«Privat, reich, vernetzt»

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Es ist schon eine beinahe liebgewonnene Tradition: Im Oktober veröffentlichte das Managermagazin wieder eine Sonderausgabe über die 500 Reichsten im Lande. Auch wenn kaum ein Reicher darin seine Haustüren öffnet, das Magazin vermittelt immerhin ein grobes Bild über die Befindlichkeiten der deutschen Reichen. Inhaltlich geht es Chefredakteur Arno Blazer dabei weniger um eine harte Abrechnung mit der Rolle der Milliardäre zwischen München und Hamburg, sondern vielmehr um den Abbau von Vorurteilen, ganz nach dem Motto seines Editorial «Fortschritt durch Reichtum».

In der Top-100-Rangliste der größten Vermögen hält sich noch immer der ALDI-Patriarch Karl Albrecht an der Spitze. Der Milliardär verkörpert gleichzeitig das tiefe Dilemma der Reichenforschung in Deutschland: Man weiß praktisch nichts über den erfolgreichen Lebensmittelhändler mit dem Supervermögen. Der alte reiche Mann folgte ein Leben lang dem deutschen Leitspruch: «Geld hat man, darüber spricht man nicht.» In Deutschland gibt es noch viel Sympathie für diese Garde der alten Millionäre aus der Zeit des Wirtschaftswunders. Für die meisten Deutschen sind heute die «bösen» Kapitalisten sowieso keine Unternehmer, sondern eher die Banker in ihren Glaspalästen. Allerdings: Wenn man genauer hinschaut,  agieren viele Monopolisten im Lande – wie beispielsweise die großen Discounthändler – längst nicht mehr wie die alten Kaufleute, sondern bereits selbst wie Banken.

Natürlich sind auch die deutschen Milliardäre in Krisenzeiten öffentlich eher in der Defensive. Der alte Feind der Reichen, der Neid, mag dabei auch noch eine Rolle spielen. Aber das Phänomen Reichtum wandelt sich auch selbst. Die Reichen sind heute die erkannten Profiteure eines globalen Systems, dass immer mehr Menschen in die Armutsregion befördert. Der Kapitalismus aber, in den sie nun mit ihrem Geld und zu ihrem Vorteil eingebettet sind, hat sich durch eine entfesselte Finanztechnik nachhaltig diskreditiert.

Beinahe verzweifelt versuchen die Reichen heute, ihre gesellschaftliche Position abzusichern: Sie treten immer häufiger die «Flucht nach vorne» an, spenden Millionenbeträge, gründen steuerbegünstige Stiftungen und versuchen sich selbst, von den Exzessen der Finanzindustrie zu distanzieren. Ob und wie die Milliardäre nebenbei in die Politik unseres Landes eingreifen, sie vielleicht längst bestimmen, bleibt aber eine andere Frage.

Natürlich schottet sich Reichtum heute naturgemäß ab, bildet hinter hohen Mauern eigene Parallelgesellschaften, die sich durch eine absolute Privatheit auszeichnen. Diese andere Seite der Bundesrepublik zu erforschen ist schwierig und im großen Stil, welch Ironie, wohl auch kaum zu finanzieren. Die Reichen können sich leisten, ihre Strukturen «geheim» zu halten oder mit entsprechendem PR-Budget die öffentliche Meinung über sie selbst zu steuern. Hier ist die Basis für die, wie die einen sagen «Verschwörungstheorie», die über die heimliche Macht der Reichen spekuliert oder aber für das schlichte Faktum, wie die anderen meinen, nämlich der schleichenden Feudalisierung unserer Gesellschaft.

Wie sehr Geld in unserer Zeit Macht geworden ist, dürfte dem Letzten im Lande im Rahmen der Finanzkrise klar geworden sein. Aber ist diese Macht auch eine persönliche? Man vergisst leicht dabei, dass hinter den namenlosen strukturellen Beteiligungen, Hedge-Fonds und Banken unseres Landes auch Personen stehen. Wie wirken diese neuen und alten Reichen – bekannt oder unbekannt – de facto in das politische Geschehen unseres Landes ein? Bestimmen beispielsweise die vier oder fünf Milliardäre aus dem Medienbereich längst die öffentliche Meinung und damit die politische Landschaft?

Eine der wenigen Forscher in diesem Gebiet ist Hans Jürgen Krysmanski. In seinem neuesten Buch «0,1%, das Imperium der Milliardäre» stellt der Soziologe nicht nur die Frage nach dem untergegangenen Primat der Politik, sondern versucht auch, hinter den Kulissen die versteckten Machtapparate der Reichen zu sichten. Im Grunde geht es ihm darum zu untersuchen, ob die alten Nationen und ihre Demokratien im internationalen Geflecht der ökonomischen Vernetzungen überhaupt noch souverän sein können. Die Frage nach einer «herrschenden Klasse» stellt sich dabei beinahe von selbst.

