«Populismus ist keine Ideologie, sondern ein Stil»

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Kein Denker hat die europäische Neue Rechte so stark beeinflusst wie Alain de Benoist. Den einst für die Politik bestimmenden, vertikalen Gegensatz zwischen rechts und links sieht der französische Philosoph und Publizist inzwischen als obsolet an. Heute verläuft die Konfliktlinie horizontal: Unten gegen Oben, das Volk gegen die Eliten.

COMPACT: Herr de Benoist, 1985 erschien in Deutschland Ihre Aufsatzsammlung «Kulturrevolution von rechts», die als Schlüsseltext der Neuen Rechten gilt.

Benoist: Das war vor mehr als 30 Jahren – und inzwischen habe ich mehr als 70 andere veröffentlicht. Ich weiß nicht, ob man es wirklich als Schlüsseltext bezeichnen kann. Es war eigentlich eher so etwas wie ein Zwischenbericht, eine Art Bilanz der Denkarbeit, die im Rahmen der Nouvelle Droite [der französischen Neuen Rechten]seit ihrer Gründung im Jahr 1968 geleistet worden war – das ist nun also von seinen Anfängen gesehen ein halbes Jahrhundert her. Der Begriff Nouvelle Droite war übrigens ein Medienetikett, das ich nie besonders geschätzt habe. Man sollte auch nicht vergessen, dass dieses Buch aus Texten besteht, die zuvor in Frankreich in weit verstreuten Quellen veröffentlicht und dann für ein deutsches Publikum zusammengestellt wurden.

COMPACT: Hat das Buch den Einfluss ausgeübt, den Sie sich gewünscht haben?

Benoist: Möglicherweise, aber dieser Einfluss kann nur schwer gemessen werden. Sagen wir es so: Die Edition hat dem deutschen Leser den direkten Zugang zu einer Denkschule ermöglicht, die er zuvor nur aus den Aufsätzen Armin Mohlers, Caspar von Schrenck-Notzings sowie einiger anderer Autoren kannte. An direkten Übersetzungen ins Deutsche von mir gab es bis dahin nur die Anthologie Aus rechter Sicht, deren zweiter Band ein Jahr zuvor im Tübinger Grabert Verlag erschienen war.

Benoist: «Kulturrevolution von rechts», vom Jungeuropa Verlag nun als Neuausgabe veröffentlicht, wurde von einem sehr spezifischen Standpunkt aus geschrieben: europäisch, nicht nationalistisch; heidnisch, nicht katholisch; antiliberal, nicht antikommunistisch; avantgardistisch, nicht konservativ. Haben Sie Ihre Ansichten beibehalten?

Benoist: Ihre Analyse ist nicht verkehrt, greift aber doch ein wenig zu kurz – schließlich gibt es viele Möglichkeiten, «europäisch», «antiliberal», «heidnisch» oder auch «konservativ» zu sein. Ich misstraue solchen Zuordnungen, da man nicht weiß, was mit ihnen genau transportiert wird. Jeder Begriff müsste ganz klar definiert werden, aber das ist nicht immer möglich. Vor allem kann man nicht ein Werk in wenigen Worten zusammenfassen, das immer darum bemüht war, über die gewohnten Begrifflichkeiten und ihre Dualität hinauszuwachsen. Ich musste mir sehr genau über meine Entwicklung bewusst werden, als ich vor einigen Jahren meine Autobiografie verfasste, die unter dem Titel Mein Leben – Wege eines Denkens vor vier Jahren in deutscher Übersetzung erschien. In vielen Punkten hat sich mein Denken natürlich verändert und unterliegt verschiedenen Einflüssen, zumal ich auch neue Autoren entdeckte, die ich vor 30 Jahren noch nicht kannte. Das erscheint mir sowohl normal als auch notwendig zu sein, denn das Schreiben wäre eine Strafe, wenn man immer die gleichen Sachen wiederholen würde.

COMPACT: Sie beziehen sich in dem Buch auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci und seine Theorie der kulturellen Hegemonie. Ist das tatsächlich der Schlüssel zur politischen Macht?

Benoist: Gramsci hatte richtig erkannt, dass die Eroberung der kulturellen Hegemonie in der Tat ein gutes Mittel ist, um die Macht zu erlangen. Aber die «organischen Intellektuellen», die Gramsci propagierte, haben nur selten die nötigen Eigenschaften für die politische Aktion. Die Französische Revolution wäre ganz sicher nicht möglich gewesen ohne den stillen Einfluss, den die Philosophen der Aufklärung nahmen, die dann allerdings auch zu den Opfern des Umbruchs gehörten. Einem Lenin muss immer ein Marx vorausgegangen sein, aber die beiden sind nicht austauschbar. Ich selbst bin ein Intellektueller und überhaupt kein Politiker. Ich verstehe den Intellektuellen als eine Person, die versucht, den Sinn des historischen Moments, in dem wir leben, zu verstehen und ihn verständlich zu machen – und der außerdem die theoretischen Instrumente und Begriffe liefert, die einem die Analyse dessen, was kommt, ermöglichen. Ich verwende den Ausdruck «kulturelle Hegemonie» nicht als Synonym für ein vereinheitlichtes Denken, sondern – ähnlich wie Gramsci oder Ernesto Laclau – als die Gesamtheit der bestimmenden Werte des «Zeitgeistes». Ich bewege mich hier in einem durch und durch pluralistischen Rahmen. Von dieser Warte aus erscheint es mir offensichtlich, dass die geistige Vorherrschaft derzeit auf dem Individualismus, der Religion der Menschenrechte, dem Axiom vom Vorrang des Eigeninteresses, der Regression aller Werte für den Profit der Marktgesellschaft als letztem Wert und der ständigen Ausweitung des kapitalistischen «Gestells» [nach Martin Heidegger der Unterbau des menschlichen Daseins]  fußt.

compact0218stasiDas ganze Interview finden Sie
im COMPACT-Magazin 02/2018

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