Sierra Nevada – Verletzt und alleine in der Wildnis

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_ein Reisebericht

10.00 Uhr morgens. Ich liege verletzt in der menschenleeren Wildnis der Sierra Nevada. Ich habe mich entschlossen, mich heute erst einmal ruhig zu verhalten und meinem Rückentrauma die Möglichkeit zu einer schnelleren Heilung zu geben. Ich habe Zeit!

Wir sind zu viert auf einer Hochgebirgs-Trekking-Tour in der Sierra Nevada, die sich von Norden nach Süden durch die atemberaubenden Landschaften des amerikanischen Südwestens zieht.

Wir hatten auf dem Parkplatz, der schon in Zugspitzhöhe liegt, einen Tag in Ruhe verbracht, um sicher zu sein, daß jeder höhenakklimatisiert ist. Am nächsten Tag steigen wir zu einem Paß auf, der noch unter 4000 m liegt. Der Tag verläuft gut. Wir genießen die karge und wilde Landschaft und das Gefühl, die Zivilisation hinter uns zu lassen.

Das Bärenproblem

Bevor wir uns am Abend in den Zelten schlafen legten, mussten die Lebensmittel sorgfältig aufbewahrt werden. Hier gibt es Bären, die gefährlich werden können. Die Erfahrung lehrt aber, dass sie sich bei der Annäherung von Menschen davontrollen – wenn sie nicht Lebensmittel riechen. Dann allerdings lassen sie jede Vorsicht fallen und bestehen darauf, diese Lebensmittel ausfindig zu machen und, wenn es sein muss, mit roher Gewalt. Diese Braunbären haben gewaltige Kräfte. Sie haben schon verschlossene Autotüren aus Schloss und Angeln herausgerissen.

Deswegen oberstes Gebot: Keine Lebensmittel oder auch nur Essensreste an sich selber oder im Zelt. Alle Lebensmittel und geruchbehaftete Gegenstände müssen für die Nacht in bestimmter Weise an Bäumen aufgehängt werden: einmal in gehörigem Abstand vom Zeltplatz und dann gleichverteilt an den beiden Enden eines Seils, das über einen Ast geworfen wird. Der Ast muss so stark sein, dass er das Gewicht der Lebensmittel und Utensilien trägt, nicht aber den Bär, der sonst den Baumstamm hinauf- und auf dem Ast hinausklettern und die Pakete hochhieven würde – tatsächlich vorgekommen.

Nachdem das Seil über den Ast geworfen worden ist, wird erst eines der beiden Pakete an dem einen Ende des Seils befestigt und ein ganzes Stück nach oben gezogen, dann das andere Paket am anderen Ende so hoch befestigt, wie man reichen kann. Danach wird das niedrigere Paket mit einem Stock so weit nach oben geschoben, dass beide Pakete in einer Höhe hängen, die der Bär nicht erreichen kann.

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Unfall

Ich erzähle dies so ausführlich, weil diese „Balanced food storage“ im Zusammenhang mit meiner Verletzung steht. Als ich am nächsten Morgen unseren Proviant wieder herunterholen will, will mir Volker helfen. Ich versäume es, ihn damit entweder alleine klar kommen zu lassen oder darauf zu bestehen, dass ich die Aktion alleine mache. Tatsächlich zieht er am falschen Ende, als er das Seil herunterholen will, und es verheddert sich im Geäst.

Bei Wildnis-Trekking ist man in einer Situation wie im Flugzeug, wie auf dem Schiff oder wie im Operationssaal, wo der Verantwortliche oder die Verantwortlichen nach ihrer Erfahrung entscheiden müssen und die Neulinge sich nach diesen Entscheidungen richten müssen. Es wäre gefährlich, nach demokratischen Regeln vorzugehen.

