Mit Shudu ging das erste virtuelle Model online. Es treibt alle Erwartungen an den modernen, flexiblen Wohlfühlsklaven auf die Spitze. Sie ist die “Eve future” des globalen Kapitalismus. Ihr Erfider plant sie mit realen Models zu mischen, was zwangsläufig zu Vergleichen führt – natürlich zu Ungunsten real existierender Menschen.

    Das hat aber lange gedauert. Seit William Gibsons Cyberpunk-Roman Idoru (1996) sind immerhin 22 Jahre vergangen. Darin erzählte der Sci-fi-Autor von dem US-Rockstar Rez, de sich in seine Kollegin Rei Toei verknallt. Die aber ist ein Idoru (japanisch für Idol) und existiert lediglich virtuell, in den Schaltkreisen des Internets.

    Idoru
    William Gibson: Idoru (Cover der deutschen Ausgabe), (c) Heyne-Verlag

    Jetzt hat der 28jährige Modefotosgraf Cameron James Wilson so ein Idol kreiert. Zwar nicht als Rockstar, aber – seiner Branche entsprechend – als Model. Dürfen wir vorstellen: Shudu, das virtuelle Supermodel auf Instagram. Bereits über 78.000 Abonnenten. Es hat sie nie gegeben, es wird sie nie geben. Darin allen Idolen verwandt.

    Auf einer ihr gewidmeten Webside schlagzeilt der Erfinder: „Shudu – The Instagram Supermodel you’ll never meet“ (Das Instagram Supermodel, das du nie treffen wirst). Klingt in unserer Zeit der Beziehungsgestörten fast wie ein Werbeslogan. Schauen Sie sie an, seien Sie Voyeur und haben Sie keine Angst: Die Probleme, die bei direkter Konfrontation entstehen, fallen hier weg. Shudu wird niemals #metoo bloggen. Versprochen!

    Der bekennende Autodidakt Wilson behauptet, dass Personen, die wir heute in den Medien sehen, durch Make-Up und digitaler Nachbearbeitung ihrer Realität beraubt seien. Shudu hingegen sei umgekehrt eine Fantasie, die in die Realität eindringe. Und bei dieser Realisierung wolle er seiner Schöpfung gern behilflich sein. So hat der moderne Frankenstein ihren Mund bereits mit einem von Fenty (d.i. Rihanna) kreiertem Lippenstift coloriert. Außerdem habe Shudu sie bereits „mit dem realen Model Nfon Obong posiert und ich würde sie gerne mit weiteren Menschen in Interation erleben”.

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    Für Wilson verkörpert Shudu ein Schönheitsideal, aber ihre Bilder zeigen eben auch, was virtuelle Persönlichkeiten stets sind: Sklaven ihrer Erfinder. Auf manchen Bildern wirken ihre Kurven, auf anderen ist sie vor allem dürr. Bestimmte Fotos heben das westliche Fitnessideal hervor, andere betonen den Look der Padauung-Frauen, die ihre Hälse durch Ringe scheinbar zum „Giraffenhals“ verlängern.

    Seltsam begeistert gaben sich die Mainstreammedien. Die zu erwartende Kritik, dass ein „weißer Mann“ eine „schwarze Frau“ kreiert, blieb auf einige User beschränkt. Ansonsten berichten RP, Süddeutsche oder MTV wohlwollend über Wilsons Kreation. Und das, obwohl der im Interview mit „Highsnobiety“ sogar noch das Puppen-Klischee hervorzerrte: „Shudu soll aussehen wie eine Südafrikanische Barbie und eine Prinzessin” .

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    Illustration zu Villiers de lÌsle Adams: Die Eva der Zukunft (L’Eve future, 1885): Thomas A. Edison erklärt seine Konzeption vom Androiden.

    Laut dem Fotografen enthalte Shudu nur das Beste von allem, was er kenne und bislang erarbeitet habe. Ein Best-off-Star sozusagen. (Obwohl die 3 D-Aninmation im Vergleich zu Hollywood-Filmandroiden eher als mittelmäßig zu bezeichnen ist.) MTV bestätigt diese Einschätzung: „@shudu.gram ist das schönste Model auf Instagram“. Die „Eve future“ (Villiers de L’Isle-Adam) des 21. Jahrunderts scheint endlich geboren.

    Auch Fans und Follower schwärmen von Shudus Schönheit. Aber merkt keiner, dass hier Schönheit mit kalter Perfektion verwechselt wird, weil ihr die Seele fehlt? Diese Schönheit, die Wilsons Jugendschwarm, das Model Naomi Champell, noch wirklich besaß – seiner Kreation fehlt sie völlig.

    Inzwischen kriegen manche Models Panik, dass weitere Shudus künftig ihre Jobs übernehmen könnten. So ganz unbegründet ist die Sorge nicht. Denn wenn Wilson seine Kreation mit Realmenschen auf Fotos oder Videos vermischen will, dann impliziert das auch: Sie miteinander vergleichbar zu machen. Ein Vergleich, der dauerhaft zu Ungusten der realen Personen ausginge.

    Egal, in wieweit ihr Schöpfer dies intendiert hat: Shudu repräsentiert den neuen, dh. optimierten Mensch des 21. Jahrhunderts – und zwar in Perfektion. Sie hat nie Hunger und kann deshalb jeden Bulimie-Rekord schlagen. Sie kennt keine Krankheit und keine Abnutzung. Wie alle Digiatalerzeugnisse ist sie perfekt sauber, der feuchte Traum eines Menschen mit Waschzwang.

    Shudu unterbietet selbst die kümmerlichste Dumpinglohn-Forderung. Sie braucht keine Sozialversicherung, kein Auffrischen auf der Wellnessfarm oder beim Schönheitschirurgen. Sie macht jede verlangte Überstunde und ist zu jeder Zeit an jedem Ort (bzw. auf jedem Smartphone) zu erreichen. Konditionen, bei denen Naomi Champell & Co. längst den Mittelfinger gstreckt hätten.

    Sie hat keine Identität, keine Geschichte, auch keine Lebensgeschichte. Sie ist ist blanke, sterile Gegenwart. Solch Fehlen von Elementarem scheint Wilson-Frankenstein nicht zu stören: „Shudu ist eine Person, die keine Vergangenheit hat. Ihre Bilder erzählen eine Geschichte ihrer Gegenwart und ihrer Zukunft“, erklärt er im Interview. Stattdessen soll sie demnächst auch sprechen können. Aber was soll sie sagen?

    Schließlich hat sie keine Meinung, keinen Geschmack, kennt keine Sinnfrage. Sie ist das lächeldende Nichts. Das passt zur Tendenz diverser Konzerne, die für sie verrichtete Arbeit, trotz schlechter Bezahlung und mieser Konditionen, in der Öffentlichkeit über alle Maßen positiv zu zeichnen – mit neuen Motivationsvokabeln und Fotos von immer breiter grinsenden Angestellten.

    Schon in den frühen 1970ern warnte Pier Paolo Pasolini, dass der Kapitalismus eine anthropologische Revolution vornehme. In Silikon Valley werden künstliche Intelligenzen entwickelt, um dem Menschen maximale Konkurrenz oder völlige Ablösung zu bescheren – sowohl in Bezug auf Optik wie auch auf “Leistung”. Möglich, so befürchtet der Historiker uval Harari, dass der Mensch bald an der Effizienz-Pest verendet.

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    Die Roboter-Frau (Metropolis, 1927)

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