Am Donnerstag startet Der Hauptmann in den Kinos: Die letzten Tage des zweiten Weltkriegs als absurdes Drama. Keine Anklage, keine Rehabilitierung, sondern ein ungeschönter Blick in die Natur des Menschen. Und die ist schrecklich genug. Deshalb verwundert es nicht, dass der Film auf einer realen Begebenheit beruht.

    1945, wenige Wochen vor Kriegsende. Soldat Willi Herold rennt um sein Leben, flüchtet vor den eigenen Kameraden. Sein Vergehen? Erfährt man nicht. Egal. Jedenfalls verfehlen die ihm nachgeschossenen Kugeln ihr Ziel. Er entkommt.

    Ziellos irrt Herold durch das Niemandsland. Da entdeckt er die Uniform eines Hauptmanns. Augenblicklich erkennt er seine Chance, zieht sie an und kopiert die Performance von Befehlsberechtigten. Es funktioniert: Ihm weit überlegene Soldaten bieten ihre Dienste an, unterwerfen sich freudig-devot seinem Diktat. Das stärkt das Selbstbewußtsein.

    Aber vorsicht! Das ist kein Spaß à la Hauptmann von Köpenick… Einmal liefern Dorfbewohner ihm einen Dieb aus, fordern dessen Liquidierung. Herold muss mitspielen, damit sein Schwindel nicht auffliegt. So entsteht gegenseitige Abhängigkeit. Regisseur Robert Schwendtke (Die Frau des Zeitreisenden) bestätigt:

    „Diese Tragödie fand deshalb statt, weil alle mitgemacht haben und keiner gesagt hat ‘Stopp’. Selbst wenn sie gewusst haben, dass er kein Hauptmann ist, haben sie mitgemacht – sie konnten ihn ja genauso benutzen, wie er sie benutzt hat.“

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    Hauptmann Herold erfindet sich einen Auftrag: Für den „Führer“ soll er die Situation hinter der Front erkunden. Aber um der Glaubwürdigkeit willen muss er seine Brutalität steigern, den Blutzoll regelmäßig erhöhen. Vor allem, als er in einem übervollen Arbeitslager „für Ordnung“ sorgen, den „Platzmangel“ beseitigen soll…

    Der Hauptmann ist kein Film, der verurteilt. Pädagogen und Zeigefinger-Fans bietet er keinerlei Halt. Auch ist er, trotz bizarrer Situationen, keine Satire, keine schwarze Komödie. Sein Horror liegt im distanziert-kalten Aufzeigen: Seht, so ist der Mensch! Ecce Homo! Ein Abgrund, tiefer als 1000 Höllen. So funktioniert er.

    Obwohl…Blitzt in manchen Momenten nicht Lust am Absurden auf? Bekämpft der Hauptmann den Irrsinn womöglich durch dessen Steigerung, wie einst der Caligula (1944) von Albert Camus? Oder überwindet Herold die eigene Angst vor der Todesmaschinerie, in dem er selber Teil von ihr wird? Eine Identifikation mit dem Aggressor vornimmt?

    Solches Fragen intendiert keine „Entschuldigung“, bemüht sich nicht um „Verständnis“. Wir erfahren wenig über das Innenleben der Protagonisten. Alles, was sie tun, ist Re-Aktion zur Erhaltung eigener Existenz. Deshalb verwundert es überhaupt nicht zu erfahren, dass Willi Herold wirklich existiert hat, dass der Film auf Tatsachen beruht.

    Historisierende Schwarz/Weiß-Bilder zeigen trostloses Niemandsland hinter der Front – schlimmer noch als die Trümmer einer Stadt. An den Rändern matschiger Straßen liegen Autowracks und Leichen, schaffen Assoziationen zu Jean Luc Godards Endzeitdrama Weekend (1967). Auch Der Hauptmann spielt in einer Endzeit. Vielleicht ist für den Menschen einfach immer Endzeit?

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