Der 91-Jährige hat sich von seinem früheren Patriotismus verabschiedet, aber seine Anschauungsweise und Sprache sind immer noch erdig und echt. Der Junge dagegen lebt nach jahrelanger Jet-Set-Sozialisation in einer anderen Welt. Ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018.

    _ von Johann Felix Baldig

    Über seine Treffen mit seinem Sohn könne man in den späteren Bänden der Tagebücher lesen, kündigte Martin Walser im Jahr 2010 gegenüber dem Spiegel an. Zu diesem Zeitpunkt wusste die Öffentlichkeit erst seit wenigen Monaten, dass der Schriftsteller der Vater Jakob Augsteins ist – und nicht etwa der Spiegel-Gründer Rudolf Augstein, der ihn lediglich adoptiert hatte.

    Inhalt versus Haltung

    Die Tagebuchbände aus den ersten Begegnungen der beiden sind bislang noch nicht erschienen. Im vergangenen November brachte Rowohlt aber ihren Gesprächsband Das Leben wortwörtlich heraus. Darin findet man einige Fotos von Vater und Sohn. Ihre Betrachtung lohnt. Leicht erkennt man: Der Junge ist habituell bereits in seinen mittleren Jahren dem Alten ähnlich.

    Nicht in der Greisenhaftigkeit, die bei dem Schriftsteller als lebendig-vergeistigte Reife daherkommt, wohl aber in der Fähigkeit, den Moment einer Aufnahme zum Monument des währenden Ausdrucks zu erhöhen. Man sollte jenes großartige Foto in der Walser-Biographie von Jörg Magenau zum Ausgangspunkt nehmen: Da steht er mit Anfang 60 im Jahre 1989 auf der berühmten Dresdner Brücke Blaues Wunder, vor den Streben der stählernen Gefache, in Sneakers und mit Wind im Haar, ernst in Richtung der wehenden Bänder blickend – in Richtung Geschichte.

    Respektlos:
    Bei einer Fernsehdiskussion im Juni 2012 benutzte der notorische National-Allergiker Jakob Augstein die die deutsche Flagge als Rotztuch. Foto: Screenshot Youtube

    So posiert Jakob Augstein bereits heute, zum Ende seiner Vierziger, derweil der Vater ruhig sitzend seinen Bodenseeblick schaut. In seiner Prosa lange schon nicht mehr, aber immer noch, mehr und mehr gar, in den Bildern und Sprachbewegungen beschenkt der Alte uns Deutsche. Die Aufnahmen, die ihn auf der Loschwitzer Brücke oder bei den Schilfgürteln des Bodensees zeigen, sind «Münzen aus dem Schatz der Barren» (Ernst Jünger), bebildern das deutsche kulturelle Evangeliar.

    Dass wir nun, erneut vor Bodenseekulisse, unseren 91-Jährigen mit seinem Spross, der ihm doch so ähnelt, im Foto festgebannt betrachten können: Es darf uns anrühren, obgleich Augstein in Das Leben wortwörtlich eine empörende Dummheit nach der anderen von sich gibt.

    Spätestens seit der «Roman» genannten Buchveröffentlichung Ein sterbender Mann (2016) mag Walser nicht länger Erzähler sein. Er will sich viel lieber ganz dem Gedankensplitter hingeben, dem Aphoristischen, der Wortvermesserei, seiner Zärtelei am und im Deutschen. Gar alles oder Briefe an eine unbekannte Geliebte nennt sich sein neuester Text, Ende März veröffentlicht.

    Da geht es bereits auf der ersten Seite zu wie bei Walser zuletzt immer öfter: «Ich bin lieber, was ich wäre, wenn ich nicht ich zu sein hätte.» So klingt kein Erzähler auf der Höhe seiner Kunst.

    Unser aktuelles COMPACT-Magazin vom Juli 2018 „Mein BAMF – Merkels tiefer Sturz“ können Sie hier bestellen oder hier abonnieren.

    Gemeinschaft versus Widerstand

    Immerhin liefert dieses kleine Büchlein den Hintergrund für sein Gespräch mit dem Sohn. Denn Das Leben wortwörtlich enthält tatsächlich «gar alles»: Kindheit in Wasserburg, elterliche Bahnhofswirtschaft, Nazis und Krieg, das Schreiben und natürlich Kafka und Hölderlin, Wirtschaftsfeuilleton, Geld und finanzielle Abhängigkeit, Marcel Reich-Ranicki und dessen bis heute schmerzende Kritik an Walsers Roman Jenseits der Liebe, Frauen endlich, Politik und Literatur, Religion natürlich und das höchstpersönliche Verhältnis der beiden Protagonisten des Gesprächs.

