„Sozialismus und Nation“: Das patriotische Bekenntnis des Sozialdemokraten Hermann Heller

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Patrioten wie Friedrich Ebert, Ernst Niekisch oder Kurt Schumacher sucht man in der heutigen SPD vergeblich. Auch der Staatsrechtler und Sozialdemokrat Hermann Heller hat mit seiner Schrift Sozialismus und Nation ein leidenschaftliches Bekenntnis zu Deutschland abgelegt – und taugt wahrscheinlich auch deshalb im Berliner Willy-Brandt-Haus bestenfalls noch als Randnotiz. 

Auch Willy Brandt zeigte sich im Bundestagswahlkampf 1972 patriotisch. Foto: Sir James, CC-BY 4.0, Wikimedia Commons

Im Jahr 1922 erhob Reichspräsident Friedrich Ebert das Lied der Deutschen von Hoffmann von Fallersleben in allen drei Strophen zur Nationalhymne. Der Sozialdemokrat war ein Patriot reinsten Wassers – seine Entscheidung begründete er damals wie folgt: „Einheit, Freiheit, Vaterland! Diese drei Worte waren der Leitstern, unter dem die Paulskirche wirkte. Sie sind auch Kern und Stern des Daseinskampfes, den wir heute zu führen gezwungen sind. So wie einst der Dichter, so lieben wir heute Deutschland über alles.“

Leidenschaftliche Bekenntnisse zur eigenen Nation waren auch nach dem Zweiten Weltkrieg unter Sozialdemokraten überhaupt nicht verpönt. Bestes Beispiel ist Kurt Schumacher, 1930 bis 1933 Reichstagsabgeordneter der SPD, zur Zeit des Dritten Reiches inhaftiert in mehreren Konzentrationslagern der Nazis und ab 1946 bis zu seinem Tod im Jahre 1952 SPD-Parteivorsitzender. Schumacher bekannte am 17. August 1951 in einer Rede in Berlin: „Wir tun unsere Pflicht der nationalen Selbstbehauptung auf jedem Gebiet gegenüber jedermann.“ Und er erklärte: „Die Demokratie drückt sich national aus in dem Selbstbestimmungsrecht der Völker.“

Selbst der langjährige nordrhein-westfälische Ministerpräsident und spätere Bundespräsident Johannes Rau sagte noch 2000 in seiner Weihnachtsansprache: „Mit vielem können wir in Deutschland sehr zufrieden und auf manches auch mit Recht stolz sein.“ Und Bundeskanzler Gerhard Schröder wurde in der Süddeutschen Zeitung vom 29. März 2001 mit den Worten zitiert: „Ich bin auf die Leistungen der Menschen und auf die demokratische Kultur stolz. Und in diesem Sinne bin ich ein deutscher Patriot, der stolz ist auf sein Land.“

Sozialdemokrat aus Überzeugung

Wie sein Zeit- und Parteigenosse Friedrich Ebert war auch der Staatsrechtler Hermann Heller ein glühender Patriot. 1925 veröffentlichte er im Berliner Arbeiterjugend-Verlag ein bemerkenswertes Buch mit dem Titel Sozialismus und Nation, das nun vom Jungeuropa-Verlag – mit einer aktuellen Vorrede von Dr. Dr. Thor von Waldstein – neu aufgelegt wurde. Das Werk kann über den Online-Shop von COMPACT bezogen werden.

In dieser politischen Schrift, die heute aktueller denn je ist, wagt Heller eine Synthese von nationalen und sozialistischen Standpunkten, die vollkommen losgelöst sind von dem zwar sprachlich, aber keinesfalls ideologisch verwandten Nationalsozialismus, dessen scharfer Gegner der Autor schon allein aufgrund seiner jüdischen Herkunft sein musste.

Hermann Heller (1891–1933): Staatsrechtler, Sozialdemokrat und Patriot. Foto: CCO

Heller wurde am 17. Juli 1891 im schlesischen Teschen geboren. Nach dem Abitur studierte er in Kiel, Wien, Innsbruck und Graz Rechts- und Staatswissenschaften, am Ersten Weltkrieg nahm er als Freiwilliger teil, während eines Heimaturlaubs wurde er promoviert und war fortan bis zum Ende des Krieges in der Militärgerichtsbarkeit tätig. Seine wissenschaftliche Laufbahn begann er, inzwischen habilitiert, 1919 wiederum in Kiel, wo er am Institut des Rechtsphilosophen Gustav Radbruch arbeitete, der ihn 1920 dazu bewog, in die SPD einzutreten. Während des Kapp-Putsches im selben Jahr versuchten die beiden Sozialdemokraten zwischen den Lagern zu vermitteln.

1921 ging Heller als Professor nach Leipzig, später nach Berlin, wo er zunächst als Referent für ausländisches öffentliches Recht und Völkerrecht am Kaiser-Wilhelm-Institut arbeitete, bevor er 1928 an der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin zum außerordentlichen Jura-Professor ernannt wurde. 1932 übernahm er den Lehrstuhl für Öffentliches Recht an der Frankfurter Goethe-Universität. Im selben Jahr war er nach Hindenburgs sogenanntem Preußenschlag juristischer Vertreter der SPD-Landtagsfraktion im Verfahren „Preußen contra Reich“ vor dem Staatsgerichtshof. Als sein Prozessgegner trat damals Carl Schmitt auf, mit dem er heftige Kontroversen führte – auch außerhalb des Gerichtssaals.

Nach der Machtübernahme Hitlers ging Heller ins Ausland. Zunächst unternahm er eine Vortragsreise durch Großbritannien, dann wurde ihm eine Gastprofessur in Madrid angetragen. Inzwischen war er in seiner Heimat aufgrund seiner jüdischen Herkunft aus dem Staatsdienst entlassen worden. Am 5. November 1933 erlag er schließlich in der spanischen Hauptstadt einem Herzleiden, das er sich schon während des Krieges infolge einer Verwundung zugezogen hatte.

Abkehr vom Internationalismus

In Sozialismus und Nation hebt sich Heller deutlich vom marxistischen Internationalismus ab und knüpft an die Tradition einer nationalen Sozialdemokratie im Geiste Ferdinand Lassalles an. Er schreibt:

Die Nation ist eine endgültige Lebensform, die durch den Sozialismus weder beseitigt werden kann noch beseitigt werden soll. Sozialismus bedeutet keineswegs das Ende, sondern die Vollendung der nationalen Gemeinschaft, nicht die Vernichtung der nationalen Volksgemeinschaft durch die Klasse, sondern die Vernichtung der Klasse durch eine wahrhaft nationale Volksgemeinschaft.

Der Sozialismus wende sich gegen „den Geist der kalten Rechenhaftigkeit, der die heutigen Gegenseitigkeitsbeziehungen völlig beherrscht“. Er sei „Ausdruck der tiefen, im Menschengeschlecht nie ersterbenden Sehnsucht nach Verinnerlichung des Verhältnisses von Mensch zu Mensch; er ist im letzten der Wunsch nach Umgestaltung der äußeren Gesellschaft in innere Gemeinschaft“.

Was genau Heller unter Sozialismus versteht, bleibt – wenn man demgegenüber seine 1934 veröffentlichte Staatslehre mit ihren akribisch ausformulierten Definitionen betrachtet – relativ unklar. Im Kapitel „Vom Wesen des Sozialismus“ kann man lesen, dass der Sozialismus für ihn „die menschenwürdigere und gerechtere Ordnung“ darstellt, während er im Kapitalismus einen „Vandalismus“ sieht, der die Beziehungen zwischen den Menschen zerstöre.