Zweifellos haben die Nationen, im Angesicht internationaler Großunternehmen, die über mehr Kapital verfügen als mittelgroße Länder, an Macht verloren. Die technische Revolution tat ihr Übriges. Die neuen Milliardäre, wie sie beispielsweise das Internet hervorbringt, sind dabei nicht nur die Pioniere einer global grenzenlosen Industrie, sie können auch mit nationalen Grenzen nur noch wenig anfangen. Weltweit leben bereits 20.000 Superreiche, mit einem freien Vermögen über 500 Millionen Dollar und bilden so das Kernland von «Richistan». Diese Finanzjongleure betreiben noch immer lokale und nationale Unternehmungen, aber in Sachen Steuern, dem Nutzen von Informationen und politischen Kontakten denken sie längst global.

Krysmanski wagt sich in seinem Buch also an eine Art Soziologie der Superreichen. Das ist nicht ganz ohne, denn, so zitiert der Autor das Feuilleton der FAZ: «Die herrschende Sicht ist einem apokryphen Wort zufolge diejenige, deren Soziologie niemand zu schreiben wagt.» Kurzum: In diesem verminten Feld kann man den falschen Leuten auch auf die Füße treten. Gerade wenn es aber nicht nur um eine Polemik geht, wird das wissenschaftliche Problem schnell klar, es ist nicht nur nicht einfach Superreiche wissenschaftlich zu erforschen, sondern auch nicht üblich, sie unter Recherchedruck zu setzen. Die Gelegenheit Reiche direkt zu fragen, wie man denn sein Geld politisch einzusetzen gedenkt, gibt es selten. Es bleiben oft nur vage Hinweise, wie zum Beispiel die Honorar-Liste des SPD-Kanzlerkandidaten, die man als mögliche politische Beeinflussung interpretieren kann.

Zweifellos ist die Reichenforschung in den USA weiter, wohl auch, weil nirgendwo der Einfluss der Wirtschaft und der Reichen auf die Politik so evident ist. Die Frage nach der «Plutokratie» stellt sich die amerikanische Intelligenz bei praktisch jedem Wahlgang. Aber so fragt Krysmanski, gibt es schon eine «global herrschende Klasse»? In den USA gibt es im Gegensatz zu Deutschland ganze Institute die dieser Frage nach der «Davos-Klasse» nachgehen. So veröffentlicht das «Transnational Institute» auf ihrer Webseite präzise Listen der global agierenden Superreichen und geht ihrem strukturellen Einfluss nach. Es wird erklärt, wie die Superreichen ihre Interessenpolitik konjunkturabhängig gestalten, wie sie völlig unabhängig von Krisen werden und eigentlich in jeder ökonomischen Lage nur noch gewinnen können. «Dabei», so Krysmanski, «ist das letzte Geheimnis des Ultrareichtums seine Privatheit».

In Ringen wirken diese Machtzentren der Reichen beinahe auf alle gesellschaftlichen Sphären ein und nutzen dabei die bekannten Techniken des Lobbyismus, der Korruption oder des Informations- und Wissensvorsprungs durch die effektive Vernetzung ihrer Eliten. Einfache Journalisten, Soziologen und Wissenschaftler haben kaum eine Chance  über diese Machenschaften aufzuklären, geschweige denn können sie ihre subtile Wirkungskreise freilegen. Internationale NGO’s wiederum, die über diese Machenschaften scheinbar aufklären, sind hin und wieder bereits selbst Teil der Machtstrukturen der Reichen. «Der Geldadel», so Krysmanski, «verwaltet zwar nicht, er treibt keine Politik, und er produziert keine Kultur, aber er lässt verwalten, verteilen, erfinden und denken».

Die letzte Bedrohung für diese etablierten Machtstrukturen dürfte die öffentliche Meinung darstellen, die schlimmstenfalls im Weltdorf eines Tages eine revolutionäre Stimmung erzeugen könnte. Noch konnten Bewegungen wie «Occupy» relativ leicht aus der Öffentlichkeit gedrängt werden, aber das für die Reichen bedrohliche neue Szenario bleibt: «Der Krieg der Staaten geht, der Krieg der Klassen kommt.» Krysmanski zitiert in seinem wichtigen Buch eine Studie des britischen Verteidigungsministeriums, in der – mangels Arbeiterklasse – in der Mittelklasse bereits ein «revolutionäres Potenzial» gesehen wird.

Natürlich geht es auch Krysmanski nicht etwa um das Schüren eines Klassenkampfes, sondern nur um die nüchterne Sichtung eines modernen Problems. Es geht um den Zusammenhang von Geld und Macht und es wird in einer Zeit kontinuierlich wachsender Geldmengen bitter nötig, das Phänomen des maßlosen Reichtums ernst zu nehmen. Im Interview mit dem «Manager Magazin» definiert der Autor, wobei es dabei im Kern geht: «In Deutschland dagegen werden selbst diejenigen aber, die im Jahr pro Familie 600 Millionen Euro Dividende einstreichen, als ein harmloses, teils spießiges, teils irgendwelchen Luxushobbies wie der Pferdesport oder Oldtimer-Sammeln frönendes Völkchen verkauft.»

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