Prinz, Bauer, Jungfrau..und jetzt Erdogan

3

_von Willy Wimmer

Wenn Köln will, hat Köln es drauf. Das hätte auch Kölns Oberbürgermeister Jürgens Roters bedenken müssen, als er dem türkischen Ministerpräsidenten Erdogan öffentlich nahelegte, wegen großer Beliebtheit im Heimatland Türkei auf seinen Besuch im ehemals „hillige“ Köln zu verzichten. Das war unsportlich. Wer noch vor wenigen Wochen sich offen und versteckt die Fäuste gerieben hatte, als der deutsche Bundespräsident Gauck in der Türkei losholzte, der darf es dem türkischen Ministerpräsidenten nicht verargen, wenn er in Köln sich an seine Landsleute, wendet, die vielfach nach Bedarf mal Deutsche und mal Türken genannt werden wollen. Dabei war das, was der Hausherr des Schlosses Bellevue in der Türkei abgeliefert hat, Einmischung vom Feinsten in die inneren Angelegenheiten eines befreundeten Staates, der in Schwierigkeiten steckt. Aber wer steckt heute nicht in Schwierigkeiten? Präsident Gauck hat das gesagt, was bei einer wirkungsvollen innenpolitischen Auseinandersetzung andere auch sagen.

Aber das sind Türken und das ist richtig so. Da bedarf es keines Gastes, der im Obama-Stil auch noch seinen „Senf“  dazu gibt. Staatsgäste sollten wissen, was ihr Amt ausmacht und wenigstens eine grobe Vorstellung davon haben, was die berühmten „inneren Angelegenheiten“ sind. Also jetzt Erdogan, auf den man noch nicht einmal im Rheinland gespannt sein muss. Man kennt ihn doch und herzt ihn sogar öffentlich, obwohl er  dem Land, das mit seinen aus dem Heimatland heraus komplimentierten Landsleute sehr wohlmeinend umgeht, durchaus kräftig gegen die politischen Schienbeine treten kann. Das hat er gezeigt. Aber deshalb nicht kommen lassen? Die Dinge gehen doch in Köln vorüber und dafür steht das, was wir an Köln so lieben. Noch jedes Mal war in Köln ein eindeutiges „Ja“ zu vernehmen, wenn die Menge mit dem Ruf konfrontiert wurde:“Sollen wir ihn rein lassen?“ Warum nicht auch Erdogan? Es wird ja schon nichts endgültiges sein, denn nicht nur der Kölner weiß, wie intensiv andere Feststellungen auch sein können. Zumal wenn sie da lauten: „Dr Zooch kütt“. Prinz, Bauer und Jungfrau sind in Köln auch nicht auf Dauer, auch wenn es manchmal anders zu sein scheint. Die Dinge gegen ebenso schnell vorbei, wie sie gekommen sind.

Warum nicht auch bei Erdogan, dem die Frau Bundeskanzlerin doch gestattet hat, die türkischen Einrichtungen in Deutschland für die kommende Präsidentschaftswahl zu nutzen und nicht nur für die nächste Wahl. Schon wegen der Dimension der türkischen Wahlbevölkerung auf deutschem Staatsgebiet werden wir von der Ortsbevölkerung uns auf etwas einstellen müssen. Es wird nicht bei den türkischen Wahllokalen bleiben, wenn man die Geschwindigkeit berücksichtigt, mit der originäre deutsche Belange, die Vertrauen und Verlässlichkeit schaffen, von staatlicher Seite über Bord geschmissen werden. Fraglich ist nur, wer am Schluss dabei über Bord geht. Aber der türkische Ministerpräsident hat noch nicht einmal deutsche Gastfreundschaft nötig. Man muss gar nicht die türkischen Äußerungen über die Bedeutung der dem türkischen Staat unterstehenden Moscheen heranziehen, um eines festzustellen: hier kann jederzeit und nicht nur wegen eines Besuches, Meinung orchestriert werden. Gerade in diesen Tagen, wo angeblich bei der NATO wieder alte Kriegsstudien gegen die verblichene Sowjetunion zu Rate gezogen werden, sollten die traumatischen Vorstellungen aus dem „Gemeinsamen Ausschuss“ beim Deutschen Bundestag jedenfalls entmottet werden. Wie waren denn die Begleiterscheinungen, über die im Vorfeld eines Konfliktes niemand reden wollte? Wenn von Nord über Süd eine gewaltige Ausreisewelle in Richtung Anatolien angenommen wurde, die jede Völkerwanderung der Vergangenheit in den Schatten stellen könnte. Wer in Europa zündelt, der sollte den Menschen reinen Wein einschenken.

Dabei wäre der Endlos-Konvoi in Richtung Anatolien noch nicht einmal der Zug ins Land der Väter. Was steht denn dort noch? Aus den siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts wissen wir doch, dass wegen der Auswirkungen des Kurdenkonfliktes das türkische Establishment in Ankara den großen Deal mit den kurdischen Großgrundbesitzern in Anatolien vereinbart hat. Wir schützen euch vor Industrialisierung und ihr schützt uns vor radikalisierten Kurden aus der armen Landbevölkerung. Noch heute kann man über diese Gebiete fliegen, in denen wogende Kornfelder die Ruinen von rund 3000 zerstörten und bis auf die Grundmauern abgetragenen Städte, Dörfer und Gehöfte verdecken. Den Menschen aus Anatolien, zumal den Kurden, eine Zukunft in dem Landstrich, den sie ihre Heimat nennen? Nur ja nicht. Wer für die Seinen und für sich eine Zukunft wollte, der musste nach Izmir und Istanbul, aber besser noch nach Stuttgart und Köln.  Köln, das wäre für Erdogan am Wochenende der beste Platz, seinen Landsleuten wieder eine mögliche Heimat dort einzuräumen, wo die Gräber der Ahnen sind. Dann müsste er allerdings diesen faustischen Pakt zwischen dem türkischen Establishment und den kurdischen Großgrundbesitzen beenden, und Anatolien entwickeln und ihm auch eine industrielle Zukunft ermöglichen. Die kurdischen Gebiete im Norden  zeigen auf, was Kurden können, wenn sie in der Heimat ihre Chancen finden.

Erdogan am limes oder ante portas? Die Daumen senkten sich schon an anderer Stelle, als Erdogan auch nur deutlicher als sonst das „Ottoman Empire“ anklingen ließ.

Über den Autor

COMPACT-Magazin

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln.

Empfehlen Sie diesen Artikel