Die Gefahren sind jeweils verschiedene. In der High Sierra sind es u.a. Bären, giftige Schlangen, mögliche Unwetter und reißende Bäche oder Flüsse. Von großer Wichtigkeit ist aber immer, dass alle Mitglieder der Gruppe gesund bleiben und sich nicht verletzen. Es steht keine medizinische Versorgung zur Verfügung. Eine Verletzung kann fatale Folgen haben. Das heißt, dass jeder Einzelne Verantwortung für sich selbst und für die anderen Gruppenmitglieder übernehmen muss. Er darf weder sich selbst noch andere in Gefahr bringen. Abenteuer darf man nicht suchen. Oft genug muss man solche bestehen, die bei aller Vorsicht durch unvorhergesehene Situationen entstehen.

Wir ziehen also beide am Seil. Es gibt plötzlich und unerwartet nach, und ich falle mit dem Rücken auf einen Baumstamm, der am Boden liegt. Der Aufprall ist immerhin so stark, dass mir schlecht wird und ich für einen Augenblick nur noch halbbewusst bin. Mit Schmerzen kann ich dann noch relativ leicht zum Zeltplatz zurückgehen. Dann aber wird mein Rücken steif und ich kann mich nicht mehr bewegen.

Wir müssen die bestmögliche Entscheidung treffen

Was sollen wir nun machen? Astrid und ich haben eine Verpflichtung den beiden anderen gegenüber, die Tour nur abzubrechen, wenn es unbedingt nötig ist. Astrid sieht sich meinen Rücken an. Sie hat nicht nur sportmedizinische Erfahrungen, sondern auch eine erstaunliche Intuition bei der Einschätzung einer gesundheitlichen Verfassung. Sie hält es für ziemlich eindeutig, dass mein Rückgrat nicht betroffen ist. Wir kommen zu dem Ergebnis, dass ich die üblichen reflektorischen Muskelverkrampfungen nach einem Rückentrauma habe.

Wir entschließen uns, dass ich mit Zelt und Proviant zurückbleibe und darauf warte, dass die Krämpfe nachlassen und ich alleine zum Parkplatz zurückmarschieren kann. Die Gruppe setzt die Tour fort, die den Kern Canyon hochführt und entlang einem Höhenzug, dem Pacific Crest Trail, den Parkplatz aus einer anderen Richtung wieder erreicht. Sie werden den geplanten Ruhetag ausfallen lassen, um einen Tag früher zurück zu sein. Für den Fall, dass sie mich nicht auf dem Parkplatz treffen, trekkt einer wieder zu mir, um mich herauszuholen.

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Wir sind damit ein gewisses Risiko eingegangen, waren aber der Auffassung, dass unsere Diagnose, die man in so einer Situation ja selbst stellen muss, genügend wahrscheinlich ist, um unseren Plan durchführen zu können. Allerdings gäbe es keine Möglichkeit, Hilfe zu holen, falls ich dies für notwendig hielte.

Ich richte mich aufs Alleinsein ein

Die Gruppe hinterlässt Proviant für mich und zieht weiter. Mittags wird die Sonneneinstrahlung zum Problem. Ansonsten fühle ich mich nicht schlecht. Ich nehme eine meditative Haltung an, mit der ich wahrnehme, „was gerade ist“: die Bäume im Wind, der Bach, die Wolken … Ich genieße die Stille, das Ausruhen, das Zeitlose.

Später am Nachmittag kann ich mich mit relativ geringen Schmerzen von der Seite auf den Rücken drehen und schöpfe Hoffnung, dass ich in zwei Tagen wieder so weit funktional bin, dass ich sogar mit Rucksack zurückmarschieren kann.

Mein Zustand verschlimmert sich

Am nächsten Tag um 9.00 Uhr. Zu meinem Schrecken geht es mir heute morgen schlechter statt besser. Ich kann nur unter erheblichen Schmerzen überhaupt irgendeine Bewegung ausführen. Dabei bereiten Stehen und langsames Gehen noch am wenigsten Schmerzen. Ich liege jetzt wieder erschöpft im Zelt, nachdem ich mir Frühstück gemacht und Wasser geholt habe. Die Mückenplage ist heute bei etwas gedrücktem Wetter unerträglich geworden, selbst mir unerträglich, der ich sonst im Vergleich zu anderen mückenresistent zu sein scheine. Mein ganzer Kopf ist rot verschwollen von Mückenstichen. Ich muss mich immer wieder ins Zelt retten, die Moskitonetze schließen und innen auf Mückenjagd gehen – sehr schwierig und sehr schmerzhaft.

Der Plan

Am nächsten Tag. Keine Besserung. Ich entschließe mich zu Folgendem: Ich werde heute den ganzen Tag, und vermehrt noch die Nacht über, Aspirin nehmen (Ibuprofen war im Verbandspack nur in einer lächerlichen Dosis vorhanden), morgen ganz früh, vielleicht 6.00 Uhr, herzhaft frühstücken, mir eine Notration und die Wertsachen zurecht legen und alles andere Gepäck geruchsicher im Zelt verstauen. Dann werde ich ein leichtes Gepäckstück schnüren und mich zu einem beherzten Tagesmarsch aufmachen, mit dem Ziel, in einem Tag die Zivilisation zu erreichen, d. h. den Parkplatz oberhalb Lone Pine.

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Kann ich durchkommen?

Ob sich mein Aufbruch zurück zur Zivilisation überhaupt durchführen lässt, werde ich wissen, wenn mir mit leichtem Gepäck die Flussüberquerung etwa 200 – 300 m nördlich von hier gelingt. Dann kann ich ohne größeres Risiko weitermarschieren und in einem Tag den Parkplatz erreichen. Ich werde ohne schweres Gepäck sein und mehr Zeit haben, als wir uns auf dem Weg hierher genommen haben und relativ schnell marschiert sind. Die Tatsache, dass es mir kaum besser geht, macht mir Sorgen. Ich ziehe in Erwägung, dass ich doch eine schwerere Verletzung als die üblichen Muskelverkrampfungen habe und eigentlich aus der Wildnis heraus müsste, um mich sofort in medizinische Behandlung zu begeben?

Dabei halte ich die Chancen durchzukommen eigentlich für ziemlich gering. Ich muss die Strecke ja an einem Tag schaffen, da ich nicht genügend Ausrüstung tragen kann, um eine Nacht in der Wildnis überstehen zu können, nämlich bei Temperaturen bis hinunter zum Gefrierpunkt.

Ich baue mich psychisch auf

Schließlich baue ich mich durch den Gedanken auf, dass ich beim Gehen möglicherweise einen Bewegungsablauf entwickeln könnte, bei dem meine Schmerzen so erträglich wären, dass ich durchkäme. Als praktische Vorgehensweise nehme ich mir vor, dass ich mich erst einmal bis zur Flussüberquerung durchschlage. Wenn mir diese gelingt und ich danach genügend Zuversicht habe, will ich den großen Sprung wagen – vergleichbar der Pilotenpraxis, sich auf der Startbahn einen Punkt vorzunehmen, an dem man den Start gerade noch abbrechen könnte oder aber ohne Rücksicht auf Verluste mit voller Motorenleistung durchhalten müsste. In jedem Fall aber will ich mir für den Marsch so viel Zeit wie möglich nehmen, um durch die Möglichkeit vieler Pausen meine Chancen zu erhöhen. Mein Plan ist es daher, bei Anbruch des Morgens um 6.00 Uhr aufzubrechen, um 14 Stunden Helligkeit ausnutzen zu können. Da ich komplizierte Verrenkungen machen muss, um überhaupt frühstücken und packen zu können, will ich um 4.00 Uhr aufstehen.

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Grenzerfahrung

In der Nacht steht mir vor Augen, dass ich in einer Situation bin, in der eine einzige zusätzliche Gefahr durchaus meinen Tod bedeuten könnte. Es gibt keine Möglichkeit, Hilfe herbeizuholen. Ich könnte von einem Bären angegriffen werden. Ich könnte unsichtbare innere Verletzungen haben, durch sie langsam verbluten und unfähig sein, bis zu meiner Rettung durch Astrid auszuharren. Ich könnte aufbrechen, aber die Strecke nicht an einem Tag schaffen und ohne weitere Kleidung die Nacht nicht durchstehen. Ich habe keine Möglichkeit der Kommunikation mit der Außenwelt.

Ich bin in einer der Situationen, die in früheren Zeiten üblich waren, wenn man beispielsweise in einer abgeschiedenen Situation selbst, ohne Arzt, zu einer medizinischen Einschätzung kommen musste, um eine den Umständen gemäße beste Entscheidung zu treffen. So hatten wir ja beide zusammen, Astrid und ich, die Einschätzung getroffen, dass ich keine ernstere Verletzung, sondern eine schwere Prellung und Muskelkrämpfe hatte.

Das musste ja nicht richtig sein. Es mag übertrieben klingen, aber es ist schon eine Situation, in dem einem klar wird, dass man immer mal wieder in einer Situation ist, die im normalen übertechnisierten Leben mit seinen vermeintlichen Sicherheitsgarantien verdeckt wird, in der aber klar wird, dass jeder nicht genutzte Tag verschwendet und zu wertvoll ist, als dass man sich ihn durch Sorgen oder Belastungen irgendwelcher Art wegnehmen lassen darf. Dazu gehört auch die Nähe zu seinen Liebsten, die man nicht nachholen kann, wenn eines Tages nur noch wenig Zeit bleibt. Also sich keine Sorgen machen, auch nicht über den Lebensunterhalt, und lieber die Haltung einnehmen: Provideth the Lord not for the lilies of the field and the beasts in the woods? Wahrscheinlich habe ich zwei Bibelsprüche zusammengewürfelt.

Vorbereitungen für den Aufbruch

Am folgenden Tag Aufbruch! Ich habe den Wecker an meiner Armbanduhr nicht gehört und bin erst um 5.30 Uhr aufgewacht. Trotz einer Temperatur nahe dem Gefrierpunkt werde ich mit ungenügender Kleidung sofort aktiv. Mit den komplizierten Bewegungsabläufen, die meine Schmerzen auf einem Minimum halten, brauche ich bis 8.00 Uhr, um ein solides Frühstück als Grundlage für den Tag zu bereiten (das Gas im Kocher reicht nur noch für eine Tasse Kaffee), mir eine Notausrüstung für den Tag zusammenzustellen, alles andere geruchsicher im Backpack (Trekking- Rucksack) zu verpacken, diesen noch einmal in eine nach Gummi riechende Plane einzuschlagen und schließlich ins Zelt zu schieben. Ich stelle sicher, dass ich keine offenen Lebensmittel im Rucksack habe, diese vergrabe ich. Obwohl die Plane diesen starken Gummigeruch hat, bleibt ein Risiko. Entgegen den Vorschriften vergrabe ich Abfälle einschließlich Plastikfolien im Wald, um einmal mein Gepäck auf einem absoluten Minimum zu halten, zum anderen, um alles irgendwie Geruchbehaftete vom Zelt fernzuhalten. Nachdem der Backpack im Zelt ist, verschließe ich es mit den Reißverschlüssen. Nach einem Rundblick, ob noch irgend etwas nicht im Zelt verstaut ist, breche ich mit ersten vorsichtigen Schritten auf.

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Ich marschiere los

Ich habe nur das Nötigste eingepackt: Trockennahrung für den Tag, Wertsachen, Arznei, meine Gehstöcke, Regenjacke, Astrids Taschenmesser (als kleine Freude für sie, falls alles verloren geht), zwei Wasserflaschen, von denen ich vor der Flussüberquerung nur eine fülle, Aspirin, Sonnenbrille. Ich nehme noch die Beine für meine konvertierbare Hose mit sowie ein langärmeliges Hemd, so dass ich zusammen mit der Regenjacke gegen Kälte notdürftig geschützt wäre, sollte ich unterwegs liegenbleiben. Dann müsste ich auf Astrid warten, die in etwa zwei Tagen mir auf demselben Weg entgegenkäme.