    Vor allem aber: «deutsche Fragen», «deutsche Vergangenheit». Und wenn Jakob Augstein in seiner Fotopose noch so walserisch der Bodenseekulisse standhält: Einer wie er bekommt schon beim Gedanken an den Thüringer Wald zuverlässig Beklemmungen – eben weil es ein urdeutscher Wald ist.

    Die Furcht vor neuerlichem Hereindrängen einer «weltromantischen Sonderrolle», als Abkehr vom Westen, breitet der Spiegel-Journalist im Kapitel «Im Dienst des Rechthabenmüssens» vor dem Vater aus. Und natürlich wäre er heute glücklicher, hätte seine Großmutter im Widerstand gegen die Nationalsozialisten gestanden, anstatt nur – nur? – in schwierigsten Zeiten einen Gasthof wirtschaftlich am Leben zu halten.

    «Wann hat Dich die Nazizeit erfasst?», fragt der empörungsfertige, gänsehautgeneigte Sohn den Vater. Und angesichts der Wasserburger Welt, die sich mit dem Dritten Reich weithin arrangiert hatte, testiert sich der Junior ganz gefällig das eigene Widerstandskämpfertum, welches er dem Vater – ein Irrealis – vorausgehabt hätte. «Ich hätte sie vermutlich hinter mir gelassen,» meint Augstein in Anspielung auf die angepasste Dorfgemeinschaft im Schwäbischen, die dem Vater lieb war.

    Der Sohn wäre also nicht dabei gewesen, hätte er damals schon gelebt. Ein doppelter Konjunktiv. Sein Vater hingegen sagt in dem Essay Auschwitz und kein Ende: «Ich glaube: Man ist Verbrecher, wenn die Gesellschaft, zu der man gehört, Verbrechen begeht.» Da gibt es kein Weglaufen, nur ein Wegschauenwollen von der «Dauerpräsentation unserer Schande», wie er 1998 in seiner Paulskirchen-Rede sagte: «In den Bildern aus Auschwitz sind die Opfer einzelne Menschen und die Täter Nation.»

    Der geschmeidige Spiegel-Schreiber hingegen hat Auschwitz längst bewältigt, will vollbracht haben, was seinem Vater von je als nicht vollbringbar schien: schon zu Lebzeiten ganz abgeklärt dazu ein Verhältnis zu finden. Walser misstraut dieser Hybris, wie in einer Diskussion der beiden in Stuttgart deutlich wurde. Walser: «Ich habe erlebt, auch an mir, wie der Linke sich für den besseren Menschen hält. Aber es gibt keine besseren Menschen.» Augstein: «Ist das so? Ich halte mich für links, aber nicht für den besseren Menschen.» Walser: «Na, das glaube ich Dir nicht.»

    Erfahrung versus Theorie

    Der lustvoll gehässige Fritz J. Raddatz ätzte bei jeder Gelegenheit über den alten Augstein, der im Privatjet zu Veranstaltungen einflog, während seine Autoren darbten. Hier nun soll ebenfalls geätzt werden: Wenn Jakob A. den 1927 geborenen Walser selbstgerecht und begriffsübersteuert zu dessen «Laufbahn in der Hitlerjugend» befragt, ist dies das Ergebnis seiner Privatjet-Sozialisation im Hause und Milieu des Spiegel-Gründers.

    (…)

    Der Junge mag am Bodensee stehen und schauen wie der Alte: Er ist es, gegen den wir ätzen wollen, in der von Fritz J. Raddatz gelernten Schärfe, der den ganzen Hamburger Zirkus um die Zeit-Herausgeber Gräfin Dönhoff, Theo Sommer, Gerd Bucerius und Helmut Schmidt verspottet hat, nachdem er als Feuilleton-Chef der Wochenzeitung hatte gehen müssen.

    Augstein provoziert unsere von diesen Tiraden befruchtete Abneigung geradezu, indem er sich auch noch zu seinem angeschmockten Hanseatentum bekennt: Allemal würde er Austern in Hamburg Miesmuscheln in Stuttgart vorziehen, sagt der als Sozialist und Klassenkämpfer verkleidete Bourgeois genießerisch. (Ende des Auszugs)

    Unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft. | Foto: COMPACT

    Dies war ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018 «Heimat tut gut». Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung einfach hier oder auf das Bild oben klicken.

    Kommentare sind deaktiviert.