Die akute Wohnungsnot in Deutschland beschäftigt die Gemeinden und Kommunen. Das Problem: Zu den ohnehin schon wohnungssuchenden Familien aus Deutschland kommen seit 2015 zahlreiche Flüchtlinge. Die Zuwanderung hat den Kampf um bezahlbaren Wohnraum dramatischer verschärft, als bislang angenommen.

    _ von Jan Nolte

    Immer weniger Menschen in Deutschland können sich die Miete einer Wohnung wirklich leisten. Gerade wer nicht zu den Besserverdienenden gehört und trotzdem in einem Ballungsgebiet wohnt, muss oft einen Großteil seiner Einkünfte für Wohnraum ausgeben. Nach Angaben der Hans-Böckler-Stiftung sind inzwischen vier von zehn Haushalten in Deutschland von Mietbelastungen betroffen, die gemessen am Einkommensniveau als überdurchschnittlich hoch und belastend angesehen werden können.

    Die Folgen sind dramatisch. Auch wer nicht von Arbeitslosigkeit betroffen ist, kann unter solchen Umständen kaum noch fürs Alter vorsorgen, geschweige denn sich etwas Lebensqualität abseits der einfachsten Grundbedürfnisse leisten. Der unbestrittene Mangel an bezahlbarem Wohnraum treibt dabei die Mieten weiter in die Höhe und verwandelt den Wohnungsmarkt peu a peu in ein Schlachtfeld für Verteilungskämpfe.

    Insgesamt 1,9 Millionen bezahlbare Wohnungen fehlen dabei in den deutschen Großstädten, der verbliebene Wohnraum wird von 860.000 wohnungssuchenden Menschen hart umkämpft. Darunter befinden sich etwa Personen, die zurück zu ihren Eltern ziehen mussten oder Geringverdiener, die in sozialen Einrichtungen untergekommen sind. Und neuerdings auch immer mehr Menschen, die auf dem Flüchtlingsticket nach Deutschland gekommen sind.

    Der deutscher Städte- und Gemeindebund fürchtet aufgrund dieser Zustände soziale Spannungen und riet schon im Frühjahr 2018 an, die Migranten fairer auf die Kommunen zu verteilen und den entsprechenden Wohnraum zur Verfügung zu stellen. In seiner Bewertung der Lage stützt sich der Städte- und Gemeindebund auf die aktuellen Erhebungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAG W), die seit 2016 die Zahl der wohnungslosen anerkannten Flüchtlinge mit einbezieht.

    Und diese Zahlen haben es in sich. Laut BAG W sind von den 860.000 wohnungssuchenden Menschen in Deutschland rund 440.000 als Flüchtlinge registriert. Folglich tritt diese Gruppe in direkte Konkurrenz mit jenen, die schon vor 2015 Probleme hatten, bezahlbaren Wohnraum zu finden. Thomas Specht, Geschäftsführer der BAG W, gibt zu, dass die Zuwanderung die Gesamtsituation deutlich verschlechtert habe. Medialen Wiederhall fand diese späte Verwerfung der Flüchtlingskrise indessen nicht.

    Und auch die Bundesregierung scheint diesen Zustand nicht klar benennen zu wollen. Auf eine Anfrage zu genau diesem Thema gab man mir lediglich die Antwort, dass die Wohnungssuche in Deutschland aus den unterschiedlichsten Gründen heraus erfolgen könne und der Bundesregierung keine Zahlen über die Wohnungssuchenden und deren Charakteristika vorliegen würden.

    Ob diese Antwort nun mangelndem Kooperationswillen oder tatsächlichem Unwissen entsprang, ist nachträglich leider nicht mehr festzustellen, aber immerhin hätte man die Zahlen parat haben können, stammen Sie doch aus den entsprechenden Berichten des Hauptausschusses, in denen auch Vertreter der Regierungsparteien CDU und SPD sitzen.

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    Wer sich an der entsprechenden Regierungsstelle tatsächlich diesen Informationen verschließt oder daraus keinen Handlungsbedarf ableitet, der darf sich später allerdings nicht verwundern, wenn die Stimmung kippt. Auch bei denen, die ganz unten in der Hackordnung stehen.

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