Hungern, betteln, Flaschen sammeln: Der Lohn eines langen Arbeitslebens – immer öfter bedeutet er Armut. Nach 2030 wird fast die Hälfte der Menschen über 65 ihren Lebensabend im Elend fristen. Die Politik schaut ungerührt zu. Es folgt ein Auszug aus dem Artikel „Rentner in Angst“, ungekürzt in der neuen COMPACT 8/2018 (bestellbar hier) – am guten Kiosk!

    _ von Martin Müller-Mertens

    41 lange Jahre hat Gisela Quenstedt geschuftet. Doch im Alter begann für die heute 69-jährige Hamburgerin ein Dasein am Rande der Gesellschaft. «Ich bekomme 900 Euro Rente, meine Miete beträgt aber schon 560 Euro. Da bleibt mir nicht viel übrig», sagt sie. Es sind nicht einmal acht Euro pro Tag. Zum Leben zu wenig, zum Sterben zu viel.

    Zwei Söhne hat Gisela Quenstedt großgezogen, fast immer in Vollzeit malocht. Jetzt sammelt sie Pfandflaschen, fängt in Eimern Regenwasser für die Toilettenspülung auf, statt zum Supermarkt geht sie zur Tafel. «Man schämt sich ein bisschen dafür, dass man sich von seinem eigenen Geld nicht unterhalten und Essen kaufen kann.»

    Arme Rentner – im reichen Deutschland sind sie längst keine Einzelfälle mehr. Die Münchnerin Anna Leeb hat in der Landwirtschaft den Rücken krumm gemacht, war später Dienstmädchen, ist heute gehbehindert. Um die 800 Euro bleiben der 77-Jährigen. 35 Stunden in der Woche sammelt sie Flaschen – um den Enkeln hin und wieder eine kleine Freude machen zu können.

    Was dann geschah, hätte Leeb wohl nie erwartet. Weil die Deutsche Bahn das Flaschensammeln auf ihren Bahnhöfen nicht duldet, musste sie seit 2011 etwa 20 Strafanzeigen über sich ergehen lassen, erhielt Geldstrafen von 300, 500 und 450 Euro, 300 Euro Verfahrenskosten noch obendrauf.

    Tatsächlich ist Münchens Hauptbahnhof ein Zentrum der Kriminalität: 4.058 Fälle und eine Verdoppelung der Drogendelikte verzeichnete die Polizei 2016. Doch der Sicherheitsdienst kühlt sein Mütchen anscheinend an der alten Flaschensammlerin.

    Die Privat-Sheriffs haben «mich am Arm gepackt, mit dem Rollator aus dem Hauptbahnhof gezerrt», erzählte sie 2017 der Münchner Lokalzeitung TZ. Fast 100.000 Menschen unterzeichneten eine Petition gegen die Kriminalisierung der Rentnerin.

    Jeder Zweite in Not

    Rente – ein Wort, das immer öfter zur Drohung wird. Schon jetzt liegt jede zweite Altersrente in der Bundesrepublik auf Armutsniveau – so Angaben des Bundesarbeitsministeriums auf eine Anfrage der Linken Anfang Juli 2018. Demnach bezogen Ende 2016 rund 8,6 Millionen Rentner (48 Prozent) weniger als 800 Euro monatlich – noch vor Abzug von Steuern.

    Ganze 38 Prozent der Bezieher erhielten mehr als 1.000 Euro. Solche Wahrheiten gibt der Staat nicht von sich aus preis. Der letzte Armutsbericht der Bundesregierung wurde vor seiner Veröffentlichung im Frühjahr 2017 massiv zensiert. Eine vom Deutschlandfunk veröffentlichte Originalversion zeigt großflächige Streichungen auf 19 der letztlich 48 Seiten.

