Rockefeller, Kissinger und Co. – Die Trilateralen und Chinas Aufstieg zur Weltmacht

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Die neue Weltmacht China verdankt ihren Aufstieg vor allem einem staatlich gelenkten Turbo-Kapitalismus. Installiert haben den alte Bekannte aus dem Westen: Rockefeller, Kissinger und Co. fanden in China ein lukratives Betätigungsfeld. Eine besondere Rolle bei der Öffnung Chinas spielte die Trilaterale Kommission, ein globalistischer Elitenzirkel, dem auch US-Präsident Jimmy Carter angehörte.

Es ist ein kleines Schwarz-Weiß-Foto, das den Beginn chinesisch-amerikanischer Beziehungen für die Nachwelt festgehalten hat. Aufgenommen wurde es im Januar 1979. Rechts im Bild: ein lächelnder, bereits 75-jähriger Politiker namens Deng Xiaoping. Er war der Nachfolger des chinesischen Revolutionärs und Volksführers Mao Tse-Tung und gerade zum Vorsitzenden der Kommunistischen Partei und damit zum ersten Mann im Staate aufgestiegen. Links neben ihm im Sessel saß der mit 51 Jahren fast jugendlich wirkende Zbigniew Brzeziński, ein Politikwissenschaftler polnischer Herkunft und nationaler Sicherheitsberater des US-Präsidenten Jimmy Carter.

Das Foto zeigt Brzezińskis Sternstunde: Den Abschluss der Verhandlungen mit China über die „Normalisierung“ der diplomatischen Beziehungen. Jahrelang waren die Gespräche versandet, die Präsidenten Richard Nixon und Gerald Ford hatten den Durchbruch nicht erreicht. Nicht nur außenpolitisch von großer Bedeutung, versprach er den Verhandlungsführern (und ihrer Klientel) auch vielversprechende Business-Deals. China konnte von einem rückständigen, autoritären Staat zu einer modernen Technokratie umgebaut werden – das Geschäft des Jahrhunderts. Doch das Foto zeigt noch mehr als das. Es beweist auch, wie ein von Geostratege Brzeziński, US-Präsident Carter und Multimilliardär David Rockefeller gemeinsam gegründeter Elitenzirkel – die Trilaterale Kommission – der Operation China bereits im Anfangsstadium ihren Stempel aufdrückte.

Stattgefunden hat das Treffen zwischen dem Repräsentanten des Reichs der Mitte und dem Gewährsmann des US-Präsidenten im herrschaftlichen Anwesen der Brzezińskis in Mc Lean, Virginia. Die Ehefrau, Muska Brzeziński, bereitete das Festessen zu – es gab Roastbeef, Krabben und ein Fruchtsalat-Dessert –, die Kinder Ian, Mark und Mika spielten die Kellner. Die Beine übereinandergeschlagen, die Hände im Schoß gefalten, richteten sich die Raubtieraugen Zbig’s, wie seine Freunde den (neben Henry Kissinger) wohl berüchtigtesten Chefstrategen der USA nannten, an diesem denkwürdigen Abend fest auf seinen Gast aus Fernost. Die Anspannung stand ihm ins Gesicht geschrieben. Nicht nur hatte seine Karriere gerade einen Satz nach vorne gemacht, er hatte soeben Geschichte geschrieben – ein Moment, den der Ende Mai 2017 verstorbene Brzeziński wohl als einen seiner größten Triumphe in Erinnerung gehabt haben dürfte.

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Globalisten und Technokraten

Immer wieder zeigt Brzeziński mit dem Zeigefinger auf das Foto von sich und Xiaoping, als er wild gestikulierend einem Reporter der Washington Post Anfang Februar 1979, wenige Tage nach dem Bankett, die Tragweite dieses denkwürdigen Abends begreiflich zu machen sucht. „Es ist erstaunlich, wenn man darüber nachdenkt. Der Anführer von einer Milliarde Menschen kommt in mein Haus zum Abendessen, nur zwei Stunden nachdem er in diesem Land gelandet ist!“ Der Reporter schreibt darüber: „Zbigniew Brzeziński wurde wiedergeboren als höchst sichtbarer – und seine Kritiker fürchten, dominanter – Gestalter der US-Außenpolitik.“ Und in der Tat: Präsident Carter übertrug ihm in den folgenden Monaten die Ausdefinition der US-China-Politik.

Welch durchschlagenden Erfolg die Trilateralen nach der Öffnung Chinas für den Kapitalismus „american style“ hatten und wie grundlegend diese Öffnung Wirtschaft und Gesellschaft transformierte, hielt ein Journalist des Time-Magazins in einem von der Nachwelt vielbeachteten Artikel Ende Juni 2001 fest: „Made in China – Die Rache der Nerds“ ist der Text überschrieben. Über 20 Jahre nach Xiaopings Machtantritt habe sich die chinesische Führung radikal verändert, werde nun von „Technokraten“ bestimmt, die Hochschulabschlüsse in Natur- oder Ingenieurswissenschaften vorweisen können. Die maoistischen Kader sind zur Jahrtausendwende weg vom Fenster, „im heutigen China schmeißen Streber die Show“.

Kissingers Erbe

Bilanziert wird hier das Ergebnis einer Politik, die von westlichen Eliten vorgezeichnet und gefördert wurde. Als Pionier darf sich der ebenfalls zur Trilateralen Kommission gehörende Henry Kissinger sehen, der als nationaler Sicherheitsberater unter Präsident Nixon bereits 1971, also acht Jahre vor Brzezińskis Durchbruch, zu geheimen Meetings mit den Führern des Reichs der Mitte flog und damit der von seinem Nachfolger – und von Cyrus Vance, dem damaligen US-Außenminister und ebenfalls Mitglied der Kommission – eingetüteten Achse Washington-Peking den Weg geebnet hatte. Dass es Brzeziński zufiel, dieses Werk zu vollenden, erfüllte den Professor für Außenpolitik mit Stolz.

