Zum Programm des diesjährigen Theatertreffens in Berlin gehörte auch Thomas Ostermeiers Inszenierung Rückkehr nach Reims. Deren Thema: Die französische Unterschicht, verratenes Klientel der Linken, wechselt zu den politisch Rechten. Im anschließenden Publikumsgespräch erklärte der Regisseur den Grund für die Abkehr linker Intellektueller und Politiker von den sozial Schwachen.

    _ von Viktoria Volkova

    Zum diesjährigen Berliner Theatertreffen, das zehn „bemerkenswerte Inszenierungen“ deutschsprachiger Bühnen präsentierte, wurde auch Thomas Ostermeiers Rückkehr nach Reims eingeladen, eine Bühnenadaption von Didier Eribons gleichnamigem Bestseller.

    In einer Mischung aus Autobiographie und soziologischer Analyse erzählt Eribon von der Wiederbegegnung mit seiner Heimatstadt und seiner Familie, die er seit seiner Karriere als Pariser Intellektueller jahrzehntelang nicht mehr gesehen hat, nicht mehr sehen wollte.

    “Die Konfrontation mit der eigenen Vergangenheit stößt ihn auch auf die blinden Flecke der gesellschaftlichen Gegenwart: die brutalen Exklusionsmechanismen ebendieses Bürgertums, dem er selbst nun angehört, sowie die Realität einer einstmals kommunistischen Arbeiterklasse, die, vergessen und ohne Repräsentation, den Rechtspopulisten des Front National in die Arme rennt.“

    Das löst bei dem Soziologen Eribon Fragen aus, die unmittelbar zur Selbstanalyse führen: Wie kam es, dass die Linke ihr Klientel verriet, es inzwischen sogar verachtet? Wieso schämt er, Eribon, der bürgerliche Links-Intellektuelle, sich seines Herkunfts-Milieus? Wieso hat er es so lange verleugnet? Wieso übernimmt die politische Rechte in der Unterschicht gerade bei sozialen Fragen den ehemaligen Platz der Linken?

    Schauplatz der Bühnenadaption ist ein Tonstudio (Foto), in dem eine Schauspielerin (Nina Hoss) den Text zu einem – im Hintergrund laufenden – Film unter dem Titel Rückkehr nach Reims einspricht. Vom Pult aus gibt ein Regisseur (Hans Jochen Wagner) ihr Anweisungen. Es kommt zu heftigen Diskussionen zwischen beiden.

    Im Anschluss an die Aufführung vom 12. Mai fand ein Publikumsgespräch statt. Eine der Hauptfragen lautete: Hat sich Regisseur Ostermeier primär für die persönliche Scham und Selbstreflektion Eribons interessiert? Oder stand die politische Analyse des Heimatortes, dessen Konvertierung von Links nach Rechts im Vordergrund? Ostermeier erwiderte, den Schwerpunkt auf die politische Analyse gelegt zu haben.

    Denoch fragte ein Zuschauer, ob er, Ostermeier, die Proletarierfamilie des Protagonisten (Eribon, Anm.) verstehen, ihre Gefühle nachvollziehen könne. Antwort des Regisseurs: „Nicht nur, dass ich diese Familie verstehen kann, sondern, ich glaube auch, behaupten zu können, dass ich durch meine eigene Herkunft andere Familien und auch meine eigene verstehen kann. Das glaube ich durchaus, ja.“

    Der Autor Didier Eribon, so Ostermeier, sei aus der Unterschicht aufgestiegen in die Bürgerliche Mitte, ins Establishment, in die intellektuelle oder in die akademische Welt, zu der auch er als Intendant und Regisseur sowie das Theaterpublikum gehören: “Das heißt, er (Eribon, Anm.) erzählt über uns. Ja, er erzählt über uns, weil Teile von uns daher kommen. Und die anderen Teile, die nicht aus dieser Welt kommen, also aus der akademischen oder bürgerlichen Welt, überhaupt nicht verstehen können, was für ein Makel man mit sich herumträgt“. Die Aufgestiegenen versuchten sich zwanghaft in die bürgerliche Klasse zu integrieren, alle Zeichen ihrer Unterschichten-Herkunft auszulöschen.

    Dieser Selbstverrat und die zwanghafte Abwehr des Herkunsftsmilieus prägt „linke“ Politiker ebenso wie Kulturschaffende: „Dieser Abend erzählt darüber, wie sozialdemokratische Linke verbürgerlicht sind und deshalb möglicherweise wir als Repräsentanten der bürgerlichen und der sozialdemokratischen Mitte nicht mehr die Interessen der Unterprivilegierten vertreten und sie daher verloren haben.“

    Eben dieser Verrat, diese Abspaltung führt derzeit zur Bedeutungslosigkeit der Sozialdemokratie und der mit ihr ideologisch assoziierten Kultur.

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