Weiter schreibt Heller: „Sozialismus heißt gerechte Herrschaft der Gemeinschaftsautorität über die Wirtschaft.“ Er wende sich „gegen die Klassenherrschaft, in der über den Anteil an Erziehung und Bildung, an gesellschaftlicher Macht und Ehre nicht persönliche Begabung und Fähigkeit in erster Linie entscheiden, sondern vornehmlich äußere, wirtschaftliche Verhältnisse“.

Zugleich stellt er klar:

Die Gegner, aber auch manche gedankenlose Freunde des Sozialismus sind der Meinung, der Sozialismus bedeute nicht nur Beseitigung der Klassenungleichheit, sondern allgemeine Gleichmacherei. Solchen Unsinn haben Marx und Engels oder sonstige sozialistische Führer nie behauptet. Im Gegenteil: Engels betont mit aller Schärfe, dass der Inhalt der sozialistischen Gleichheitsforderung einzig und allein die Abschaffung der Klasse ist.

Soziale Homogenität

Einig war sich Heller mit seinem großen Kontrahenten Carl Schmitt darin, dass ein gewisses Maß sozialer Homogenität innerhalb eines Volkes notwendig ist, um es als politische Einheit zu begreifen.

Heller verstand darunter einen „sozial-psychologischen Zustand, in welchem die stets vorhandenen Gegensätzlichkeiten und Interessenkämpfe gebunden erscheinen durch ein Wirbewusstsein und -gefühl, durch einen sich aktualisierenden Gemeinschaftswillen“. Fehle es in einer Demokratie an einer „gemeinsamen Diskussionsgrundlage“, sei eine einheitliche politische Willensbildung nicht mehr möglich – und es drohe „Bürgerkrieg, Diktatur, Fremdherrschaft als Möglichkeiten“.

Eine pluralistische Vielfalt leugnet Heller dabei keinesfalls. Nur sei es notwendig, die Zentrifugalkräfte der Gesellschaft durch gemeinschaftliche Mechanismen und Überzeugungen so im Zaum zu halten, dass daraus kein Staatszerfall resultiert. Politik ist für ihn die „Organisation von Willensgegensätzen aufgrund einer Willensgemeinschaft“.

Am 24. Oktober 1929 brachen an der Wall Street alle Dämme. Der „Schwarze Freitag“, der sich daraufhin auch in Deutschland ereignete, hat sich bis heute ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Die neuen 20er Jahre könnten ebenfalls wieder zu einem Jahrzehnt des ökonomischen Zusammenbruchs werden. Viele renommierte Autoren wie Dirk Müller, Max Otte oder Markus Krall rechnen mit einem Crash, wie es ihn so noch nie zuvor in der Geschichte der Weltwirtschaft gegeben hat. Lesen Sie alles zu diesem Thema und den anstehenden gigantischen Umwälzungen in der aktuellen Ausgabe des COMPACT-Magazins, die auch unter COMPACT-Digital+ abgerufen werden kann.

Im Gegensatz vielen heutigen Sozialdemokraten erkannte Hermann Heller in der sozialen und politischen Spaltung einer Gesellschaft eine Gefahr für den Bestand der Nation. Ihm ging es darum, einen Interessenausgleich zu schaffen, statt die Gräben weiter zu vertiefen. Sehr bewusst war ihm dabei der Einfluss der öffentlichen Meinung auf das demokratische Staatswesen.

Damit nahm er jene Grundsätze der sozialen Demokratie vorweg, die später ins Grundgesetz einflossen. Heller war, auch wenn er bereits 1933 verstarb, einer der oft zitierten „Väter des Grundgesetzes“, auch wenn er als Vordenker der bundesdeutschen Verfassung zumeist nicht genannt wird. Über die heutige SPD unter „Eskabo“ – Saskia Esken / Norbert Walter-Borjans – und Kevin Kühnert würde Hermann Heller wohl nur den Kopf schütteln. Dass man ihm in der sozialdemokratischen Ahnenreihe keinen würdigen Platz mehr einräumen mag, darf daher nicht verwundern.

