Fast schien es, als neige sich das Blatt in Syrien zum Guten. Nach jahrelangem Bürgerkrieg konnte die Armee praktisch das gesamte Land bis auf die Provinz Idlib befreien. Doch nun droht der Levante eine neue Runde der Eskalation. Medienberichten zu Folge bereitet sich die türkische Armee darauf vor, weitere Gebiete Syriens zu erobern.

    Nach Informationen des im Libanon ansässigen Nachrichtensenders al-Mayadeen zog die türkische Armee bereits 15.000 Soldaten in der südlichen Grenzprovinz Kilis zusammen. Damit nicht genug: In Kumlu in der unweit entfernten Provinz Hatay errichteten die Streitkräfte demnach bereits Feldlazarette. Al-Mayadeen zu Folge könnte der Aufmarsch der Vorbereitung eines Angriffs auf Teile der Provinz Aleppo dienen. Betroffen wäre mit großer Wahrscheinlichkeit das Gebiet um die Stadt Afrin. Die Region, die einschließlich Flüchtlingen bis zu 700.000 Menschen beherbergen soll, ist derzeit eine Enklave der Region Rojava, eines de facto unabhängigen kurdischen Herrschaftsgebietes im Norden und Osten Syriens, dessen Herausbildung von Damaskus bislang, wenn auch missmutig, geduldet wurde. Ankara wirft der in Rojava tonangebenden Partei der demokratischen Union (PYD) – nicht zu Unrecht – vor, eine Filiale der in der Türkei operierenden Kurdischen Arbeiterpartei PKK zu sein.

    Wie weit die Angaben von al-Mayadeen zutreffen, ist gegenwärtig nicht zu überprüfen. Der Sender gilt als der Damaszener Regierung und der mit ihr verbündeten libanesischen Hisbollah zumindest nahestehend. Ankara kommentierte den Bericht bislang nicht. Allerdings hatten Beobachter bereits wiederholt mit einem türkischen Militärschlag in dem Gebiet gerechnet. Zunächst im Oktober, als plötzlich immer mehr türkische Soldaten ihre Facebook-Meldungen aus der Grenzregion posteten – und der Aufmarsch somit nicht mehr verheimlicht werden konnte. Schließlich in der zweiten Dezemberhälfte. Damals berichtete die Zeitung Karar – die Dissidenten innerhalb der türkischen Regierungspartei AKP um Ex-Premier Ahmet Davutoglu zugerechnet wird – sogar unter Berufung auf türkische Militärkreise, die Armee habe an zehn Stellen Betonblöcke aus der Grenzmauer zu Syrien entfernt und Einheiten der Freien Syrischen Armee (FSA) in die Gegend um Afrin dirigiert. Die Reste einst von abtrünnigen Offizieren der syrischen Streitkräfte gebildete FSA haben sich mittlerweile vollständig zur Hilfstruppe Ankaras entwickelt. Zudem kündigte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan auf dem Parteitag seiner AKP an, er wolle „Afrin von den Terroristen säubern”.

    Truppen der kurdischen Volksverteidigungseinheiten (Symboldbild) / Bild: Voice of America

    Auch ohne derartige Berichte ist es kein Geheimnis, dass die Türkei sowohl den Vormarsch der syrischen Armee, als auch die Herausbildung eines kurdischen de-facto-Staates mit erheblichem Missfallen betrachtet. Bereits im August 2016 war die türkische Armee in der Operation “Schutzschild Euphrat” in Syrien einmarschiert. Offizielles Ziel der Aktion war es, den Islamischen Staat, aber auch die zur PYD gehörenden Volksverteidigungseinheiten von der eigenen Grenze fernzuhalten. Auch wenn es sich offiziell um eine Unterstützungsmission für die FSA handelte, sollen sich über 5.000 türkische Soldaten an der Operation beteiligt haben.

    Nach Abschluss von Schutzschild Euphrat im März 2017 zog sich Ankara jedoch keineswegs zurück, sondern etablierte eine etwa 2.300 Quadratkilometer große Besatzungszone exakt zwischen dem Hauptteil Rojavas und der Exklave Afrin. In dem Besatzungsgebiet mit den Städten Dscharabulus und Al-Bab hängen mittlerweile Bilder Erdogans in öffentlichen Gebäuden, Türkisch ist erste Fremdsprache an den Schulen und der öffentliche Dienst wird aus Ankara bezahlt. Als Sicherheitsdienst rekrutierten die türkischen Behörden eine sogenannte Freie Polizei, die Beobachtern als vollkommen loyal gegenüber Ankara gilt. Ein Grund für die offenbar widerstandslos durchgesetzte Regentschaft dürften dabei die Erfahrungen sein, die die örtliche Bevölkerung mit islamistischen Kopfabschneiderbanden gemacht hat. Nicht nur dem IS. “Früher liebten die Leute al-Nusra, heute hoffen sie auf die Ankunft der türkischen Armee, um der Gruppe ein Ende zu setzen”, gab die Agentur AFP im Herbst einen Einwohner der Provinz Idlib wieder. Dass die türkische Regierung ihr Modell gerne auf weitere Gebiete Nordsyriens ausdehnen will, gilt als offenes Geheimnis – auch wenn die in der Besatzungszone tonangebenden Behörden der benachbarten türkischen Provinz Gaziantep entsprechende Nachfragen ausweichend beantworten.

    Dieses Video zeigt offenbar die Verlegung türkischer Truppen an die Grenze der Region Afrin im Dezember 2017

    https://www.youtube.com/watch?v=0d-Aiq52dgY

    Als Hindernis für einen türkischen Einmarsch könnten sich jedoch die USA erweisen. Präsident Donald Trump hatte sich bereits vor geraumer Zeit von der FSA losgesagt und unterstützt gegenwärtig die PYD und ihre Verbündeten. Die als AKP-Sprachrohr geltende islamistische Zeitung Yeni Safak hatte im Dezember über gleich drei US-Lieferungen von Panzerabwehrraketen an die PYD berichtet – was wohl kaum zur Freude der Türken erfolgte. Erdogan hatte sich in seiner Rede auf dem AKP-Parteitag regelrecht an Trump gewandt und dabei für einen Einmarsch geworben – möglicherweise, um dessen Zustimmung oder zumindest Duldung zu erhalten.

    Auch Russland dürfte eine mögliche Operation der Türkei in Nordsyrien strikt ablehnen. Nicht nur, weil das Gebiet um Afrin direkt an die Provinz Idlib grenzt, deren Eroberung die syrische Armee derzeit auch mit Hilfe von russischen Luftangriffen vorbereitet. Zudem lud Moskau diverse Kräfte Syriens für Februar zu einer Konferenz des nationalen Dialogs nach Sotschi ein – darunter auch die Kurden.

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