Alles ein gewisses Risiko und unter der Annahme, dass ich an nicht mehr als unter dieser Muskelverkrampfung leide, so dass ich also ruhig so lange marschieren kann, wie es meine Schmerzen zulassen. Als ich vorsichtig losmarschiere, verfalle ich automatisch in meinen alten Knie- und Rückenschonungslaufstil, der sich nach langjährigem Sport als problematisch erwiesen hatte. Ich habe mir aus dem Top des Backpacks einen Mini-Backback konstruiert. Es stellt sich aber heraus, dass ein Gewicht an meinem linken Arm meine Schmerzen sogar lindert, so dass ich schließlich dieses Gewichtstück den ganzen Tag unter dem linken Arm trage. Schnell komme ich an meinen selbst gesetzten „Point of no return“, die Flussüberquerung. Der Schuhwechsel zu Flusssandalen ist relativ problemlos. Dann aber stellt es sich heraus, dass wir die eigentliche Furt beim ersten Mal übersehen hatten. Die richtige ist harmlos, und der Ausstieg ist fast wie eine Badetreppe.

Die Rettung ist gesichert

Nachdem ich meine Schuhe wieder gewechselt habe, ist klar, dass ich heute mein Ziel erreichen werde. Ich fülle an einem klaren Seitenbächlein meine zweite Wasserflasche und mache mich auf den Weg. Meine Rückenschmerzen sind sogar so erträglich, dass ich die schöne Landschaft erst jetzt richtig genießen kann. Zu meinem großen Erstaunen bin ich schon nach vier Stunden (jetzt eben ohne Backpack und Ablenkung durch die Gruppe) am Aufstieg zum Trail Pass. Am Fuße des Berges wird mir schwindelig. Ich bin bisher langsam und stetig, aber ohne Pause marschiert. Also jetzt erst einmal Pause zum Trinken, Essen und Ausruhen. Danach langsamer und bedächtiger Aufstieg, ohne aber eine Pause einzulegen, und Überquerung des Passes. Schließlich die krönende Ankunft an unserem Wagen auf dem Parkplatz. Ich habe es geschafft, und zwar so gut, dass ich schon um 16.00 Uhr auf dem Horseshoe Meadow Parkplatz bin! Ich habe acht Stunden gebraucht. Bei zügigerem Schritt und ohne Gepäck wären sechs Stunden möglich.

Ich will keine Zeit verlieren, um noch heute ein Zimmer und ärztliche Behandlung zu bekommen. Ich besorge mir Papier und Stift und pinne ein Nachricht an ein Schild mit Parkregeln. Ich schreibe: ‚Ich bin ins Tal hinuntergefahren und werde zum Parkplatz zurückkehren. Meine Ausrüstung ist noch auf unserer Lagerstätte.’ So kann einer sofort aufbrechen, um die Ausrüstung zu holen und weiß, daß er alles vorfindet, was er zur Übernachtung und Verpflegung braucht. Astrid ist umsichtig. Sie wird den Zettel finden.

Ich fahre ins Tal. Ich kann ein Zimmer in unserem Hotel vorzeitig beziehen, mich selbst hygienisch und erscheinungsmäßig aufarbeiten und noch ärztliche Behandlung in der Medical Facility dieses kleinen Wüstenstädtchens Lone Pine bekommen. Schließlich kann ich sogar noch meine Medikamente in der Apotheke abholen, mit denen ich sogleich meine „Kur“ beginne.

