Revolution Chemnitz: „Deutschland und die sieben Zwerge“ – auf einen Streich

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Chemnitz hat sein Stigma weg, wird bundesweit mit Rechtsradikalismus in einem Atemzug genannt. Die braven Sachsen werden von der Welt geächtet. Die ganze Stadt, die nichts als trauern wollte um ihren von einem Asylanten Ende August ermordeten David, scheint eine Brutstätte von Rassisten zu sein, glaubt man den Medien. Zu deren Elite aber soll sich die mutmaßliche Terrorgruppe „Revolution Chemnitz“ aufgeschwungen haben. Deren Mitglieder hat die Bundesanwaltschaft jetzt festnehmen lassen.

Nach Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden, die sich aus abgehörten Telefonaten und Chats in Messengerdiensten wie WhatsApp und Telegram ergaben, sollen die „Glorarmen Sieben“ den rechtsradikalen Umsturz der Bundesrepublik sowie einen Bürgerkrieg geplant haben. Testlauf sollte der Tag der Deutschen Einheit sein – ein historischer Wendepunkt, über deren Ausgestaltung man aber wohl noch nicht näher nachgedacht hatte…

Zumindest aber wollte das „Siebengestirn“ die Schandtaten des Nationalsozialistischen Untergrundes – in dessen Augen „Stümper“, „Kindergarten-Vorschulgruppe“ und „blutige Anfänger“ – in den Schatten stellen. Den mutmaßlichen Terroristen gehe es, anders als dem NSU, um mehr als die Vertreibung von Ausländern. Sie wollten die Gesetze des Rechtsstaats außer Kraft setzen mit gewaltsamen Angriffen auf „die Mediendiktatur und deren Sklaven“.

Sie wollten Angst und Schrecken verbreiten

Nach Informationen der Süddeutschen Zeitung gingen die Fahnder davon aus, „dass militante Attacken auf Politiker, Journalisten und andere Menschen folgen sollten, die in der Öffentlichkeit für den freiheitlichen Rechtsstaat stehen. Sie wollten Angst und Schrecken verbreiten, die Gesellschaft umwälzen“, sind die Beamten überzeugt. Sie nähmen die von der Gruppe ausgehende Gefahr sehr ernst. „Die wollten ein anderes Land“, so die Ermittler. Diese griffen zu, als aus den Chatverläufen erkenntlich wurde, dass sich die Gang Schusswaffen besorgen wollte. Die Beute aber war denkbar mager: Ob Polenböller oder Furzkissen darunter waren, ist nicht überliefert. Ansonsten: Schlagstöcke – das war´s.

Ilkin Zeferli
Stockfoto: 1038295483

Damit lässt sich prima Revolution machen, zeigt große Wirkung. Wie eben jetzt auch der Sturm im Wasserglas, der vom Tsunami der besonders brutalen Gewaltverbrechen seit der Massenmigration ablenken soll. Beim Verfassungsschutz gehen immer mehr Hinweise über Asylanten ein, die eine Gefahr für die Sicherheit in Deutschland darstellen könnten. Allein im Jahr 2017 lag die Zahl der Verdächtigen bei mehr als 10.000 gegenüber „nur“ rund 2000 im Jahr 2016 und „lediglich“ 571 im Jahr 2015. Das geht aus einem Bericht der Bundesregierung vor, der der Welt vorliegt.

Da fahndet die Republik nach einer knappen halben Million verschollener Asylbegehrer, verschwunden mit unbekanntem Ziel, unbekannter Identität, unbekanntem Anlass – und findet sieben deutsche Rechtsextreme, die unausgegorene Phantastereien austauschen? Reife Leistung! Respekt! Wer noch nicht komplett hirngewaschen ist, der weiß, dass echte Umstürzler nicht in irgendwelchen bekanntermaßen abhörbaren Chatrooms über ihre Pläne schwadronieren, und dass sie mit Sicherheit keine Nobodys aus der Hooligan-Szene, sondern hochrangige Personen, bestenfalls mit militärischem Hintergrund, sind.