Über den Autor

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Daniell Pföhringer, Jahrgang 1973, stammt aus Bayern, wuchs in Hamburg auf und studierte dort Politikwissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaften. Seit Oktober 2017 ist er Redakteur von COMPACT-Magazin und betreute federführend diverse Sonderausgaben wie COMPACT-Spezial „Finanzmächte“, „Politische Morde“ oder „Tiefer Staat“.

4 Kommentare

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    Daß F.Ebert als Sozialdemokrat das Deutschlandlied mit allen 3 Strophen zur Nationalhymne gemacht hat, wird viel zu selten betont, sodaß manch Jugendlicher glaubt, das 3.Reich hätte es getan! Und Daß "Einigkeit" an 1. Stelle steht, ist auch nachvollziehbar, die hast du bei den deutschen Stämmen eben nicht! Schon Tiberius meinte als römischer Feldherr: "Überlassen wir die Germanen (Deutschen) ihren inneren Streitigkeiten!" (Und wir sind unbehelligt fein raus.)
    Da läd man sich lieber Fremde ins Land und ist sicher, daß ein Afrikaner kein Preuß, Bayer oder Ostfriese ist., die man sowieso nicht leiden kann, über die man Witze macht!
    Das gilt und galt auch für den Sozialismus, nur 1970 konnte man das noch nicht so offen sagen. Damals gab es noch genug durch die Kaiserzeit (gute alte Zeit) geprägte Wähler, die die Fremdenliebe und die Einstellung den Sozialismus vor allem mit dem Rest der Welt zu teilen, nicht goutiert hätten. Die sind heute tot und man braucht keine Rücksicht mehr auf sie zu nehmen.

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    Wenn es je einen Artikel auf COMPACT Online gab, den es sich zu lohnt zu "bookmarken", dann dieser. Welch schöne Sammlung von Zitaten und mithin berechtige Ehrung unserer patriotischen Vorfahren.

    Fühle mich bestätigt, dass ich mich über den aktuellen "Untergang der SPD" allenfalls bedingt bzw. taktisch zu freuen vermag – nicht jedoch strategisch. Denn die Frage lautet: Was ist die Alternative?

    Danke, Herr PFÖHRINGER, für dieses gelungene Weihnachtsgeschenk!

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    Deutschösterreicher aus dem Wienerwald am

    Alles gut und schön, aber hier macht sich jemand die Welt, so wie sie ihm gefällt. Die Gleichmacherei hat ihren Ursprung bei Marx (daß sie im Bolschewismus mit seinen Vorrechten für die Kader auch nicht verwirklicht wurde, macht die Sache ja nicht besser), ebenso der Internationalismus. Sozial geht nur national. Allenfalls kann ich zugestehen, dass das für einen patriotischen Menschen jüdischer Abstammung natürlich ein Problem ist, wenn ein nationaler Sozialismus aufkommt, der im Kern antisemitisch ist. Für Heller konnte das klarerweise keine Alternative sein, deswegen die Augen vor den Grundfehlern des marxistischen Sozialismus zu verschließen, funktioniert allerdings auch nicht (abgesehen vom Antisemitismus, den es auch unter Sozialdemokraten und Kommunisten gab)

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      HERBERT WEISS am

      Gegen eine pauschale Gleichmacherei habe auch ich etwas. Aber ebenso gegen gegen eine Fortschreibung althergebrachter Besitzstände für alle Zeit Vielmehr bedarf es einer sozialen Durchlässigkeit unserer Gesellschaft für die Cleveren wie auch eines gerechten sozialen Ausgleichs für die etwas weniger Tüchtigen.

      Das Verhältnis der Nationen untereinander muss ebenso von einem Miteinander auf Augenhöhe geprägt sein. Eine gewisse Ungleichheit wird sich auch hier nicht vermeiden lassen, dennoch muss es dabei fair zugehen.

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