In Großbritannien deutet sich bei den anstehenden Europawahlen eine Umwälzung des bestehenden Parteiensystems an.

    Laut einer gestern veröffentlichten Umfrage zu den Europawahlen in Großbritannien, die für die Zeitung The Observer erhoben wurde, könnte die erst im Januar dieses Jahres gegründete Brexit Party des EU-Skeptikers Nigel Farage stärker abschneiden als die beiden großen traditionellen britischen Parteien zusammengenommen.

    Demnach würde die Brexit Party 34 Prozent erhalten, die sozialistische Labour Party 21 Prozent und die konservativen Tories bloß noch elf Prozent. Die Liberaldemokraten, die für einen Verbleib des Königreichs in der EU sind, liegen nach der Umfrage bei zwölf Prozent, die Grünen bei acht Prozent und Farages frühere Partei, die UK Independence Party UKIP bei vier Prozent.

    Farage fürchtet den Putsch der Politiker

    Der noch nicht einmal seit einem Monat bestehenden Partei Change UK werden gerade einmal drei Prozent gegeben. Sie war von früheren Labour- und Tory-Abgeordneten gegründet worden, die gegen den Austritt des Königreichs aus der EU sind. Die Europawahlen finden in Großbritannien schon am Donnerstag, dem 23. Mai, statt.

    Auch der derzeit laufende Wahlkampf zeigt, wie groß die Popularität von Farages neuer Partei ist. Der Europaabgeordnete füllt bei seinen Auftritten große Hallen, obwohl er Eintrittsgeld für seine Veranstaltungen verlangt. Neben ihm tourt mit Tim Martin der Inhaber der größten britischen Pub-Kette „Whetherspoon“ durch das Land, der schon vor dem Referendum im Jahr 2016 eine der wichtigsten Stimmen der Brexiteers war.

    Mit einem Abo von COMPACT erhalten Sie Monat für Monat spannende Texte, Interviews und Reportagen aus Politik, Kultur und Wirtschaft – außerdem unterstützen Sie ehrlichen Journalismus in Zeiten der Lüge. Hier geht´s zum Abo.

    In seinen Reden vergleicht Farage die Versuche zur Ansetzung eines neuen Referendums mit der Annullierung der Kommunalwahlen in Istanbul durch Recep Tayyip Erdoğan. Tatsächlich könnte nach den Europawahlen ein Putsch gegen die britischen Wähler anstehen. Die konservative britische Premierministerin Theresa May befindet sich im Panik-Modus, nachdem ihre Partei bei den britischen Kommunalwahlen vom 2. Mai dieses Jahres, bei denen in Nordirland wie auch in einigen ausgewählten Regionen Englands gewählt wurde, 40 Prozent ihrer Mandate verloren hat. Auch die linke Labour Party wurde bei den Kommunalwahlen abgestraft.

    Flüchtet sich May in zweites Referendum?

    Dieses Ereignis scheint bei May dazu geführt zu haben, dass sie nun alle bisher von ihr vertretenen Prinzipien über Bord wirft. So soll die britische Premierministerin Labour-Chef Corbyn vorgeschlagen haben, dass das Königreich noch auf längere Zeit hinaus in der Zollunion verbleibt. Laut der britischen Zeitung Daily Telegraph erwägt May nun wohl auch die Abhaltung eines zweiten Brexit-Referendums, was sie zuvor immer strikt abgelehnt hatte. Aber auch in der eigenen Partei wächst der Druck auf May, zuletzt hatte das innerparteilich einflussreiche 1922er-Komitee der Tories die britische Premierministerin aufgefordert, endlich ein Rücktrittsdatum zu nennen, nachdem sie im Unterhaus zahlreiche Abstimmungsniederlagen bei den von ihr vorgelegten Brexit-Konzepten hatte hinnehmen müssen und deshalb das geplante Austrittsdatum am 23. März nicht mehr zu halten war.

    Kommentare sind deaktiviert.