Da man sich nach wie vor nicht die Mühe macht, die illegal „Einreisenden“ zu kontrollieren und deren Vorgeschichte sowie die ihrer nachziehenden Familien unter die Lupe zu nehmen, stürzt sich jetzt alle Welt auf die Vergangenheit der „Revolution Chemnitz“: Mindestens eines der Mitglieder habe bereits vor zehn Jahren vor Gericht gestanden, Tom W., einer der Köpfe der 2008 verbotenen rechtsradikalen Kameradschaft „Sturm34“, wie die Süddeutsche informiert. „Diese Gruppe hatte die sächsische Stadt Mittweida und ihre Umgebung mit Überfällen zur ,nationalbefreiten Zone‘ machen wollen. Tom W. und sein Bruder waren damals zu relativ milden Strafen verurteilt worden, an der Gesinnung von Tom W. hat das Urteil offenbar nichts geändert.“

Wow, welch eine kriminelle Vita, und die Reizworte „Chemnitz“, „Übergriffe auf Ausländer“, „Rechtsterror“ oder „Anschlag auf die Nation – den Tag der deutschen Einheit“, bescheren den „Qualitäts“-Medien feuchte Träume von schlagzeiligen Auflagensteigerungen.

ARD-Terrorismus-Experte Holger Schmidt; Screenshot ARD

Da bleibt die ARD nicht außen vor und schickt mal wieder einen Terrorismusexperten ins Rennen: Für Holger Schmidt „klingt es nach fanatischer Entschlossenheit, aber auch nach Größenwahn und Großmauligkeit. So wollte die Gruppe (…) einen Bürgerkrieg auslösen. Dabei werde es dann auch Opfer geben, darüber war man sich im Klaren“. (…) In der Chatsprache der Gruppe sei von „Merkel-Zombies“, „Linksparasiten“, „Mediendiktatur und ihre Sklaven“, „Antifanten“ oder „Schwarzer Block“ die Rede gewesen. Und: Es sei an der Zeit, nicht nur Worte sprechen zu lassen, sondern auch Taten.

In den Chats seien auf der Suche nach scharfen Waffen „konkrete Modelle diskutiert, Preisvorstellungen genannt und Sonderwünsche geäußert“ worden wie etwa nach einer Maschinenpistole MP5 von Heckler & Koch. Wörtlich habe ein Gruppenmitglied geschrieben: „Ich geb‘ Dir gleich mal Meldung wegen der Waffenbestellung. Aber gleich vorweg an Alle: Alles nur bar und anonym machen!“ (Ähnlich übrigens äußert sich die Antifa auf ihrer Seite indymedia; dem Verfassungsschutz ist´s schnurz: kein Überrollkommando auf die Betreiber.) Anwesenheit, berichtet Schmidt weiter, sei bei den geplanten Aktionen Pflicht. Auch das Kommando zum Losschlagen sei vereinbart worden: „Die Wölfe sind los!“

Qualitätspresse dreht am Rad

Nun, vorerst sind sie im Käfig, zumindest fünf von ihnen, während die „Qualitätspresse“ am Rad dreht. Merkel und ihre „Sieben Zwerge“: Da ist ja mal der saure Apfel an ihr vorbeigeschrammt. Welch einen Schaden die Siebenerbande hätte anrichten können mit ihren Totschlägern… Nun, Gefahr erkannt, Gefahr gebannt, „Sieben auf einen Streich“, die „Geißlein“ können weiterschlafen, und die „Kaiser haben „neue Kleider“: Eine härtere Gangart gegen Rechtsextremismus (zu dem bereits Kritik am System und Unmutsbekundungen gegen die irrsinnige Asylpolitik zählen), dieweil eine gegen Linksextremismus selbst nach den Ausschreitungen beim G20 in Hamburg oder auf sämtlichen Demos sowie Gewalt gegen Ordnungskräfte noch immer nicht auf der Agenda steht.

Hassmedien, COMPACT-Magazin, Oktober 2018

Ebenso wenig offensichtlich die Jagd nach dem Kumpanen des Mörders von Daniel Hillig aus Chemnitz. Sachsens Innenminister Roland Wöller (CDU) ist zu beschäftigt mit sieben mutmaßlichen Rechtsterroristen, die viel gefährlicher sind als die, gegen die „Die tapferen Schneiderlein“ aus Sachsen auf die Straße gehen.

Über den Autor

Iris N. Masson

 

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