Niederlande: Das ist der neue Wilders

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Seit Donnerstag wird in Europa nach und nach gewählt. Großbritannien und die Niederlande stimmten gestern schon ab, aus den Niederlanden gibt es bereits erste TV-Hochrechnungen. Unerwartet liegen die Sozialdemokraten (14 Prozent) ganz vorne, gefolgt vom liberalen PVV (12,3 Prozent) von Ministerpräsident Mark Rutte. Der dritte Platz gebührt mit Thierry Baudet einem Politikneuling: Vor zwei Monaten war das erst 2016 gegründete „Forum für Demokratie“ (FvD, 11 Prozent) aus dem Stand stärkste Kraft im Parlament geworden. Die junge Partei kämpft für einen Volksentscheid über EU-Mitgliedschaft des Landes, nach dem britischen Vorbild „Nexit“ genannt. Lesen Sie in der Juni-Ausgabe unserer Zeitschrift alles über die patriotischen Hoffnungsträger in Deutschland und ganz Europa.

Damit zeigt sich eine Machtverschiebung im rechten Lager: Thierry Baudet hat Geert Wilders und seiner Ein-Mann Partei PVV den Rang abgelaufen – der gilt schon jetzt als größter Verlierer der Wahl. Das könnte auch an der schillernden Persönlichkeit des 36-Jährigen liegen: Während der 20 Jahre ältere Wilders eher den klassischen Typus des Populisten verkörpert, spricht der Jurist Baudet jüngere und gebildetere Schichten an. Wie sein Konkurrent punktet er mit Einwanderungs- wie EU-Kritik und selbstbewusstem Auftreten, ist jedoch in seiner Rhetorik nicht so sehr auf den Islam fixiert. In der Vergangenheit suchte er eher die Nähe des Front-National-Gründers Jean Marie Le Pen, der amerikanischen Alt-Right-Bewegung und des russischen Philosohen Alexander Dugin, warnte vor einer kulturellen Ausdünnung der Niederländer durch den schleichenden Bevölkerungsaustausch. Und im Gegensatz zu dem skeptischen Einzelgänger Wilders wirkt sein Auftreten nahbar, in den Kommunen wie in den sozialen Netzwerken. Das kommt offenbar so gut an, dass Wähler nicht nur von der Wilders-Partei, sondern auch von den Konservativen und Liberalen zum FvP überlaufen.

Wer also ist der neue Star der niederländischen Populisten? In COMPACT 01/2018 druckten wir mit freundlicher Genehmigung des Autors und des Verlags einen Auszug aus Baudets damals gerade erschienenen Buch „Oikophobie“, den wir an dieser Stelle nochmals veröffentlichen. Darin philosophiert der Autor über den Schuldkomplex und die kulturelle Identität der Europäer und zeigt, dass er ein Politiker mit intellektuellem Format und weltanschaulichen Überzeugungen ist, der mehr als nur Plattitüden auf dem Kasten hat. Der Text wurde durch unsere Redaktion gekürzt und mit Zwischenüberschriften versehen.

„Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens verhaftet.“ – Mit diesem sonderbaren Satz beginnt eines der berühmtesten Werke der Weltliteratur, nämlich der 1925 erschienene Roman Der Prozess von Franz Kafka. In diesem Buch wird ein junger Mann mit einer Anklage konfrontiert – es bleibt undeutlich, wofür er angeklagt wird und welche Strafe er möglicherweise zu erwarten hätte. Aber irgendetwas in Josef K. fühlt sich durch die Anschuldigung getroffen. Seine Versuche, sich zu widersetzen, scheitern an seiner eigenen Zwiespältigkeit – er kann an nichts Anderes mehr denken als an seine Verurteilung. Er fühlt sich schuldig.

