Revolution in Europa – Paris brennt, Berlin pennt

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2019 – Chance oder Chaos? Während in Frankreich die Bürger auf die Barrikaden gehen, bleibt es in Deutschland ruhig. Doch die Wut der Citoyen zeugt von einer tektonischen Verschiebung an der Basis der westlichen Gesellschaften, die dem System tatsächlich gefährlich werden kann. – Es folgen Auszüge aus dem Artikel „Revolution in Europa – Paris brennt, Berlin pennt“, den Sie in der aktuellen COMPACT 01/ 2019 vollständig lesen können. Sie erhalten die neue Ausgabe am guten Kiosk, können  sie aber auch hier bestellen

_ von Jürgen Elsässer

Paris brennt, Berlin pennt. An der Seine besetzten am 1. Dezember Demonstranten die Champs-Élysées und eroberten den Triumphbogen, im ganzen Land waren nach Polizeiangaben über 130.000 aktiv. Am gleichen Tag folgten am Brandenburger Tor optimistisch gerechnet 5.000 Gesinnungsgenossen einem bundesweiten Aufruf von Bürgerbewegungen wie Pegida, ein paar Hundert hatten sich aus Solidarität gelbe Westen angezogen. Bemerkenswert auch die Unterschiede in der Stimmung der Bevölkerung: Während sich in Frankreich trotz Gewalttätigkeiten auch aufseiten der Protestierer 80 Prozent hinter die Aufständischen stellten, brechen in Deutschland – zumindest im Westen – die Umfragewerte der AfD regelmäßig ein, wenn einer ihrer Politiker auch nur verbal einen «Vogelschiss» setzt.

Paris brennt, Berlin pennt.

Paris brennt, Berlin pennt – das war eigentlich schon immer so. Karl Marx analysierte in seinen Frühschriften die geschichtliche Erfahrung, dass unser Nachbarvolk sowohl bei der Überwindung feudaler Zersplitterung durch einen Nationalstaat im Mittelalter wie auch bei den Revolutionen 1789 und 1848 die Nase vorne hatte. Seine Hoffnung war ein Übergreifen des Funkens: «Wenn alle innern Bedingungen erfüllt sind, wird der deutsche Auferstehungstag verkündet werden durch das Schmettern des gallischen Hahns.»

Paris brennt, Berlin pennt. Was vielen Ungeduldigen als Nachteil erscheint, könnte man auch als Vorteil sehen. Haben die Franzosen durch wilde Barrikadenkämpfe wirklich mehr erreicht als die Deutschen durch brave Kompromisse mit der Macht? Der Sozialstaat, den Bismarck von oben einführte, brachte den arbeitenden Klassen mehr als alle revolutionären Errungenschaften der Jakobiner und ihrer Nachfolger.

Gelbe Westen wurden auch bei einer Demo von Pegida und verbündeten Gruppen am 1. Dezember 2018 vor dem Brandenburger Tor getragen. Foto: picture alliance/dpa

Paris brennt, Berlin pennt – ist allerdings unter einem ganz entscheidenden Gesichtspunkt 2019 viel schmerzlicher als je zuvor in der Geschichte. Mit der ungezügelten Masseneinwanderung steht die Existenz unseres Volkes selbst auf dem Spiel: Deutschland schafft sich ab. Die Gefährdung Frankreichs besteht ebenso, aber in geringerem Umfang: In die Bundesrepublik kamen 2015 knapp eine Million Flüchtlinge, in unser Nachbarland im selben Jahr nur 80.000. Das Bewusstsein der Bürger hält mit der Dramatik der Entwicklung nicht Schritt: Die Wahlergebnisse der AfD stagnieren, und auch deren Sprecher werden nicht radikaler, sondern angepasster. Während sich Marine Le Pen wie selbstverständlich mit den Gelbwesten solidarisierte und mit keinem Wort ihre Militanz kritisierte, setzten sich Alexander Gauland und seine Vorstandskollegen von den Bürgerbewegungen ab, nachdem sich in Chemnitz Ende August erfreulicherweise Zigtausende an wütenden, aber keineswegs gewalttätigen Protesten beteiligt hatten.

Kinder des Vaterlands

Anders als in der Bundesrepublik ist der Patriotismus westlich des Rheins noch relativ intakt. Wie selbstverständlich schwangen die Gelbwesten die Trikolore. Und da die meisten zum ersten Mal auf der Straße waren, kannten sie nur ein Lied, das sie alle verband – die Marseillaise. Unbeleckt von politischer Korrektheit schmetterten sie den Refrain: «Vorwärts, Kinder des Vaterlands! (…) Zu den Waffen, Bürger, formiert Eure Truppen. Marschieren wir, marschieren wir! Unreines Blut tränke unsere Furchen!» Der Text ist bei Weitem nationalistischer und aggressiver als das Deutschlandlied, aber daran stört sich dort niemand. Bei uns dagegen sind die Zeiten, als sich Heino die erste Strophe der Nationalhymne zu singen traute, lange vorbei. Selbst die AfD-Jugend hat sich einen Maulkorb verpasst.

Die Revolutionsausgabe des «Spiegel» verkaufte sich im letzten Jahr nicht besonders gut. Foto: Der Spiegel

Hymne und Flagge binden die Gelbwesten an ihre Nation, wenngleich deren Verteidigung in ihrem Protest nicht benannt wird. Es ging zunächst nur um die Erhöhung der Benzinpreise, in der Folge auch um weitere wirtschaftliche Anliegen wie Löhne und Renten. Aber ihr unausgesprochener Patriotismus wird von ihrem Gegner verstärkt: Die globalen Eliten, die in allen westlichen Ländern mit Verweis auf den Klimawandel die Energiepreise verteuern und dadurch das Autofahren ebenso unbezahlbar machen wie das Wohnen, sind dieselben, die kostenlose Fahrscheine und Appartements für die vermeintlichen Flüchtlinge durchsetzen. Den Inländern wird genommen, den Ausländern gegeben – so finanziert sich der Volksaustausch.

Die Islamisierung spielt im Forderungskatalog der Franzosen ebenfalls keine Rolle – damit würden sie in Deutschland eher zu Sahra Wagenknechts #Aufstehen-Bewegung als zu Pegida passen. Auffällig ist allerdings, dass keine roten Fahnen zu sehen sind, keine Slogans der Gewerkschaften, keine Symbole der Antifa. Das verbindende Erkennungszeichen sind vielmehr die gelben Westen, die jeder Autofahrer in seinem Kofferraum hat. Das verweist auf die soziale Basis des Aufruhrs: Er kommt nicht von den Arbeitslosen, die sich keinen Pkw leisten können, nicht von den migrantischen Mafiosi, die genug Geld haben, und nicht von den Bourgeois, die sich von ihren Chauffeuren kutschieren lassen, sondern aus dem produktiven Zentrum der Gesellschaft: von Proletariern und Mittelschichtlern, die auf den fahrbaren Untersatz angewiesen sind.

«Zu den Waffen, Bürger, formiert Eure Truppen.» Marseillaise

Offensichtlich bildet sich an der Seine eine Querfront jenseits von Links und Rechts heraus, die von der politischen Gesäßgeografie der letzten 200 Jahre nichts mehr wissen will: Auf der Straße sind sowohl Anhänger von Le Pen wie auch von Wagenknechts Duzfreund Jean-Luc Mélenchon, selbst ehemalige Wähler von Emmanuel Macron. Das Volk kehrt zurück auf die Bühne der Weltgeschichte und konstituiert sich als politisches Subjekt – nach antiquierten Standortbestimmungen fragt keiner.

Eine kleine Revolutionsgeschichte

Tatsächlich ist diese Überwindung der politischen Gräben eine Voraussetzung für jede Revolution. Sowohl Kommunisten wie Faschisten konnten die Macht nur da erobern, wo sie ihre Verankerung in der klassischen Linken oder Rechten gelöst hatten und sich als Vertreter des gesamten Volkes präsentierten. Dies betrifft zum einen die Nationalsozialisten, von denen man mit einigem Recht behaupten kann, dass das Rot in ihrer Standarte nicht zufällig war: Joseph Goebbels bezeichnete sich als «deutschen Lenin», Hitler appellierte an die «Arbeiter der Stirn und der Faust». Die «nationale Revolution», die die Nazis plakatierten, war allerdings keine: Der NSDAP wurde die Macht vom Großkapital übertragen – im Januar 1933, als ihre Mobilisierungskraft schon im Abschwung war, ablesbar an dem schwachen Ergebnis bei den vorhergehenden Wahlen im November 1932.

Die französische Februarrevolution von 1848, hier auf einem Gemälde von Henri Félix Emmanuel Philippoteaux (1815–1884). Foto: CC0 / Wikimedia Commons

(…)

Kommunismus und Faschismus sind unwiederbringlich Geschichte. Niemand will sie zurück, und das ist auch gut so. Aber wäre nicht eine «friedliche Revolution» wie 1989 vorstellbar, wie sie zuletzt Alexander Gauland propagierte – also eine gewaltfreie Überwindung des Systems Merkel?

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