Alkohol, Frauen, Bücher – ein Mann mit vielen Lastern. Das Genie liegt darin, sich von ihnen nicht besiegen zu lassen, sondern aus jedem Kampf gestärkt hervorzugehen. (Im August vor 34 Jahren verstarb der große Schauspieler des 20. Jahrhunderts. Folgender Text ist erschienen in der ersten COMPACT-Pirinçci: „Schnauze! Jetzt rede ich.“ – Hier bestellbar)

    In seinem letzten Film, der Neuauflage von Orwells 1984 (Großbritannien, 1984, Regie: Michael Radford), in der er den Parteifunktionär und Folterknecht O’Brien spielte, hatte sein Gesicht den Höchstgrad der Versteinerung erreicht. Eine schroffe, abweisende und doch faszinierende Felswand, die das Menschengeschlecht mit einer Mischung aus unendlicher Weisheit und unendlicher Verachtung anblickt.

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    Der einst bestbezahlte Schauspieler der Welt starb unmittelbar nach den Dreharbeiten im Alter von 58 Jahren in Genf an einer Hirnblutung. Es war dieses versteinerte Gesicht, das sich dem Zuschauer bis dahin in die Netzhaut eingebrannt hatte, und die im feinsten Oxford-Englisch parlierende, nichtsdestotrotz sehr nachdrückliche Stimme, ein gedämpfter Bass, der auch das männliche Ohr in seinen Bann schlug.

    Der Teufel Alkohol

    Richard Burton war starker Alkoholiker, allzeit. Es lag in seinen Genen. Er war eines von dreizehn Kindern eines walisischen Schluckspechtes, der sich zu Tode soff. Die kinderreiche Familie lebte in Armut, und auch nach dem Tod der Mutter blieb der Kampf gegen die allgemeine Armut lebensbestimmend. Doch es gibt zweierlei Suffköpfe: Die einen lassen sich vom Alkohol überwältigen, verlieren sich in ihm, geben schließlich auf, verrecken. Die anderen benutzen ihn als Sparringspartner für bessere Kämpfe, als Treibriemen für ein besseres Leben, sie tricksen den Teufel aus. Burton war ein Arbeitstier, trotz der halben Flasche Wodka am Morgen, der diversen Drinks in den Drehpausen und der Gelage am Abend.

    Der ehrgeizige junge Mann nahm von seinem Schauspiellehrer Philip Burton, der ihm seinen für eine internationale Karriere hinderlichen walisischen Akzent ausgetrieben hatte, den Familiennamen als Künstlernamen an. Geboren war er nämlich als Richard Walter Jenkins jr. Schnell eroberte er Ende der 1940er als Shakespeare-Brandbeschleuniger das englische Theater, namentlich das sakrosankte Old Vic.

    Richard Burton in “The Robe” (1953). 20th Century Fox, Public Domain

    Die Offerten von Filmfritzen ließen nicht lange auf sich warten, und ab ging es rasch nach Hollywood – um der großen Kohle wegen dem Schrott einen virilen Look und phosphoreszierend blaue Cinemascope-Augen zu verleihen. Er war jung und brauchte das Geld. Und dennoch, Blick zurück im Zorn (1959), eine englische Produktion, bleibt unauslöschlich haften.

    Burton war kein primitiver Gorilla, der saufend und rauchend den Teufelskerl gab. Dafür sorgte schon eine andere «Krankheit», unter der er litt. Er war biblioman, frönte der krankhaften Lesesucht. Ein ausgelesenes Buch pro Tag war die Regel, und wenn er zu langwährenden Dreharbeiten aufbrach, ließ er sich vorher containerartige Koffer anfertigen, in denen er Tausende von Büchern verstaute. Und so aufregend wie ein spannendes Buch gestaltete sich 1961 eine Begegnung für ihn, aus der ein Fortsetzungsroman wurde: Er traf Kleopatra!

    Küsse und Schläge

    Nein, nicht die echte, sondern die Hauptdarstellerin des gleichnamigen Monumentalopus, Elisabeth Taylor. Die zwitscherte auch mal ganz gern einen, insbesondere jedoch war sie Glückspillen sehr zugeneigt. Es muss die bekloppteste und im wahrsten Sinne des Wortes rauschhafteste Ehe gewesen sein – nee, zwei Ehen, denn irgendwie kam er von der Diva nicht los und heiratete sie nach der Scheidung gleich nochmal. In dieser Dekade verdiente die Boulevardpresse ihr Geld zu 90 Prozent damit, die Höhen und Tiefen von Burton/Taylor zu paparazzieren. Nebenbei wurde er von Königin Elisabeth II. zum Commander of the Order of the British Empire ernannt und siebenmal für den Oscar nominiert.

    Nun, Schauspielerei ist nicht gerade ein Beruf, der einen echten Mann auszeichnet. Denn wie der Name schon sagt, kann man in diesem Job einen echten Mann faken beziehungsweise spielen, ohne selbst einer zu sein. Burtons Verdienst ist jedoch, dass er dies explizit in einer heute kaum mehr vorhandenen Intensität und in seiner ganzen Tragik darstellen konnte, ohne zehn Gegnern auf die Fresse zu hauen oder sich auf Motorhauben fallen zu lassen.

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    Allein seine Performance in Der Spion, der aus der Kälte kam, eine John-le-Carré-Verfilmung, sagt mehr über das Drama des einsamen, schon vor dem Tod innerlich gestorbenen Mannes aus, als tausend Doktorarbeiten darüber. Und wer ihn in der Rolle des Historikers George in Wer hat Angst vor Virginia Woolf? gesehen hat, der wäre wirklich verrückt, noch zu heiraten. In 1984 liefert er schließlich eine der von der Filmkritik unterschätztesten Leistungen ab: einen Mann, der final zu Stein geworden ist. Vielleicht ist das die unausweichliche Bestimmung des echten Mannes.

     

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