Kafkas Werk hat Generationen von Lesern auf der ganzen Welt bewegt. Das Gefühl, „schuldig zu sein“, ist universell. Als Erwachsener entwickelt der Mensch im Lauf seines Lebens das Bewusstsein, irgendwo zu versagen – und dass ihm eine angeborene Sünde anhaftet. Das Christentum liefert für dieses vage Schuldgefühl des Menschen eine Erklärung: Die Schuld entsteht aus dem Sündenfall. Im Paradies konnte der Mensch seinen Hunger nach Wissen, nach Macht, nach sexueller Befriedigung nicht beherrschen. Daher wurde er aus ihm verstoßen – so wie wir alle aus dem Paradies der Kindheit verstoßen werden, sobald die Pubertät einsetzt.

Aber neben einer Erklärung bietet das Christentum auch die Wandlung des Schuldgefühls durch den Opfertod Jesu. Selbst frei von Sünde (und ohne sexuelles Verlangen), stirbt Jesus in der Überlieferung am Kreuz für unsere Sünden. So macht die christliche Tradition ihren Frieden mit dem menschlichen Schuldgefühl: Es wird aufgehoben, es ist nicht mehr nötig. Im Tausch dafür hält die Idee Einzug, Jesus verpflichtet zu sein – und in seinem Gefolge der (christlichen) Gemeinschaft, seinen Nächsten und der Welt insgesamt.

Wagners Gralstempel

Aber was ist zu tun, wenn diese Geschichte ihre Glaubwürdigkeit verliert? Wenn wir die Idee vom Sündenfall nicht mehr für eine brauchbare Metapher halten, um die menschliche Konstitution zu überdenken, und wenn wir die Symbolik des Opfertods Jesu nicht mehr begreifen? Wenn die Glaubensdogmen zu unwahrscheinlich für den modernen Mensch werden und damit die gesamte Religion verworfen wird?

Das ist die Frage, die Richard Wagner beim Schreiben seiner Oper Parsifal inspirierte, die an einem Karfreitag spielt. Die Oper ist ein großartiger Versuch, ein säkulares Evangelium zu begründen, zu der nicht in der Kirche, sondern im Opernhaus ein Bekenntnis abgelegt wird. Eine ritterliche Priestergemeinschaft ist im Bann der begangenen Sünden. Das Land ist grau geworden, die Rittergemeinschaft betrübt. Immer wieder werden die Rituale der Prozession wiederholt, aber ohne Ergebnis. Dann kommt der Erlöser, Parsifal, der sein eigenes Verlangen opfert und sich in den Dienst eines größeren Ganzen stellt. Der Funke schlägt wieder über. Das Land wird fruchtbar – die Natur „frei von Sünden“. Der „Karfreitagszauber“ im Schlussakt der Oper gehört zur schönsten Musik, die je geschrieben wurde. Aber ohne Zweifel rührt sie auch deshalb so an, weil sie an das Urgefühl der Sünde, der Schuld, die vergeben wird, rührt. Nach fünf Stunden musikalischer Bußübung läuft man wie wiedergeboren aus dem Operngebäude heraus – jedenfalls war das die Idee.

Wagners Versuch, zu einer neuen Opern-Religion zu kommen, scheiterte. Opernhäuser sind keine Volkskirchen geworden; der Kreis der Wagnerianer ist sehr klein (und die meisten Aufführungen werden durch modernistische Opernintendanten gründlich verdorben). Dennoch empfand Wagner ein ernsthaftes Kulturproblem nach. Unser Schuldgefühl muss aufgegeben werden – und dafür brauchen wir ein kollektives Ritual.

„Tyrannei der Reue“

Vielleicht ist es so gesehen doch eine gute Idee, das Christentum auf eine säkularisierte Art neu zu würdigen. Viele Juden machen dies auch: Sie glauben oft kein Wort aus der Thora mehr, erleben aber nichtsdestoweniger, dass in der religiösen Tradition viel Weisheit steckt; sie sind stolz, sich als „jüdisch“ zu sehen, und begreifen, dass die Rituale und Gebräuche – wie der wöchentliche Feiertag im kleinen Kreis und das Weitererzählen der Geschichten – unser modernes Dasein auf eine sonderbare Weise komplettieren.

Die heutigen Diskussionen über Entwicklungshilfe, Immigration und Multikulturalismus zeigen ein großes, aber vages Schuldgefühl, das sich unserer Kultur bemächtigt hat. Eines Auswegs beraubt, wuchert es weiter. Wir sind alle Josef K. geworden; der französische Philosoph Pascal Bruckner nennt dies in seinem Buch Der Schuldkomplex: Vom Nutzen und Nachteil der Geschichte für Europa: „Die Tyrannei der Reue“. Daher ist es wichtig, über die Bedeutung von Karfreitag nachzudenken. Es ist ein Tag des Leidens, aber auch von neuer Fruchtbarkeit und neuem Selbstvertrauen. Josef K. ging an seinem Schuldgefühl zugrunde. Das muss nicht das Schicksal der westlichen Kultur werden.

 

 

 

 

 

 

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  • „Sex, Lügen und ein Video„: Jürgen Elsässer über Strache auf Ibiza, die Dummheit eines Politikers in Zeiten totaler Geheimdienstüberwachung und das Scheitern einer rechten Machtstrategie, die sich wenig von jener der Altparteien unterscheidet. Der Artikel kann JETZT schon auf Digital+ gelesen werden.

 

 

 

 

 

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10 Kommentare

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    Archangela Gabriele am

    》Josef K. ging an seinem Schuldgefühl zugrunde. Das muss nicht das Schicksal der westlichen Kultur werden.

    Schuldgefühl, wenn es nicht akut auftritt, sondern chronisch ist, ist genauso lähmend, wie chronische Angst. Durch den Glauben an einen "Erlöser" kann es beruhigt werden, aber niemals verschwinden, da es nur durch eine noch ungreifbarere Verpflichtung gegenüber dem Erlöser substutuiert wird.

    Von diesem Konstrukt lebt die katholische Kirche seit 2000 Jahren, mästet sich und häuft riesige Reichtümer an. Andere christliche Gruppierungen sind zwar nicht so reich, halten aber diese Abhängigkeit – und damit Lenkbarkeit – ihrer " Schäfchen" hoch und leben gut davon.

    Wenn wir in Europa nicht lernen, die irreale, unbestimmte, aber alle Fasern unserer Kultur durchdringende, Schuld loszulassen, wird der Islam, der zwar auch in gläubiger Knechtschaft hält, aber gegenüber "Ungläubigen" einen (Schuld-)Freibrief ausstellt, ja sogar Sühne prophezeit, siegen.

    Vergesst "mea culpa". Gott, nicht die blutrünstige, eifersüchtige Rachgestalt des Alten Testaments, sondern der alles umfassende, liebende, wird sich von Schlappschwänzen abwenden, die sich vor ihm in den Staub werfen und in ihrer "Schuld" suhlen. Ebenso wie vor denen, die zwar fünfmal am Tag Richtung Mekka knien, aber ein Herz voller Mordlust und Verachtung haben.

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    Ah ja,morgen sind ja Wahlen zum EU-Versorgerparlament und kommunal.Das "Kurzprogramm"der AfD beginnt mit: "Ja zum Asylrecht",nach einem – kommt dann noch ein Feigenblatt hinterher: "Nein zum Mißbrauch". Wie bitte? Das soll die Alterntive zu den Täterparteien sein? Das Asyl- R e c h t ,als individuelles,einklagbares Recht muß weg! Asyl darf es allenfalls als Gunst geben,ohne Anrecht,und auch nur für wirklich Verfolgte,die sich in ihren Heimatländern nachweisbar für Ziele eingesetzt haben,die aus deutscher Sicht billigenswert sind. Also z.B nicht für Schwuchteln, die sich für politisch verfolgt halten,weil in ihren Heimatländern das öffentliche Knutschen verboten ist. Ich wähle morgen nicht diese blau angestrichene CDU der `60er Jahre.

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      Sonnenfahrer Mike am

      SOKATES ich gebe Dir vollkommen Recht, das individuelle, einklagbare Recht
      auf Asyl muss sofort weg und Asyl darf allenfalls noch als Gunst in ganz
      beschränkten und sehr gut begründeten Einzelfällen erwiesen werden.
      Aber ich gehe noch einen Schritt weiter, denn ich bestehe darauf, daß
      Asyl und Aufenthalt künftig in Deutschland und ganz Europa nur noch
      waschechten Ur-Europäern und Menschen, die zu 100 % von waschechten
      Ur-Europäern abstammen, auch wenn sie außerhalb Europas geboren
      und aufgewachsen sind und keine europäische Staatsbürgschaft besitzen
      erteilt werden darf. Und ja, auch werde morgen, am Sonntag nicht
      die AfD, sondern eine andere patriotische Partei wählen, der ich in
      all diesen Fragen mehr vertraue, als der AfD mit diesem derzeitigen
      Bundesvorstand und seiner Ausschließer- und Abgrenzerrits sowie
      der absoluter Hörigkeit gegenüber einer bestimmten ganz
      auserwählten , nichteuropäischen Truppe.

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    Sonnenfahrer Mike am

    Sehr, sehr angenehm und hoch interessant dieser Thierry Baudet.
    Ich hoffe, daß er mit seinem Forum für Demokratie Geert Wilders und seine PVV hoffentlich
    bald komplett in den Niederlanden ersetzt und eine neue, rein pro-niederländische, rein
    pro-europäische Politik verfolgt, denn Wilders war mir wegen seiner Herkunft immer
    schon sehr suspekt und zu islamfeindlich (Nichts gegen die komplette Ausschaffung
    aller Nichteuropäer und damit auch aller Moslems, aber ansonsten bin ich für eine
    friedliche Koexistenz mit den muslimisch geprägten Völkern und Staaten dieser Welt
    und für absolute Neutralität in Sachen Juden gegen Moslems) Schauen wir mal,
    wie Thierry Baudet sich entwickelt und was er künftig konkret sagen und tun wird.
    Ich jedenfalls bin sehr, sehr gespannt auf ihn, zumal er schon sehr, sehr gute
    Gesprächspartner hatte und hoffentlich etwas weniger USA-hörig und
    Israel-devot ist. Aber schauen wir, wie schon gesagt, erst einmal.

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    Ist in seiner Rhetorik nicht so sehr auf den Islam fixiert (wie Wilders).Davon sollte sich manche Schreibfeder einige Scheiben abschneiden.Oder die PEGIDA- Nappel. Wird sich aber wahrscheinlich bald ändern. Wenn man in Israel merkt,daß Wilders weg vom Fenster ist und man ihn nicht mehr sponsorn braucht,werden Gelder frei.

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    Aus dem Paradies der Kindheit werden wir nicht erst vertrieben,wenn die Pubertät einsetzt sondern viel früher,wenn wir eingeschult werden und die verdummten Erwachsenen daraus noch ein Fest machen.

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    Baudet ist kein Niederländischer Name,möchte Ich wetten. Abgesehen davon, für einen Juristen schwafelt er erstaunliches Zeug zusammen.Genau wie sein Opernspezi Wagner. Dessen Gewaber fand Ich schwer erträglich,lieber 10xPuccini als 1x Wagner. Aber egal,es ist ein Angelegenheit der Holländer,eine Internationale der Nationalisten kann es nicht geben.

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    "Wie sein Konkurrent punktet er mit Einwanderungs- wie EU-Kritik und selbstbewusstem Auftreten, ist jedoch in seiner Rhetorik nicht so sehr auf den Islam fixiert."

    Das hört sich äußerst interessant an – offensichtlich ein kluger Mensch, der Monsieur Baudet! Mit schlichter Islam-Kritik wird man bei den jüngeren Europäern wohl nichts mehr reißen können. Herr Wilders sollte sich dem anschließen, zumal der Mainstream aus allen erdenklichen Rohren gegen die angeblichen "Rechtspopulisten" geschossen hat um deren Wählerpotenzial zu verunsichern. Hoffen wir, dass am Sonntag möglichst viele Menschen der politischen Vernunft ihre Stimme geben werden!!!

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