Erdogan wünscht sich die Türkei als Austragungsland für die Fußballeuropameisterschaft 2024. Sein Problem war bisher: Ein konkurriender Bewerber, Dutschland, galt bereits als Favorit. Das aber hat sich mit dem Austritt von Özil schlagartig geändert.

    _ von Sven Reuth

    Istanbul putzt sich heraus. Am 29. Oktober dieses Jahres soll hier der größte Flughafen der Welt in Betrieb gehen, auf dem bis zu 200 Millionen Passagiere jährlich abgefertigt werden sollen. Derzeit werden trotz Wirtschaftskrise und Lira-Absturz weitere Mega-Projekte aus dem Boden gestampft, wie sie bislang wohl nur in Dubai oder Abu Dhabi verwirklicht wurden.

    So soll der erste dreistöckige Unterwassertunnel der Welt das europäische mit dem asiatischen Ufer des Bosporus verbinden, noch ambitionierter ist der Plan, das Schwarze Meer und das Marmarameer mit einem Kanal zu verbinden. Jetzt benötigt der türkische Diktator nur noch eine angemessene Krönungsfeier, um der Welt seine „neue Türkei“ präsentieren zu können, die er im Zuge der Errichtung seiner Alleinherrschaft geschaffen hat.

    Dieses Ereignis soll die Fußball-Europameisterschaft des Jahres 2024 werden. Für Erdoğan, der in jungen Jahren kurz davor stand, selbst einmal Fußballprofi zu werden, wäre es sicherlich ein Traum, in hochmodernen Stadien auf der Ehrentribüne zu präsidieren und dann im Juli 2024 in Istanbul dem neuen Europameister den traditionsreichen „Coupe Henri-Delaunay“ zu überreichen.

    Es gibt nur einen Haken, nämlich den starken Mitbewerber Deutschland, der im Jahr 2006 mit seinem WM-Sommermärchen in fast schon exemplarischer Art und Weise bewiesen hat, wie man ein Sport-Großereignis organisiert. Deshalb galt Deutschland bis zuletzt als Favorit im Rennen um die Bewerbung für das Jahr 2024.

    Das hat sich nun geändert – die Austrittserklärung Mesut Özils aus der DFB-Elf ist nämlich geradezu Gold wert für die EM-Bewerbung der Türkei. Auch im Bereich des Sports gilt mittlerweile nämlich: Wer als erster „Rassismus“ ruft, hat gewonnen. Insbesondere der europäische Fußballverband UEFA hat sich mittlerweile ganz auf dieses Thema eingeschossen und vermarktet sich selbst unter dem zentralen Motto „No to racism“.

    Vor diesem Hintergrund sind die Vorwürfe, die Özil in seinem Austrittsschreiben erhoben hat, das schwerste Geschütz, das überhaupt nur gegen den DFB erhoben werden konnte. Wenn es den Türken tatsächlich gelingen sollte, den kreuzbraven niedersächsischen früheren CDU-Bundestagsabgeordneten und heutigen DFB-Präsidenten Reinhard Grindel als „Rassisten“ dastehen zu lassen, dann steht der großen Erdo-Sause im Sommer 2024 praktisch nichts mehr im Wege.

    Der Coup von Özil erscheint jedenfalls immer mehr als kühl kalkulierter Dolchstoß, der so berechnend angesetzt wurde, dass dahinter eigentlich nur sein Berater Erkut Sögüt vermutet werden kann. Dem in Hannover geborenen Spielerberater und Juristen, der mittlerweile wie sein Schützling Özil in London lebt und arbeitet, wird nachgesagt, im Unfrieden aus dem Land geschieden zu sein, in dem er geboren wurde.

    Er soll auch im Mai dieses Jahres das Foto der beiden damaligen Nationalspieler Mesut Özil und Ilkay Gündogan mit dem türkischen Staatspräsidenten arrangiert haben, das in der Folge so viel Unfrieden stiftete. Die kalte Verachtung, die aus der dreiseitigen und in englischer Sprache verfassten Özil-Erklärung spricht, dürfte dem gebürtigen Gelsenkirchener Mittelfeldspieler jedenfalls direkt von seinen Beratern in die Feder diktiert worden sein.

    Pikant ist allerdings, dass Harun Arslan, einer der engsten Geschäftspartner Sögüts, gleichzeitig auch der langjährige Berater von Bundestrainer Joachim Löw ist, der dann auch in der Erklärung Özils entsprechend gut wegkam. Solche Interessenkonflikte wird man DFB-intern zukünftig wohl stärker beachten müssen.

    Das Özil-Beben ist jedenfalls nicht zu verstehen ohne die Tagung des UEFA-Exekutivkomitees, die am 27. September dieses Jahres in Nyon in der Schweiz stattfinden wird. Hier fällt die Entscheidung über den EM-Ausrichter des Jahres 2024.

    Wer sich – wie Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Justizministerin Katarina Barley – nun voll hinter Mesut Özil und dessen diffuse Rassismusvorwürfe stellt, wird sich in Zukunft wohl selbst den Vorwurf gefallen lassen müssen, das Spiel des neuen Sultans vom Bosporus zu betreiben.

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