Marx kann nicht sterben! Der globale Kapitalismus hält sein Werk lebendig

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Karl Marx feiert seinen 200. Geburtstag – und ist wieder äußerst lebendig. Sehr zum Ärger von Wirtschaftsliberalen und manch Konservativer. Dabei sorgt allein der real existierende Kapitalismus und seine Ausbeutungsdynamik dafür, dass man das marxsche Oeuvre nicht verabschieden kann und darf. – Ein Diskussionsbeitrag.

Zum 200. Geburtstag von Karl Marx hat die Universitätstadt Trier jetzt eine Statue des Philosophen enthüllt – ein Geschenk der KP China an dessen Geburtstadt. Im Vorfeld hatte der PEN-Schriftstellerverband bereits eine Ablehnung des Geschenks gefordert. Grund: Die Menschenrechtslage in China. Den Handel und die kapitalistischen Cooperation des Westens mit China scheint der PEN dagegen nicht abzulehnen – trotz der Menschenrechtslage. Das übliche Doppelspiel.

Aber der Streit zum Jubliäum reicht viel weiter. Da ist einerseits die Wiederentdeckung und Renaissance des roten Chefdenkers nicht nur in linken Medien. Mit Kinofilmen wie „Der junge Karl Marx“ (2017) feiert „der große Charlie“ auch ein Comeback in der Populärkultur. Im Grunde war er auch nur kurze Zeit verschwunden. Gerade mal 25 Jahre.

Seit Ende des 19. Jahrhunderts war Marx bis in die 1980er konstanter Stichwortgeber intellektueller Diskurse, für fast alle Formen des Widerstands gegen westlichen Kapitalismus. Nach dem Zusammenbruch des osteuropäischen Sozialismus glaubte man, im freien Markt den Sieger, die globale Zukunftsideologie erkannt zu haben. Mancher Denker war derart siegestrunken, dass er sogar das „Ende der Geschichte“ voraussagte.

Während der 1990er aber zeigte sich: Mit dem Niedergang des Konkurrenten warf der Kapitalismus sein soziales Feigenblatt weg. Für Deutschland hieß das: Tod der sozialen Marktwirtschaft. Die masochistische Anbetung des Turbo- und Raubtierkapitalismus begann. Man gestand der Bestie globale Ausdehnungsdehnunsrechte ihres Reviers zu.

Dabei glaubten sich die Mächtigen sicher. Denn hatte der Sozialismus sich mit seinen weltweit ca. 100 Millionen Toten, seinen Schlachtern wie Lenin, Stalin, Mao, Pol Pot & Co. nicht endgültig dikreditiert – bis ans Ende aller Tage? Und mit ihnen auch Kark Marx, auf den sich die Diktatoren einst beriefen?

***Lesen Sie im Dossier der aktuellen Ausgabe von COMPACT-Magazin.  Darin finden Sie mehr zum Thema Marx und die 68er: Bei Kritikern wie Anhängern der Revoluzzer wird angenommen, sie hätten „irgendwie“ den Ideen von Marx Bahn gebrochen. Tatsächlich war ihr Marxismus aber Murxismus: Die Neue Linke übernahm nur die gefährlichen Irrtümer des Philosophen – und schredderte seine klügeren Einsichten.***

Ähnlich argumentieren Konservative und Wirtschaftsliberale heute wieder: Wie kann man, nach solch einer Wirkungsgeschichte, Marx wieder ausgraben? Hat dessen Lehre nicht genug Schaden angerichtet? – Dabei handelt es sich meist um ein Totschlag-Argument. