Ost-Ghuta wird mediales Aleppo 2.0 – letzte Chance für Regime-Change in Syrien?

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Die Propaganda gegen Syriens Regierung und den Verbündeten Moskau erreicht derzeit wieder Warp-Geschwindigkeit. In Ost-Ghuta sollen brutale Kriegsverbrechen stattfinden. Wieder beruft man sich auf längst diskredierte Quellen, wie die sogenannten Weißhelme. US-Neocons haben Regime-Change-Pläne für Syrien noch lange nicht aufgegeben.

Die gleiche verzerrte Darstellung, mit der dem westlichen Publikum im Winter 2016 die Befreiung Aleppos verabreicht worden war, findet man heuer über die Geschehnisse in Ostghuta. „Ostghuta ist ein weiteres Srebrenica, und wieder schauen wir weg“ titelt der britische Guardian am Dienstag in maximaler Interventionsstimmung.

Screenshot theguardian.com (20.02.2018)

Wie ein hochrangiger britischer Geheimdienstler einmal über die Invasion in Afghanistan sagte: „Es ist stets hilfreich für Regierungen, die die Leser des Guardian an Bord holen möchten, humanitäre Logik zu besitzen.“ Doch der Reihe nach…

Letztes Gefecht vor Syriens Hauptstadt

Ostghuta am Stadtrand von Damaskus ist die letzte verbliebene Hochburg der Islamisten in Syrien. Seit 2011 sollen dort rund 400.000 Zivilisten unter der Belagerung der Dschihadisten leben. 2017 wurde das Gebiet von der Türkei, dem Iran und Russland zur Deeskalationszone erklärt – Kämpfe sollen dennoch an mehreren Fronten weitergegangen sein. Im November 2017 begann die syrisch-russische Koalition, hier das zu tun, was sie ein Jahr zuvor in Aleppo erreicht hatte: die Befreiung der Bürger von den Islamisten.

Dass Ost-Ghuta nun „dasselbe Schicksal wie Aleppo“ drohe, wie es in den Propagandamedien heißt, dürfte für die eingekesselten Menschen, eher Hoffnungsschimmer als Todesdrohung sein. Die unabhängige britische Journalistin Vanessa Beeley, die als erster westlicher Reporter Aleppo nach den Kämpfen besucht hatte, schilderte damals COMPACT:

Für viereinhalb Jahre lebten diese Menschen in einem Informationsloch. Viele erzählten uns, sie hatten Angst, dass die Syrische-Arabische Armee [SAA] konfessionell motivierte Vergeltung an ihnen verüben werde. Diese Propaganda hatten ihnen al-Nusra und ihre unterschiedlichen Gruppierungen erzählt. Man hatte den Leuten eine Gehirnwäsche unterzogen, damit sie die Befreiung fürchteten. Als wir sie fragten, wie es ihnen jetzt ginge, sagten sie, ‚Mein Gott, es ist ja überhaupt nicht so, wie man uns sagte.‘

Westliche Medien hatten monatelang Zeter & Mordio angesichts angeblich erbarmungsloser Angriffe auf zivile Gebiete in Aleppo seitens der Regierung und russischen Kampfliegern geschrien. Beeley sah die Schäden vor Ort:

Man sah die Spuren des Häuserkampfs überall. Die Zerstörung entsprach jedoch nicht der von Luftangriffen, sondern der von Artillerie. Es gibt eindeutige Unterschiede zwischen den Schäden in Wohn- und in Industriegebieten wie Sheikh Najjar, das der IS im Jahr 2012 übernommen hatte. Dort sahen wir umfassende Zerstörung. Im Westen wurde natürlich berichtet, die syrische und russische Luftwaffe hätte sämtliche Wohngebiete flächenweise bombardiert.

Damals Aleppo, heute der Osten von Ghuta – die westliche Propaganda ist die Gleiche. In einem Beitrag von Zeit-Online vom 20. Februar heißt es, das „syrische Regime“ sei „mit russischer Unterstützung“ dabei,…

„…die belagerte Region im Osten von Damaskus auszulöschen. Bei den Angriffen sind Beobachtern zufolge in weniger als 48 Stunden fast 200 Zivilisten getötet worden, unter ihnen viele Kinder. In einigen Teilen Ostghutas ist die Zerstörung größer als in der Endphase des Kampfes um Ostaleppo 2016. (…) Zudem bombardieren die russische und syrische Luftwaffe täglich gezielt Schulen, Wohnhäuser und Krankenhäuser.“

Es folgt der Hinweis auf eine „Presseerklärung“ des UN-Kinderhilfswerks – ein weißes Blatt Papier mit den kurzen Zeilen: „Worte können getöteten Kinder, ihren Müttern, Vätern und geliebten Angehörigen nicht gerecht werden.“

unicefghutasyrien

Am heutigen Mittwoch berichtet Welt-Online über betroffene Reaktionen aus Berlin:

„Das Grauen von Aleppo droht sich nun wenige Kilometer von Damaskus entfernt zu wiederholen. Und wieder werden vor allem unschuldige Zivilisten, darunter viele Kinder, Opfer der zerstörerischen Gewalt des syrischen Regimes und seiner Unterstützer“, erklärte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes in Berlin. „Wir fordern das Regime auf, seine Angriffe sofort einzustellen und endlich humanitären Zugang zu gewähren!“

Berichte über Mortarfeuer aus Ghuta nach Damaskus werden in unseren Medien herzlich ausgeblendet. Am Mittwoch soll es dabei fünf Tote gegeben haben, berichtet SputnikNews. „Der Beschuss ist einer von vielen kürzlich aufgetretenen Fällen, in denen Terroristen Anschläge auf Damaskus verübt haben“, heißt es.