    Die Initiative für das Frisieren des Berichts soll nach Angaben des Senders vom Kanzleramt ausgegangen sein, gegen den Widerstand des Sozialministeriums. «Selbst eine so banale Erkenntnis wie die, dass zumindest sehr Reiche politisch einflussreicher als Arme sind, sorgt für Konfliktstoff zwischen den Regierungsparteien», kommentierte der Politikwissenschaftler Christoph Butterwegge die Tilgung eines entsprechendes Satzes. Der Paritätische Gesamtverband warf der Merkel-Regierung ein «Feilschen um wohlfeile Passagen» vor.

    Schon im Jahr 2015 mussten 536.000 Bürger (4,6 Prozent) beim Eintritt in den Ruhestand ihre Rente beim Sozialamt aufstocken, weil diese unter dem Existenzminimum lag, so eine Studie des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes. Der Anteil der Neurentner, die diese sogenannte Grundsicherung in Anspruch nehmen müssen, hat sich somit seit 2005 fast verdoppelt.

    Der damalige Bundesarbeitsminister Norbert Blüm (CDU) versprach 1986 bei einer Plakataktion «sichere» Renten. Foto: picture alliance / Peter Popp

    Noch schlechter stehen Senioren da, deren Rente gerade mal ein paar Euro über der Grundsicherung liegt. «Diese Menschen müssen alles selbst bezahlen – Miete, Strom, Krankenkasse bis hin zu GEZ-Gebühren – und haben noch nicht einmal Anspruch auf einen Bezugsschein für die Tafel», berichtet Lydia Staltner vom Münchner Verein Lichtblick Seniorenhilfe.

    Das Hannoveraner Pestel-Institut weist mit Blick auf die exorbitant steigenden Mieten in Ballungsräumen auf ein weiteres Risiko hin. Es gebe «die konkrete Gefahr, sich arm zu wohnen», so Leiter Matthias Günther. Voraussetzung für eine Rente oberhalb der Armutsgrenze sind vorherige Erwerbseinkommen von mehr als 12 Euro pro Stunde. In Bayern konnten viele von solchen Löhnen bis in die 1960er Jahre nur träumen, als der Anteil der Landwirtschaft noch sehr hoch war.

    «Die Quote der altersarmen Rentnerinnen und Rentner hat so stark zugelegt wie in keiner anderen Bevölkerungsgruppe», mahnt Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes. Dabei ist der Trend in vielen Nachbarländern gegenläufig: Nach Angaben der Agentur Eurostat über die Lage in 13 EU-Staaten ging bei der Mehrheit der Prozentsatz von Armutsrentnern spürbar zurück, in Ungarn und Malta blieb die Quote in etwa stabil. Lediglich in Lettland und Bulgarien nahm das Alterselend zu – und in Deutschland.

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    Eine aktuelle Studie des Bundessozialministeriums benennt die Hauptursachen der Altersarmut:

    ■ 40 Prozent der Betroffenen haben nie oder maximal fünf Jahre Rentenbeiträge gezahlt – darunter viele Selbständige.

    ■ Jeder dritte Bezieher von Grundsicherung ist geschieden. Überdurchschnittlich oft betroffen sind Frauen: Ihre Durchschnittsrente liegt in den alten Bundesländern bei nur rund 700 Euro. In den neuen Bundesländern ist sie etwa 100 Euro höher, weil die Frauen in der DDR während der Kindererziehung nicht zu Hause blieben, sondern weiterarbeiteten.

    ■ Knapp jeder Fünfte war mehr als fünf Jahre ohne Job. Ein Problem ist dies besonders im Osten, wo Rentner bislang die großen Gewinner der Wiedervereinigung waren. Doch das ändert sich bei den Jahrgängen, die nach der Wende entlassen wurden: Allein bis Ende 1991 wurden in den ostdeutschen Ländern 2,5 Millionen Menschen arbeitslos, die Zahl der Erwerbstätigen sank von neun auf 6,7 Millionen.

    (Ende des Auszugs, der ganze Artikel steht hier)

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