Eine Anekdote fasst die Lage perfekt zusammen: Während eines diplomatischen Besuchs im Mai 1978 fragte Brzeziński – auf der Chinesischen Mauer stehend – den Reiseleiter: „Wie weit ist Kissinger gekommen?“ Der Chinese zeigt mit seinem Finger auf eine Stelle des imposanten Bauwerks. „Okay“, sagt Brzeziński, „wir werden noch weiter gehen“. Die Washington Post fasst diesen Aspekt des Konkurrenzkampfes zwischen den Oberglobalisten brillant zusammen: „Sein ganzen Berufsleben lang – in Harvard, bei der Trilateralen Kommission, im Weißen Haus – hat Brzeziński im Schatten Henry Kissingers gelebt“, scheibt der Autor. „Jetzt würde er ihn endlich übertreffen.“

Dass es tatsächlich die geheimnisumwitterte Trilaterale Kommission war, die China zum global Player aufbaute, wird aus ihren eigenen Veröffentlichungen deutlich. Im Tri-Angle Paper Nummer 15, einem Bericht der Trilateralen „Task-Force“ von 1978 heißt es: „China vorteilhafte Konditionen in den wirtschaftlichen Beziehungen einzuräumen, ist definitiv im Interesse des Westens.“ Und weiter: „(…) es scheint viele Wege zu geben, China in akzeptabler Weise mit fortschrittlicher ziviler Technologie zu unterstützen.“ Die bekannten Autoren und Politik-Analysten Patrick Wood und Anthony C. Sutton kommen zu der Einschätzung, dass es im Interesse der Trilateralen lag, China zu einer militärischen und technologischen Großmacht aufzubauen.

Drache schützt Dollar

Dahingehend hat der Club der Trilateralen historisches geleistet, doch mit Verlaub: Es gibt immer einen, der noch früher aufsteht und nicht an politische Protokolle gebunden ist. Ein ganzes Jahrhundert bevor Kissinger zu den ersten geheimen Treffen mit der chinesischen Führung aufbrach, war der Patriarch John D. Rockefeller bereits im Reich der Mitte aktiv, verkaufte um 1870 das erste Kerosin an die aufkeimende Industrienation. Sein Enkelsohn David Rockefeller wurde laut einem Bericht auf chinadaily.com von Ende März 2017 „Zeuge der über Jahrhunderte entwickelten Verbindung der Rockefeller Foundation mit China, die auch in die Wissenschaft, die Medizin und die höhere Bildung des Landes investierte“. Ein klarer Hinweis darauf, wer die Technokratie und das westlich-materialistische Denken nach Fernost importierte. Dieser Samen fiel auf fruchtbaren Boden.

Heute gehört China zu den mächtigsten Industrienationen der Erde und während das Land als größter Konkurrent des Westens gefürchtet wird, haben internationalen Banken und Konzerne ihre helle Freude an dem nominell kommunistischen Staat. Auch die Chefs der privaten US-Zentralbank setzen auf Rot, denn: China ist der größte Gläubiger der USA und hält damit das Dollar-System künstlich am Leben. Die US-Notenbank schuldet dem Land des Lächelns derzeit rund 1,15 Billionen Dollar. Das Handelsblatt erklärte dazu Anfang Oktober 2012 unter der Überschrift „Neue Weltordnung – Wie China den Dollar knacken will“, dass der „Berg an Dollarnoten“ für China „Fluch und Segen zugleich“ sei. Einerseits hätte China damit eine „kaum zu unterschätzende Machtposition“, da die Amerikaner davon abhängig seien, „weiterhin Kredit von China“ zu bekommen. Doch andererseits seien „auch die Chinesen in einer verzwickten Lage“, da sie den Aufkauf von US-Anleihen nicht einfach einstellen oder die vorhandenen verkaufen könnten, ohne dass „sie sich selbst schaden“ würden.

Dieses Lagebild gegenseitiger Abhängigkeit, das de facto die Stützung der US-Leitwährung und damit der Fed als Weltgeldzentrale der Hochfinanz durch die Chinesen belegt, wird im Handelsblatt ausgerechnet vom US-Verteidigungsministerium ausgegeben. Dies ist nur auf den ersten Blick merkwürdig, denn: Währungsstabilität hat für die US-Armee erste Priorität – und zwar nicht nur, wenn zur Dollar-Stabilisierung ölreiche Länder überfallen werden müssen, sondern auch wenn es um Finanzmarktkriege geht. So soll das Pentagon sich mit der Frage befasst haben, ob China die USA durch „die aggressive Option eines umfangreichen Verkaufs“ ins Wanken bringen könnte. Die Experten gaben Entwarnung: „China hat wenig attraktive Anlagemöglichkeiten außerhalb der US-Treasuries für die Masse seiner umfangreichen Devisenreserven.“ Man sei an einem stabilen Dollar interessiert, denn ein Crash würde auch die Volksrepublik unweigerlich in den Abgrund reißen – und wer von Finanzkrisen profitiert, haben wir Europäer spätestens 2008 gelernt. Es sind die internationalen Banken selbst, die sich – „too big to fail“ – mit Steuergeld „retten“ lassen, bis das Spiel wieder von vorne losgeht.

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Über den Autor

Marc Dassen

Marc Dassen wurde 1989 in Aachen geboren und hat Anfang 2015 sein Studium der Geschichte und Philosophie mit dem Bachelor-Grad abgeschlossen. Seither arbeitet er als Journalist für COMPACT-Magazin.

 

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