Politiker und Militärs fürchten sich vor Pokemon Go

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Pokemon Go: Millionen Jugendliche auf der ganzen Welt haben mit der Jagd auf Monster begonnen, die nur in ihren Smartphones existieren. Die Wirklichkeit wird ausgeblendet, der soziale Zusammenhalt bröckelt – und die ersten Toten hat es auch schon gegeben. Es folgen Auszüge aus einem Artikel, den Sie vollständig in COMPACT 9/2016 lesen können – hier bestellen

_von Alexander Markovics

August 2016: Eine Gruppe von etwa 200 Menschen rennt wie von der Tarantel gestochen durch die Wiener Innenstadt. «Aquana, eine Minute!», gibt ein junger Mann an der Spitze der Meute durch ein Megaphon das Ziel vor. Was wie eine Schnitzeljagd wirkt, ist der neueste Hit der Pokemon-Reihe, Pokemon Go. 1996 begann der Hype um die Taschenmonster aus Japan auf dem Gameboy. 2016 erreicht er mit weltweit über 75 Millionen Downloads in nur 19 Tagen ein neues Hoch. Ziel des Spiels ist es, 151 Pokemon aus der bekannten Videoserie mit einem sogenannten Pokeball zu fangen – über Wischbewegungen auf dem Smartphone.

Um aber die kleinen Biester überhaupt zu finden, muss man sie mit der Kamera seines Mobilgerätes lokalisieren. Das macht verständlich, warum seit Kurzem immer mehr Zeitgenossen gebannt auf ihr Handy starren und etwas zu suchen scheinen… Der Clou dabei ist, dass die kleinen Biester nicht überall gleichmäßig verteilt sind, sondern durch ein vom Augmented-Reality-Entwickler Niantic entwickeltes System mittels GPS und Google Maps vom Nordpol bis zum Südpol immer wieder neu verteilt werden und dabei nur für kurze Zeit auffindbar sind. Der ganze Erdball wird quasi zum Jagdgebiet erklärt, bestimmte Monster kann man auch nur in gewissen Gegenden der Welt finden. Durch die Platzierung von sogenannten Lockmodulen an öffentlichen Plätzen kann man schließlich für ein erhöhtes Auftauchen von Pokemon in einem kurzen Zeitraum sorgen. Die Monsterjagd wird somit zum Erlebnis, welches zu langen Spaziergängen, Wanderungen und schließlich sogar Reisen ermutigt. Darüber hinaus findet man in der eigenen Umgebung auch sogenannte Pokestops, zumeist Wahrzeichen oder öffentliche Institutionen, an denen man gratis wichtige Hilfsmittel für das Spiel erhält, wie etwa die zum Monsterfang nötigen Pokebälle.

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Findige Geschäftsleute und sogar Banken auf der ganzen Welt werben damit, dass sie Lockmodule für Pokemon in ihren Räumlichkeiten installiert hätten, um so neue Kunden anzuziehen. In den USA sind schon erste Fälle bekanntgeworden, wo Kriminelle auf dieselbe Weise Spieler an entlegene Plätze gelotst und ausgeraubt haben. In Guatemala wurde jemand sogar mithilfe eines Pokestops in einen Hinterhalt gelockt und erschossen. Darüber hinaus hat die Tatsache, dass man mit seiner Handykamera quasi die ganze Zeit das eigene Umfeld ausspioniert (die Daten werden dabei an den Entwickler Niantic übermittelt), das Interesse der Geheimdienste geweckt.

Als Gegenmaßnahme wurde in Israel und Indonesien Pokemon Go auf Militärbasen sowie im diplomatischen Dienst verboten. Im Iran wurde es gänzlich aus der Öffentlichkeit verbannt. Auch die Bundeswehr ist alarmiert, wie die Süddeutsche Zeitung in Bezug auf eine Dienstanweisung berichtete. Befürchtet wird, dass feindliche Agenten, als Monsterjäger getarnt, Aufnahmen von militärischen Sperrbezirken machen könnten. Und wenn eigene Soldaten Pokemon Go spielen, seien sie nicht nur lokalisierbar, sondern könnten auch durch Schnappschüsse Geheimnisse aus dem Innern der Armee preisgeben. Mit den virtuellen Pokemon tauchen immer mehr ganz reale Smombies (eine Wortschöpfung aus Smartphone und Zombies) auf: Spieler, welche von der Monsterjagd so gebannt sind, dass sie ihre Umgebung komplett aus den Augen verlieren.

So wurde in den Medien von Unfällen berichtet, weil Nutzer der App bei der virtuellen Hatz den Straßenverkehr nicht mehr im Auge behielten. Auf Autobahnen kam es zu Staus, nachdem sich plötzlich eine Meute von Jägern auf offener Fahrbahn versammelt hatte. In Kalifornien stürzten zwei Smombies von einer Klippe – und damit in den Tod.

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Darüber hinaus verlieren die Nutzer durch das ständige Kleben am Bildschirm den Blick und vor allem das Gespür für das echte Leben. Es mag zwar beeindruckend sein, dass viele Hamburger durch Pokemon Go zum ersten Mal den Weg zum Bismarck-Denkmal finden. Aber was bringt der Ausflug, wenn man nur dorthin geht, um ein Pikachu zu fangen – und hinterher über den Reichskanzler so wenig weiß wie zuvor? Das Holocaust Memorial Museum in Washington D.C. jedenfalls hat sich schon über den neuen Auflauf uninteressierter Klientel beschwert… Letztlich wird durch immer raffiniertere elektronische Spiele eine immer größere Anzahl an Menschen aus der Realität herausgezogen – sie ersetzen das Begreifen wirklicher Genüsse und Gefahren durch deren fade Surrogate. Aber der Sex-Clip auf dem Handy kann niemals die Berührung eines Mädchens ersetzen – und die schrecklichsten Monster auf dem Display lenken nur ab von den Selbstmordbombern und Machetenmännern, die uns bedrohen. Wie soll die «Generation Pokemon Go» der «Generation Dschihad » standhalten?

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