Politik-Roboter – Ein Android kandidierte in Japan für die Bürgermeisterwahl

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Wir schreiben das Jahr 2018: Ein Android kandidiert in Japan für die Bürgermeisterwahl. In der zweitgrößten Bank Chinas übernehmen Künstliche Intelligenzen die Kundenbetreuung. Die EU-Kommission akzeptiert Roboter als elektronische Personen. Still und leise bereitet der Mensch seine Ablösung vor. Ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018.

_ von Jonas Glaser

Die Künstliche Intelligenz kommt. Unsere Zukunft heißt Android und Cyborg, Festplatte plus Bio-Chips, Drahtgewirr im Menschenfleisch. Während die Forschung in Silicon Valley auf Hochtouren läuft, Intellektuelle wie Yuval Harari in Homo Deus (2017) vor der Herrschaft der Androiden warnen, testet Japan bereits die Anwendung von Künstlicher Intelligenz in einem sehr sensiblen Bereich: der Politik.

Möchten Sie Androiden an der Macht haben? Mit dieser Frage waren im April die Bürger der Stadt Tama (Präfektur Tokio) konfrontiert. Die Bürgermeisterwahl stand vor der Tür, und Kandidat Michihito Matsuda versprach im Falle seines Sieges, alle politischen Entscheidungen an eine Künstliche Intelligenz (KI), an eine Androidin abzutreten.

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Lediglich zuarbeiten wolle er seiner Mrs. Mastermind. Den vertrauten Umgang mit ihr erwarb der 44-Jährige in einem IT-Unternehmen. Für Matsuda lagen die Vorteile der KI auf der Hand: Seine Roboterfrau sei nicht korrumpierbar; so gäbe es bei der Budgetberechnung keinerlei Eigeninteressen.

Betrug und Schmiergeld? Adé! Lobbyismus? Vorbei! Außerdem berechne seine Digital-Lady so exakt, dass Risiken durch Fehlkalkulationen vom Tisch seien. Endlich fänden auch die Eingaben der Bürger zügige Bearbeitung. Und bei aller Präzision benötige sie weniger Zeit als fehlbare Human-Profis.

Bank-Deal mit Manga-Girls

Damit nicht genug, verkaufte Matsuda seine Androidin auch noch als Antwort auf demografische Probleme: Tama sei «vor 40 Jahren die am weitesten entwickelte Stadt Japans» gewesen. Aber die «alternde Bevölkerung wird weiter zunehmen, was eine Veränderung der Verwaltung notwendig macht».

Deshalb sollten Künstliche Intelligenzen möglichst viele Daten der Einwohner sammeln und auswerten, um eine klar definierte Politik zu erstellen. Matsudas Wahlslogans versprachen eine politische Revolution: «Künstliche Intelligenz wird Tama neugestalten», schaffe eine «Politik für die Zukunft». Die künftige Bürgermeisterin werde sich gegenüber allen Belangen der Einwohner «fair und abwägend» verhalten.

Wahlplakat für den Androiden in der Stadt Kama. Foto: ai-mayor.com

Folgerichtig zeigen die Wahlplakate auch kein Foto von Matsuda, sondern ein Symbolbild seiner – nackten – Androidin. Ganz ohne Sex kommt selbst eine Effizienzbombe nicht aus… Bei der Wahl holten der IT-Experte und seine KI-Domina zwar 4.000 Stimmen, erreichten damit aber nur Platz drei, während der bisherige Amtsinhaber, Hiroyuki Abe, bestätigt wurde.

Sicher war dies nicht der letzte Versuch, einen Androiden in politische Ämter zu heben – zumal Matsuda ihn nicht auf eigene Rechnung ins Rennen schickte: Hinter ihm standen Tetsuzo Matsumoto, Senior Advisor bei Softbank, und der Ex-Vizepräsident von Google, Norio Murakami. Bei diesem Duo ahnt man, dass Einwohnerdaten nicht nur im Laptop der androidischen Bürgermeisterin verblieben wären.

Ebenfalls im April übernahmen chinesische KI-Roboter den Kundendienst in Kreditinstituten: So wurden in Shanghai erste Bankfilialen ohne Human-Personal eröffnet. Aber die gehören nicht zu irgendeinem experimentierfreudigen Mini-Unternehmen, sondern zum zweitgrößten Geldhaus des Landes – der China Construction Bank (CCB).

In 360 Filialen sitzen derzeit 1600 sogenannte Little Girl-Roboter mit dem Lächeln eines Manga-Mädchens und einem Bildschirm auf Busenhöhe. Sie erkennen die Authentizität des Kunden anhand biometrischer Daten und verrichten bis zu 90 Prozent der klassischen Aufgaben eines Bankangestellten: Einrichtung eines Kontos, Geldtransfer, An- und Verkauf von Devisen, Goldinvestitionen und vieles mehr.

Aber auch das, so versprechen Entwickler, werde sich ändern: In Kürze sollen die KI-Girls bereits in sämtlichen Leistungen das Human-Personal übertreffen. Passend dazu hat CCB seit 2014 insgesamt 20.000 Human-Mitarbeiter entlassen, davon allein 10.000 im vergangenen Jahr… Auch darüber muss das Dauerlächeln der Little Girl-Roboter hinwegtrösten. (Ende des Auszugs)

Unser Land, unsere Kultur, unsere Zukunft. | Foto: COMPACT

Dies war ein Auszug aus COMPACT-Magazin 06/2018 «Heimat tut gut». Den vollständigen Text finden Sie im Heft. Zur Bestellung einfach hier oder auf das Bild oben klicken.

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