Schauspieler, Autor und Regisseur Christian Lerch hat mit Gestorben wird im nächsten Leben einen Dokumentarfilm über die Einwohner einer bayerischen Mini-Ortschaft gedreht. Obwohl nur 31 Kilometer von München entfernt, betritt man dort eine vergessene, eine fremd gewordene Welt, die ihre eigene Exotik, ihr eigenes Subversionspotential besitzt.

    Gibt es noch ein Leben jenseits des Urbanen? In Landflecken und Dörfern, die der Metropolenmensch nur mit Auto passiert, um die nächste Big Town zu erreichen? Ja, gibt es. Aber es ist fremd geworden, exotischer als jeder Tropenwald. Wer hier filmt, glaubt sich als Ethnologe.

    Früher, in den 1970er Jahren berichtete Herbert Achternbusch in seinen Grotesken aus der bayerischen Provinz. Jetzt dringt Christian Lerch mit seinem Dokumentarfilm Gestorben wird im nächsten Leben in diese vergessene Welt: In einer ramponierten Ortschaft an der B12, unweit von München, steht ein baufälliger Gasthof mit Imbissbude, umgeben von Gebäuden, einer Bushaltestelle und Containern. Für flüchtige Besucher ein Nicht-Ort, aber Heimat für die Betreiber. Die wohnen hier seit Jahrzehnten. Die wollen auch gar nicht weg. Wozu auch?

    Landflecken ähneln sich, egal wo. Zentrum ist stets das eigene Haus, bewohnt von einer Großfamilie. Mittendrin ein strapaziöser Patriarch: Egal, ob bei Texas Chainsaw Massacre (1974) oder an der B12. Hier gibt Opa Lorenz (89) regelmäßig bekannt, dass er sterben möchte. Dass er den Schrecken vieler Altergenossen, die Vereinsamkeit, nicht zu teilen braucht, das er sogar noch regelmäßig Freundesbesuch erhält – es hebt seine Laune nicht.

    Der Alltag ist rustikal und schlicht. Ohne Glamour, ohne Trend-Terror. Handy- oder Online-Sucht, Fitness- oder Yoga-Studios, Selbstoptimierungs- und Motivations-Seminare, Tattoo-Läden, Wellness und Schönheitschirurgie, Ellenbogen-Ideologie, Latte-Macchiato-Hipster und andere Schrecken der Gegenwart: Im Gasthof an der B12 findet man sie nicht. Hier trägt und erträgt man sich gegenseitig, praktiziert wahre Toleranz. Im heutigen Globalismus ist so ein Lebensstil 100prozentig subversiv!

    Das Leben der Einwohner hat seinen Schwerpunkt in körperlicher Arbeit, ist vor allem Handwerk. Das impliziert keinewegs geistige Abstumpfung: Schließlich machen zahlreiche Menschen hier Rast, bringen Input mit. Wie in einem US-Roadmovie. Trucker, Touris, selbst ein Zeuge Jehovas schneit herein und erklärt die Bibel. Man kommt ins Gespräch. Interessiert hört man ihm zu, stellt aber auch kritische Fragen. Keine Verbissenheit. Der Dialekt definiert die Gemeinschaft. Auch der Zuschauer versteht ihn nicht durchgehend: Gerne hätte man manches Wort im Untertitel übersetzt gehabt.

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    Regisseur Christian Lerch zeigt in Gestorben wird im nächsten Leben eine Form widerständigen Lebens gegen neoliberale Atomisierung und Verlorenheit – ohne falsche Romantisierung. Vielleicht ist es die Exotik dieses alternativen Lebens, die den Film zum Festival-Liebling auf der diesjährigen DOK.fest München avancieren ließ.

    Trailer:



    Ab dem 09. August im Kino.

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