Exit vom Brexit? Premierministerin Theresa May hat eine Regierungskrise heraufbeschworen, an deren Ende ihr Rücktritt stehen könnte. Im Hintergrund läuft sich mit Jacob Rees-Mogg ein potenzieller Nachfolger warm, der für einen kompromisslosen EU-Austritt Großbritanniens steht – und für eine konservative Renaissance. Es folgt ein Auszug aus dem Artikel „Mit Schirm, Charme und Melone“, ungekürzt in der neuen COMPACT 8/2018 (bestellbar hier) – am guten Kiosk!

    _ von Daniell Pföhringer

    Die Mixtur aus weichem und hartem EU-Austritt, die der Regierungschefin vorschwebt, stößt in der eigenen Partei auf Widerstand. Durch die Rücktritte von Außenminister Boris Johnson und Brexit-Minister David Davis Mitte Juli ist May unter Druck geraten – und ihre ganze Partei.

    Bei YouGov liegen die Tories derzeit zwei Prozentpunkte hinter der Labour Party, andere Institute sehen die Konservativen zwar vorne, doch denkbar knapp. Käme es nach einem Sturz der Premierministerin zu Neuwahlen, wäre ein Exit vom Brexit nicht ausgeschlossen.

    An einer Rettung der Konservativen arbeiten Mays Kontrahenten, die sich einen klaren Schnitt mit der ungeliebten EU wünschen, aber das Profil der Partei auch insgesamt weiter schärfen wollen. Ihr neuer Star heißt aber weder Davis noch Johnson, sondern Jacob Rees-Mogg, der schon auf dem letzten Parteitag der Konservativen im Oktober 2017 in Manchester der Publikumsmagnet schlechthin war.

    Dass er so gut ankommt, liegt nicht nur an seiner geschliffenen Rhetorik, sondern auch an seiner beeindruckenden Erscheinung: Mit seinen 1,91 Metern überragt der schlanke Hüne mit strengem Scheitel, Nickelbrille und maßgeschneidertem Zweireiher andere Politiker nicht nur intellektuell, sondern auch körperlich.

    Für frenetische Jubelstürme sorgte Rees-Mogg auf dem Tory-Konvent mit Sätzen wie: «Wir verlassen die EU nicht, weil wir französischen Käse nicht mögen. Wir gehen, weil wir uns von ungewählten Bürokraten in Brüssel nicht sagen lassen wollen, was wir zu tun haben.» Das ist Balsam für die Parteiseele.

    Exzentrischer Hinterbänkler und reaktionärer Freak?

    Der Abgeordnete, der seit 2010 im Unterhaus den noblen Wahlkreis Nordost-Somerset im Südwesten Großbritanniens vertritt, galt lange Zeit als exzentrischer Hinterbänkler und reaktionärer Freak, der der Serie Downtown Abbey entsprungen zu sein schien. Der Economist spottete über den 49-jährigen Sohn des langjährigen Times-Herausgebers Lord William Rees-Mogg, er sei geistig den fünfziger Jahren verhaftet – aber den 1850ern.

    Foto: picture alliance / empics

    Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb über ihn: «Gar nichts übrig hat er für die fortschreitende Liberalisierung der Gesellschaftspolitik.» Er kämpfe «für strengere Asylbestimmungen und weniger Migration» und warne «selbst vor zu vielen Einwanderern in der eigenen Partei».

    Im Parlament stimmte der gläubige Katholik und Abtreibungsgegner gegen die Einführung der Homo-Ehe und für die Abschaffung staatlicher Windpark-Subventionen. Die These vom menschengemachten Klimawandel hält er für ein Märchen, den Sozialstaat möchte er als Vertreter wirtschaftsliberaler Positionen zurückstutzen. Dafür will er breite Schichten steuerlich entlasten – nicht nur die Reichen, wie ihm Labour-Kontrahenten unter Verweis auf seine Herkunft und seine persönlichen Vermögensverhältnisse gerne vorwerfen.

    Und er möchte eine saubere Trennung von der Europäischen Union. «Die wirtschaftlichen Chancen außerhalb der protektionistischen EU sind für das Vereinigte Königreich großartig und in der Tat aufregend. Wenn die britischen Bürger wieder frei ihre Entscheidungen treffen können, dann werden sie bessere Entscheidungen treffen», zitierte die Welt am Sonntag den Hoffnungsträger vieler Tories, der sich schon mal mit Nigel Farage, dem früheren Chef der Unabhängigkeitspartei UKIP, zum Kricket trifft.

    Als der zurückgetretene Brexit-Minister Davis einmal erklärte, Großbritannien werde sich in einer Übergangsphase weiter an bisherige EU-Regeln halten, entgegnete ihm Rees-Mogg, dass er das Land damit zu einem «Vasallenstaat» degradiere.

    Als dann auch noch Finanzminister Philip Hammond beim Weltwirtschaftsforum in Davos sagte, dass sich die Beziehungen zu Brüssel nach einem Austritt des Vereinigten Königreiches kaum verändern würden, zettelte der Tory-Rechtsaußen eine Revolte an. Theresa May sah sich daraufhin zu einer Klarstellung gezwungen, um Druck aus dem Kessel zu nehmen.

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    Wahlkampf im Bentley

    Rees-Mogg, «der britischste aller Briten» (FAZ), vertritt wie kaum ein anderer Tory die angelsächsische Upper Class: Er absolvierte seinen Schulabschluss am elitären Eton College, studierte dann in Oxford Geschichte, arbeitete bei einer Investmentbank in Hongkong und machte viel Geld in der City of London mit seiner Anlagefirma Somerset Capital, die Einlagen im Wert von rund zehn Milliarden Euro verwaltet.

    «Der Legende nach war Jacob zehn Jahre alt, als er seine ersten 50 Pfund an der Börse investierte. Schon mit 16, behauptete später eine Studentenzeitung in Oxford, sei er so wohlhabend gewesen, dass er eigenhändig für die Schulgebühren in Eton aufkam», kolportierte die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Rees-Mogg bestreitet diese Story.

    Für die Conservative Party engagierte er sich schon als Teenager, seine Wahlkampftouren absolviert er per Oldtimer, oft in Begleitung seiner Haushälterin. Die Welt schrieb 2017 in einem Porträt: «Zu Hause in Somerset, auf seinem im 16. Jahrhundert erbauten Familiensitz, wartet derweil Gattin Helena, die gerade sein sechstes Kind auf die Welt gebracht hat: Sixtus. Keinem seiner Kinder hat er je eine einzige Windel gewechselt, gestand Rees-Mogg jüngst ein.

    Auf dem knapp 500 Hektar großen Landsitz, seit bald 200 Jahren im Besitz der Rees-Moggs, warten auch mehrere antike Bentleys, darunter ein königsblauer 3,5-Liter-Derby-Bentley, Baujahr 1936.» Das Handelsblatt nannte ihn einen «Politiker, der altmodische Anzüge trägt, mit dem Akzent der Oberschicht spricht und auf Latein twittert».

    Spiegel online schrieb, er benutze Worte, die bereits in frühen Ausgaben des Oxford Dictionary ein Randdasein fristeten. Schon sein Habitus und erst recht seine Ansichten machen Rees-Moog zur beliebten Zielscheibe der Labour-Opposition, seinen Anhängern gilt er jedoch als glaubwürdige Verkörperung traditioneller britischer Werte. Er selbst führt seine Popularität auf einen «Appetit auf Konservatismus» zurück, der immer weniger gestillt werde.

    (Ende des Auszugs, der ganze Artikel steht hier)

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