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Mein Hungeranfall

In der Outpatient Clinic (Krankenhaus ohne Betten) erkundigt sich die sehr nette ältere Ärztin genau nach unserer Route und den Arrangements zu meiner Rettung. Ich frage sie, ob sie auch auf Touren in die Wildnis gehe, und sie antwortet: „That’s why I’m here!“ Sie ist aus San Francisco und hat das typische weltläufige und breiter interessierte Gebaren eines Menschen aus der San Francisco Bay Area. Sie bestätigt mir, dass ich nur eine starke Prellung habe und verschreibt mir gleich das Medikament, das ich sowieso haben wollte, nämlich Valium 5 mg. Sie will aber sinnvollerweise noch meine Nieren überprüfen. Als sie vom Labor zurückkommt, ist ihr Ergebnis: „Sie sind etwas dehydriert, aber völlig ausgehungert!“ Ich hatte bei der ganzen Aufregung keinen Hunger verspürt, der mich aber jetzt plötzlich mit Macht überfällt.

Jetzt wird mir auch klar, warum ich seit meiner Ankunft in Lone Pine stark konfus reagiert habe. Die Zimmermietung war zu einer langausgezogenen Affäre geworden. In der Klinik habe ich Schwierigkeiten gehabt, den Fragebogen auszufüllen und sogar meinen Namen auf dem Formular vergessen. Im Hotel wäre ich nicht mehr in der Lage gewesen, wenigstens notdürftig aufzuräumen und Wertsachen zu sichern. So bleibe ich unterwegs bei der „Pizza Factory“ hängen. Dort bestelle ich mir trotz rasenden Hungers zur Vorsicht eine Pizza „Small“, die aber auch schon eine vierköpfige Familie aus Bangladesch für eine Woche ernährt hätte. In jedem Fall gibt sie mir noch am nächsten Tag eine volle Mahlzeit ab.

Erholung unter Valium

Der nächste Tag ist geruhsam und sehr angenehm. Beim Gehen, Liegen, Sitzen habe ich keine Schmerzen mehr. Übergänge dazwischen und andere Bewegungen muss ich noch sehr vorsichtig machen. Ich verbringe den Tag mit ausführlichem Aufräumen, Wäschewaschen und sogar Bügeln. Ich genieße das Frühstück im Kaffee-Shop nebenan, das auch wieder für die Ernährung eines ganzen Tages reicht – und das ohne die Hashed potatoes, die ich sowieso immer zurücklasse.

Am folgenden Tag fahre ich hoch zum Parkplatz in der Sierra. Ich habe schon das Gefühl, dass ich durch das Valium etwas benebelt bin. Ich nehme mich aber zusammen und fahre langsam und mit gutem Abstand zum Straßenrand, über den es senkrecht in die Tiefe geht. Die Serpentinen schlängeln sich in unendlichen Kurven auf 3.000 m hoch. Auf dem Parkplatz finde ich Astrid und die anderen. Ich setze zurück, um zu parken. Astrid stürzt auf mich zu und ruft: „Steig’ um Gottes willen aus!“ Erst als ich ausgestiegen bin, sehe ich, dass ich verquer stehe und über eine Betonschwelle gefahren bin. Astrid übernimmt.

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Der glimpfliche Ausgang der Tour

Die Gruppe hat die Tour fortgesetzt, nachdem sie mich verlassen hatte. Viele abenteuerliche Flussüberquerungen haben sie geschafft, zum Teil mit Anseilen. Sind schließlich an einen Fluss gekommen, der eindeutig nicht zu überqueren war. Sie konnten also ihre Rundtour nicht beenden und sind den Kern Canyon wieder hinunter getrekkt. Schließlich kamen sie an meinem Zeltplatz vorbei und haben meine Ausrüstung mitgenommen. Alles ist gut ausgegangen und wir haben die Tour unbeschwert fortsetzen können.

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Über den Autor

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Dr. Hartmut Grebe hat 20 Jahre lang in den USA gelebt, an Universitäten geforscht und im Silicon Valley gearbeitet. Außerdem betreibt Dr. Grebe die Webseite www.lebensschmiede.com

 

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