Neue Zweifel an der offiziellen Version des Mordes am damaligen Treuhand-Chef. Auch COMPACT-Spezial „Politische Morde“ hatte dazu recherchiert.

Hat die RAF und nur sie allein 1991 den Chef der damaligen Treuhand-Anstalt hingerichtet? In einem Interview im heutigen „Handelsblatt“ gibt seine Witwe, selbst damals schwer verletzt, überraschende Erkenntnisse preis. Auf die Frage, ob die RAF verantwortlich war, antwortete sie:

„Sie haben den Mord für sich in Anspruch genommen, richtig, aber die RAF hat bei vorangegangenen Attentaten nie auf die Familie ihres Opfers geschossen, never! Und bei uns haben sie mehrfach geschossen; mein Mann ist ja sofort hingestürzt, und ich bin Sekunden später ins Zimmer gekommen, und da haben sie einen gezielten Todesschuss auf mich abgegeben. Der ist abgefälscht worden, durch einen Acrylkasten im Fenster und das Explosivteil hat mir den Arm zertrümmert. Und dann haben sie noch ein drittes Mal geschossen, der Schuss ging ins Bücherregal. Es war so perfekt geplant – die richtige Sekunde des Tages, als er aufstand von seinem Arbeitstisch, um ins Bett zu kommen. Es war so, dass Leute, die sicherheitspolitische Erfahrung haben, überzeugt sind: Das kann nicht die RAF allein gewesen sein.“

Ähnlich äußerte sich Gerhard Wisnewski („Das RAF-Phantom“) in COMPACT-Spezial „Politische Morde. Die Blutspur der letzten 100 Jahre“:

Bis heute gibt es keine Spur zu den Tätern – weder bei der RAF noch bei irgendwelchen Geheimdiensten. Selbst wenn die damalige RAF in der Lage gewesen sein sollte, in Geheimdienstmanier die drei perfekten Morde an Gerold von Braunmühl, Alfred Herrhausen und Detlev Karsten Rohwedder zu begehen, wird die These bei der Frage, wem die Morde genützt haben könnten, unglaubwürdig. In ihren Bekennerschreiben begründeten die Linksterroristen ihre Taten stets mit der Vision einer „menschlicheren Gesellschaft“. Doch warum sollten sie dann Alfred Herrhausen getötet haben, der die Schuldenlast der Dritten Welt lindern wollte? Warum sollte die RAF Gerold von Braunmühl ermordet haben, der dem Star-Wars-Projekt SDI ablehnend gegenüberstand? Und warum sollte sie Detlev Karsten Rohwedder umgebracht haben, der marode Betriebe in der DDR ernsthaft sanieren wollte, während danach die Weichen in Richtung einer harten Privatisiserung gestellt wurden? Den angeblichen idellen Zielen der RAF konnten die drei Attentate nicht dienen. Deshalb ist die Frage nach dem Motiv für die Morde neu zu stellen. Die Antwort könnte unangenehm werden.

Am vergangenen Montag, dem 5. November 2018, brachte das ZDF den Film „Der Mordanschlag“. Die Hauptperson ist der Treuhandchef Hans-Georg Dahlmann, welcher von Ulrich Tukur gespielt wurde. Die Figur des Dahlmann ist ganz offensichtlich Detlev Karsten Rohwedder nachempfunden.

Ebenso wie Rohwedder in der Realität und in unserem Heft beschrieben, möchte die Filmfigur Dahlmann tatsächlich nur das Beste für die ehemalige DDR. Verscherbeln und verramschen von DDR-Volksvermögen kommt für Dahlmann ebensowenig in Frage wie für Rohwedder. Beide wollen dem kleinen Mann helfen und ernten dafür Verachtung, obwohl die eigentlich verachtenswerten Mächte im Hintergrund agieren.

Im Film ist Dahlmann einem Millionenbetrug auf der Spur, den sein Referatsleiter Rautenbach mit Hilfe von Investorenkonsortien und dem dubiosen Wirtschaftsanwalt Niedeck eingefädelt hat. In der Realität war Rohwedder den Nachforschungen von COMPACT-Spezial zufolge ganz anderen Machenschaften im Wege. Ein USA-Besuch des Treuhandchefs war sehr frostig verlaufen, weil Rohwedder das DDR-Kapital nicht Uncle Sam in den Rachen werfen wollte. In unserem Spezial schrieben wir dazu:

Die Kritik reichte von Zeitverschwendung bei der Rettung ostdeutscher Unternehmen über zu viel Bürokratie bei der Privatisierung bis hin zur Übernahme ökologischer Altlasten. Schließlich gaben die Amerikaner ihrem Gast den Rat mit auf den Heimweg, doch lieber internationale Investmentbanken mit der Abwicklung früherer DDR-Betriebe zu beauftragen…

Als nach Rohwedders Tod Birgit Breuel, Mitglied der Atlantik-Brücke, Treuhand-Chefin wurde, verbesserte sich das Verhältnis zu den Amerikanern schlagartig. Die Bankierstochter und vormalige CDU-Ministerin in Niedersachsen hatte die US-Kritik an ihrem Vorgänger bis aufs i-Tüpfelchen berücksichtigt und wollte sicherlich nicht auf dieselbe Art abdanken wie Rohwedder.

Der Film hat auch eine interessante Parallele, die nichts mit Rohwedder, sondern eher mit dem von der RAF ermordeten Hanns Martin Schleyer zu tun hat. Dahlmanns Assistentin Sandra Wellmann, gespielt von Petra Schmidt-Schalle, ist eigentlich eine Spionin der RAF. Gegen ihren Willen ist sie von ihrem Chef und seiner selbstlosen Art beeindruckt. Ebenso erging es der RAF-Anhängerin Angelika Speitel mit Schleyer.

Eine Terroristin, die eigentlich seine Feindin sein sollte, entwickelt Sympathie für ihren Gegner. Speitel spielt mit ihrem Gefangenen eine halbe Nacht lang Monopoly, wobei dieser sich vor Lachen kaum einkriegen kann, weil er es lustig findet, dass eine radikale Sozialistin ihn in diesem Kapitalismusspiel schlägt. Zwischen den beiden kommt es zu vertrauten Gesprächen, weswegen Speitel schließlich von ihrem Posten abberufen wird.

Trotz ihrer Sympathie für Schleyer hat Speitel durch ihre Tätigkeit einen Beitrag zu seinem Tod geleistet; das hat sie mit Wellmann aus dem Film durchaus gemeinsam. Auch mit Schleyers Ermordung befassen wir uns in unserem COMPACT-Spezial „Politische Morde“.

Bis heute ist unklar, wer genau Rohwedder erschossen hat. Doch man darf die Linksterroristen nicht aus der Verantwortung entlassen.  Im Jahr 2007 gab die Ex-Terroristin Eva Haule in einem Leserbrief laut Spiegel an, sie wolle „noch einmal klipp und klar“ machen: „Die RAF war verantwortlich u.a. für die Aktionen gegen Alfred Herrhausen, Gerold von Braunmühl und Detlev Rohwedder.“

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Anlass für diese Behauptung war die immer wiederkehrende These, westliche Geheimdienste hätten Herrhausen ermordet. Auch diese Möglichkeit ist verfilmt worden, und zwar im preisgekrönten Politthriller „Das Phantom“ aus dem Jahr 2000. Basis war das fast gleichnamige Sachbuch des Autors Gerhard Wisnewski, welcher auch den Artikel über Rohwedder für COMPACT-Spezial schrieb.

Wenn Sie mehr über diesen und weitere politische Morde erfahren möchten, empfehlen wir Ihnen das neue COMPACT-Spezial, welches Sie hier erhalten können.

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