen Ableger der „gelben Westen“ zu „80 Prozent“ der rechtsextremen Szene entstammen. Zur Beruhigung fügt er hinzu: „Es gibt keine komplette Übernahme. Aber die versuchen das zu kapern.“

Halten wir fest: Die Solidaritätsbekundung einer AfD-Politikerin sowie die „Schätzung“ (nicht Wissen) reichen euronews aus, eine Steuerung der „gelben Westen“ durch Rechtsextreme in den Raum zu stellen. Nach dieser Verschwörungstheorie ist jeder Globalisierungskritiker oder Migrationspakt-Skeptiker, der sich dieser Bewegung anschließt, entweder rechtsextrem oder eine unwissende Marionette der Nazis. So albern diese „Schätzung“ auch klingen mag: Wetten, dass die anderen Mainstream-Medien sie übernehmen werden?

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