Terror in Teheran: Sunniten-Schiiten-Konflikt kurz vor Explosion?

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Der Islamische Staat hat den Iran im eigenen Land attackiert. Die Lage zwischen den rivalisierenden, islamischen Glaubensrichtungen droht zu eskalieren.

Am 7. Juni haben als Frauen verkleidete Attentäter im iranischen Parlament das Feuer eröffnet und eine Explosion ausgelöst. Parallel hat es einen Anschlag auf das Mausoleum von Ayatollah Khomeini gegeben. Bei dem Doppelanschlag sind 17 Menschen getötet und 50 verletzt worden.

Die iranischen Revolutionsgarden haben Saudi-Arabien für das Blutbad verantwortlich gemacht. Reuters zufolge, heißt es in einer Stellungnahme: „Dieser Terroranschlag geschah nur eine Woche nach dem Treffen des US-Präsidenten mit den rückständigen [saudischen] Führern, die Terroristen unterstützen. Die Tatsache, dass Daesh [der IS] die Verantwortung unternahm, beweist, dass sie an dem brutalen Anschlag beteiligt sind.“ (1)

Irans Minister für Nachrichtenwesen und Staatssicherheit, Mahmud Alawi, sagte am Donnerstag, es sei noch zu früh, um eine saudische Rolle bei den Anschlägen beweisen zu können. Jedoch habe es im laufenden Monat „starken Druck von Terroristen“ gegeben. (2)

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Anfang Mai hatte der saudische Verteidigungsminister, Mohammed bin Salman, in einem in der arabischen Welt weit verbreiteten Interview dem Iran quasi den Krieg erklärt: „Wir wissen, dass wir das Hauptziel des Iran sind“, so der Prinz. „Wir warten nicht, bis es einen Kampf in Saudi-Arabien geben wird, also werden wir es so machen, dass es für sie einen Kampf im Iran geben wird.“ (3)

Stellvertreterkriege zwischen den Saudis und dem Iran toben bereits seit Jahren im Jemen und in Syrien, wo iranische al-Quds-Einheiten zusammen mit den Russen und syrischen Regierungstruppen die westlich geförderten Sunni-Dschihadisten bekämpfen.

In den vergangenen Monaten hatte die Terrormiliz Islamischer Staat den Iran gezielt mit Propaganda überzogen. Ende März veröffentlichte er ein Video in persischer Sprache, in dem zum Aufstand der sunnitischen Minderheit im Iran aufgerufen wird. Seitdem wurde die Propaganda in der iranischen Landessprache intensiviert. (4)

Der IS hat sich zu dem Terror in Teheran bekannt. Für die sunnitischen Gotteskrieger und das Saudi-Regime ist der schiitische Islam Ketzerei.

„Mit den theologischen Unterschieden zwischen Sunniten und Schiiten befasst sich eine Myriade von Fachbüchern“, heißt es in COMPACT 02/2016. „Was im aktuellen Zusammenhang mehr interessiert, ist der Unterschied zwischen den Hauptmächten Iran und Saudi-Arabien: In Persien hat sich eine islamische Spielart des Kommunismus mit hohem Maß an Egalitarismus und Gemeineigentum nebst einer Gewaltenteilung zwischen Parlament und Räten etabliert. Im Unterschied dazu ist der Wüstenstaat von einer Art sunnitischem Kapitalismus geprägt, diktatorisch geführt vom Königshaus der Saud und seinen aktuell 700 Prinzen, mit märchenhaftem Reichtum auf der einen und tiefer Armut, ja Sklavenhaltertum (vor allem gegenüber den Gastarbeitern) auf der anderen Seite.

Die innere Repression, messbar zum Beispiel an der Zahl der Todesurteile, ist zwar vergleichbar. Aber der für Europa wichtige Unterschied besteht darin, dass die Schiiten seit etwa 30 Jahren – nach dem Anschlag auf das Berliner Restaurant Mykonos – keine Selbstmordattentate mehr praktizieren und Teheran dem Revolutionsexport abgeschworen hat, während die Saudis rund um den Globus sunnitische Terrorgruppen finanzieren.“

Den Artikel „Der Fluch des Hauses Saud“ lesen Sie in COMPACT 02/2016. Jetzt COMPACT abonnieren

Irans Militär schwört für den Anschlag Rache: „Lasst keinen Zweifel bestehen, dass wir für die (…) Angriffe in Teheran an den Terroristen, ihren Partnern und Unterstützern Rache üben werden“, zitiert die Nachrichtenagentur Mehr einen Brigadegeneral. In einer Stellungnahme behauptet die Revolutionsgarde, dass sie „in der Vergangenheit bewiesen hat, für unschuldig vergossenes Blut Vergeltung zu nehmen“. (5)

Donald Trump, der den Iran schon im Wahlkampf als Terror-Regime brandmarkte, gegenüber den Saudis jedoch beide Augen zudrückt, goss mit einer offiziellen Erklärung Öl ins Feuer: „Staaten, die den Terrorismus fördern“, riskierten, „selbst Opfer des Bösen zu werden, das sie fördern“. Der iranische Außenminister Mohammed Dschawad Sarif nannte die Erklärung des Weißen Hauses „widerlich“.

Dem IS-Experten Charlie Winter zufolge, habe der Anschlag auf Teheran „gewaltige Implikationen“ für die Region. „Die Antwort des Iran könnte die Gestalt des Krieges gegen den IS gänzlich verändern“, twitterte er. „Das ist natürlich genau, was der IS will“. Beziehungsweise: was seine Züchter in Washington, Riad und Israel wollen.

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(1) http://www.reuters.com/article/us-iran-security-guards-idUSKBN18Y24J
(2) http://217.218.67.231/Detail/2017/06/08/524578/Iran-terror-attack/
(3) https://www.theguardian.com/world/2017/may/02/iran-is-seeking-to-control-islamic-world-says-saudi-arabian-prince
(4) https://www.rferl.org/a/iran-islamic-state-propaganda-targets-sunnis/28531534.html
(5) http://theduran.com/breaking-irans-revolutionary-guards-says-saudi-arabia-behind-terrorist-attacks-tehran/

Über den Autor

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Max Z. Kowalsky, Jahrgang 1979, bestreitet sein Dasein als Privatdozent im schönen Genf. Seit 2015 schreibt der studierte Slavist für COMPACT.

 

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