Weißhelme bei Tag, Al-Kaida bei Nacht

Wie beim Kampf um Aleppo beziehen sich unsere Medien wieder bevorzugt auf Angaben der längst diskreditierten Weißhelme, Al-Kaida-Anhängern, die tagsüber Propagandavideos zur Verbreitung im Westen drehen.

Der Vizepräsident der vom Westen mit Millionen gesponserten Organisation, Abdulrahman Al Mawas, sagte laut Reuters am 13. Februar, Frankreich und weitere NATO-Mitglieder müssten endlich in Syrien eingreifen. In Paris habe er sich mit hochrangigen französischen Offiziellen getroffen, darunter der Chefdiplomat von Frankreichs Staatschef, Alexis Kohler. Am darauffolgenden Tag drohte Emmanuel Macron Syrien mit sofortigem Krieg, falls Assad Chemiewaffen einsetze. Für derlei False-Flag-Angriffe sind die Weißhelme ebenfalls bestens zu gebrauchen, wie mindestens ein Gasangriff auf die Provinz Idlib im April letzten Jahres gezeigt hat.

IS-Anhänger vor einem Zentrum der Weißhelme südlich von Jarmuk.

Weißhelm-Theater fürs westliche Publikum

Auch ein wenig Hühnerblut kann viel bewegen. IS-Propaganda aus dem irakischen Falludscha im April 2016. Quelle: awdnews.com

Weißhelme und Dschihadisten Seite an Seite im März 2015 in Idlib:

katzenweißhelme

Selbst mit einer Miezekatzen-Kampagne wurde schon versucht, die Islamisten zu verharmlosen…

Washington: „Assad muss weg!“

Bevor die amerikanische UNO-Botschafterin Nikki Haley am 15. Februar Russland beschuldigte, Bemühungen um Frieden in Syrien zu blockieren, hatte US-Außenminister Rex Tillerson am 17. Januar die Katze gänzlich aus dem Sack gelassen. Vor dem Stanford Hoover Institute sagte er,…

„…es ist von großer Bedeutung für unsere nationale Verteidigung, eine militärische und diplomatische Präsenz in Syrien aufrechtzuerhalten, dabei zu helfen, ein Ende des Konflikts herbeizuführen und den Menschen in Syrien dabei beizustehen, einen Kurs in eine neue politische Zukunft einzuschlagen. (…)

Der Kampf gegen den IS ist nicht vorbei. (…) Gleichermaßen müssen wir in Syrien bestehen bleiben, um Al-Kaida auszubremsen. (…) Zudem würde ein kompletter Abzug amerikanischer Truppen zu diesem Zeitpunkt Assad und sein brutales Vorgehen gegen das eigene Volk wiederherstellen. Wer sein eigenes Volk ermordet, kann kein Vertrauen in langfristige Stabilität erzeugen.“

Laut Russlands Außenminister Sergej Lawrow pampern die USA hingegen Terroristen in ihrem selbsternannten Protektorat an Syriens Südgrenze, 55 Kilometer unter dem 2017 heiß umkämpften Brennpunkt al-Tanf. Das dort eingerichtete Flüchtlingslager Rukban ist laut Moskau Herberge für Terroristen.

Lawrow auf der Nahost-Konferenz des Waldai-Clubs am Montag:

„Immer wieder wird berichtet, dass Dschihadisten innerhalb der al-Tanf Kontrollzone, welche die USA unilateral als unter ihrem Schutz stehend erklärt haben sowie im Flüchtlingslager, ihre Kräfte wiedererlangen. Mehrmals wurden von dort aus Angriffe auf Territorien der Syrischen Armee gestartet. Diese Zone muss sofort stillgelegt werden.“

Daraus wird wohl nichts. Die Kontrolle über Al-Tanf ist entscheidend – hier verläuft die einzige Verbindungsroute von Damaskus nach Bagdad und von dort in Richtung Iran.

Lawrow weiter:

„Unsere Kollegen der UNO sind aus welchen Gründen auch immer zögerlich, zuzugeben, dass humanitäre Konvois dieses US-kontrollierte Areal nicht erreichen können, weil die USA ihre Sicherheit nicht garantieren kann. Stattdessen konzentrieren sie sich auf die humanitäre Situation in Idlib oder Ost-Ghuta.“


Patriot Putin COMPACT-Magazin 03/2018 Patrion Putin – Partner für EuropaDas Thema finden Sie
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Die Kriegspropaganda wieder voll auf Anschlag gedreht, dürfte es nur eine Frage der Zeit bis zur nächsten False-Flag-Giftgasattacke sein, die man Assad in die Schuhe schiebt. Wenn es wieder „beautiful babies“ zu betrauern gibt, marschiert die Nato dann nach Damaskus?

Weiterlesen: Erdogans Krieg – Der türkische Vorstoß nach Afrin

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Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

 

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