Der Syrienexperte

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Jürgen Todenhöfer gehört zu der Sorte Experten, die nicht nur vom sicheren Schreibtisch aus die Weltlage beobachten. Der ehemalige CDU-Bundestagsabgeordnete bereist seit Jahren die Krisenherde des Nahen Osten oder Afghanistans und fasst nach seinen Gesprächen mit wichtigen Persönlichkeiten und Vertretern des einfachen Volkes seine eigenen, speziellen Urteile. Die Freiheit dazu hat der 73-jährige nach einem bewegten Berufsleben erlangt. Nach seiner Politikkarriere wechselte Todenhöfer als gut bezahlter Manager zu einem der größten Medienhäuser Deutschlands. Heute ist er politisch und ökonomisch unabhängig. Die Erlöse der Bestseller, die Jürgen Todenhöfer heute beinahe am Fließband schreibt, gehen zumeist an soziale Projekte in den Krisenländern.

Im Falle Syriens setzt der Autor statt auf Fortsetzung des Krieges ganz auf eine Verhandlungslösung. So wie er zuvor das allgemeine Islam-Bashing über einen angeblichen aggressiven Islam mit zahlreichen Fakten ausgehebelt hat, kauft der Politprofi im Ruhestand auch nicht die absolute Verteuflung von Bashir al-Assad ab. Die Logik der einseitigen Propaganda gegen die syrische Führung ist für ihn klar: Die Herabsetzung Assads macht ihn als Verhandlungspartner unmöglich und damit eine militärische «Lösung» wahrscheinlicher.

Syrien, so liest man in seinem neuesten Buch «Du sollst nicht töten» grundsätzlich, sei eben kein Ort eines Volksaufstandes gewesen. Dem steht natürlich auch für Jürgen Todenhöfer nicht entgegen, dass das Regime auch legitime Demonstrationen und Widerstand ziemlich brutal zurückgeschlagen habe. Er zitiert ausführlich aus seinen damaligen Gesprächen vor Ort, man habe ihm erzählt, dass weniger der Präsident selbst, als das korrupte System um die Baath-Partei das ursprüngliche Problem gewesen sei. «Eine demokratische Revolution» sei in Syrien jedenfalls nicht zu sehen gewesen, liest man, denn der Präsident habe vermutlich die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich.

In seinem Buch berichtet er auch über Übertreibungen und besucht Orte, die seit 2011 angeblich heiß umkämpft sind, aber in denen in Wirklichkeit relativ wenig passiert. Diese Mischung aus Thesen, Augenzeugenberichten und Fakten setzen Jürgen Todenhöfer bis heute scharfen Angriffe aus den Kreisen der syrischen Opposition aus. Er wird als naiv und parteiisch diffamiert. Todenhöfer besuchte schon im Jahr 2011 Assad persönlich und beschreibt ihn in seinem Buch als eine Art «Hamlet», in dessen Brust wohl zwei Herzen wohnen würden. Brutalität und Fürsorge seien in den Reaktionen des Staatsmannes in dem schrecklichen Bürgerkrieg tatsächlich nicht mehr zu trennen.

Ausführlich beschreibt der Autor die Medienschlacht um Syrien, die Schwierigkeiten, objektive Informationen jenseits der «Breaking News» aus dem Krisengebiet zu erlangen. Todenhöfer beschließt, ein längeres Interview mit Assad zu führen, wohl auch mit der Absicht, dessen Verhandlungsbereitschaft herauszuarbeiten. Verhandlungen wiederum, so die Grundthese von «Du sollst nicht töten», sind immer besser als die Fortsetzung eines sinnlosen Bürgerkrieges. Die Brutalisierung des Konfliktes setzt längst die jahrhundertelange Tradition des Miteinanders der Religionen in der Region endgültig aufs Spiel.

Jürgen Todenhöfer ist auch in den sozialen Medien inzwischen eine Institution. Beinahe 50.000 Facebook-Anhänger lesen regelmäßig die Beiträge und Aufrufe des Autors. Im Kern fordert er auch dort immer wieder eine Verhandlungslösung, auch mit dem, wie er schreibt, „Diktator“ Assad. In allen Beiträgen der letzten Monate prangert er das strategische Desaster an, das der Quasi-Pakt salafitisch-wahabitischer Kämpfer mit den bekannten Unterstützerstaaten auslösen wird. Interessant ist dabei, dass sich Todenhöfer den Ruf eines unbestechlichen Vermittlers erarbeitet hat. Auffallend viele Muslime folgen den Wortmeldungen Jürgen Todenhöfers und unterstützen ihn in seinen Forderungen offensichtlich.

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