Rache der Sex-Sklavinnen

17

Ihre Familien wurden vom IS massakriert – sie selbst gelangten in Sklaverei und Zwangsheirat. Jetzt bereiten jesidische Frauen den Gegenschlag vor.

_von Tino Perlick

Hunderte frühere Gefangene des Islamischen Staats haben sich in einem reinen Frauen-Bataillon zusammengeschlossen, um gegen ihre Peiniger zurückzuschlagen. Sie waren unter den 2.000 Gefangenen, die in die Klauen der IS-Foltervergewaltiger gerieten, nachdem diese im August 2014 ihre Dörfer im Nordirak überfallen hatten. Die jesidischen Frauen, die sich „Macht der Sonnen-Ladies“ nennen, greifen aber nicht nur aus Rache zu den Waffen. Es geht um das Überleben ihres Volkes.

Unterstütze COMPACT mit einem Abo – hier abschließen

COMPACT Abo-2016-02

Kinder spielten im Schatten der Bäume, als am 3. August 2014 IS- Sturmtruppen die am Fuße des Sindschar-Gebirges liegenden Tomatenfarmen der religiösen Minderheit der Jesiden überfielen. „Daesh kommt! Daesh kommt!“ schrien die Älteren, nachdem sie die im Wind flatternden, schwarzen Flaggen in den herbeirasenden Geländewagen erkannten [Daesh ist ein arabischer Begriff für den IS, der die vermeintliche Staatlichkeit der Terrormiliz schon im Namen aberkennt]. Während überall um sie herum die Männer erschossen wurden, flohen die Kinder in die Häuser. Nachdem das aufhörte, kamen die Mörder in die Verstecke. Die Kinder wagten es nicht, ihnen in die Augen zu schauen. Auf den Läufen der Gewehre der lachenden Männer erkannten sie die Worte: „Es gibt keinen anderen Gott als Allah.“ So beschreibt es die Dokumentation Das Volk eines Engels.

5.000 Jesiden starben an diesem Tag, weil sie sich weigerten, ihre Religion zu widerrufen. Tausende Frauen und Kinder wurden von ihren Familien getrennt und teils bis nach Syrien verschleppt – über die Hälfte von ihnen minderjährig. In den Fängen des angeblichen Kalifats müssen die Mädchen zum Islam konvertieren und werden zum Eigentum erklärt. Sie erleiden Folter und Vergewaltigungen, werden auf Basaren verkauft und wieder verkauft. Rund 1.500 der entführten Frauen sind der Hölle des Kalifats bislang entkommen. Ihre Geschichten zeugen von der menschenverachtenden Brutalität der Dschihadisten. Die Netzfrauen berichten von einer jesidischen Mutter, der verboten wurde ihr Baby zu stillen. Als es anfing zu schreien, schlägt ein Gotteskrieger ihm den Kopf ab. 

123 jesidische Frauen unterliefen inzwischen ein Kampftraining, weitere 500 haben sich angemeldet. Die Frauen sind zwischen 17 und 37 Jahre alt und kämpfen an der Seite der Peschmerga. Sie schlossen sich den PKK-Waffenbrüdern an, nachdem diese ihre Heimat in den Nordirak am 13. November 2015 zurückerobert hatten. Nun bereiten sie sich auf den Großangriff auf den IS-Hauptstützpunkt in Mosul vor. Fast täglich sind sie in Gefechte mit dem IS verwickelt.

Unterstütze COMPACT mit einem Abo – hier abschließen

“Jetzt verteidigen wir uns gegen das Böse. Wer verteidigen alle Minderheiten in der Region“, erzählt die Befehlshaberin Khatoon Khider der US-amerikanischen FoxNews. „Was immer auch nötig ist, wir werden es tun.” Xate Shingali sagt, sie lehne Gewalt normalerweise ab. Doch die Brutalität der Terroristen ließe ihr und ihren Kameradinnen keine andere Wahl. „In der Welt sollte es kein Morden geben“, sagt sie. „Aber was tust Du, wenn Du kämpfen musst, wenn es niemanden gibt, der dich und deine Familie verteidigt?“ Eine 19-jährige „Sonnen-Lady“ namens Mesa erklärt: „Es ist wichtig für uns, unsere Würde und Ehre zu beschützen zu können. Meine Familie ist sehr stolz. Sie ermutigen mich dazu, einzutreten.“

Von 800.000 vor allem im Nordirak lebenden Jesiden, sind 200.000 vertrieben. Der IS betrachtet das Jesidentum als eine „heidnische Religion aus vorislamischer Zeit“. Insofern ist die ethno-religiöse Minderheit für die Extremisten quasi zum Abschuss freigegeben. Denn im Gegensatz zu Christen oder Juden können Anhänger nicht abrahamitischer Religionen sich nicht durch Schutzzahlungen dem Missionierungszwang entziehen. Die Vereinten Nationen schätzen, dass noch rund 3.500 Menschen, hauptsächlich weibliche Jesiden, im Irak vom IS gefangen halten werden.

Trotz aller grausamen Erfahrungen haben die kampfbereiten Frauen vor einem besonders Angst. Der IS versucht, aus gekidnappten Jungen Kindersoldaten zu machen. Dazu setzt er sie unter Drogen und unterzieht sie einer Gehirnwäsche. Entführungsopfer könnten nun unter IS-Flaggen gegen ihre Mütter und Schwestern in die Schlacht ziehen. „Nun wird es jesidische Terroristen geben“, beklagt Khider. „Doch wir haben viele Missionen vor uns. Wir tun, was notwendig ist.“

In den 2014 vom IS überrannten Gebieten spricht man heute von der damaligen „Flut“. Wann kommt es in Deutschland zum großen Knall? „Zwar wäre es verfehlt, alle Mohammedaner mit den Dschihadisten in einen Topf zu werfen – immerhin kämpfen vor allem Schiiten, Alawiten und Kurden unter Einsatz ihres Lebens gegen die Kopfab-Milizen des IS. Genauso wahr ist allerdings, dass sich unter deren schwarzen Fahnen die überzeugtesten Anhänger der Sunna sammeln – Wahabiten, Salafisten, Moslembrüder, ganz offen unterstützt von ihren Glaubensbrüdern in Saudi-Arabien, den Golfstaaten und der Türkei.“ Den kompletten Artikel „Dschihad gegen Europa“ finden Sie im aktuellen COMPACT-SPEZIAL: „ASYL. Das CHAOS.

Nach Beginn des IS-Kreuzzugs im Nordirak kam es im August 2014 zu gewalttätigen Auseinandersetzungen in nordrhein-westfälischen Herford. Salafisten und andere Islamisten hatten Jesiden mit Messern und Macheten attackiert und gedroht: „Wir töten euch im Irak, wir töten euch auch hier!

Unterstütze COMPACT mit einem Abo – hier abschließen

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel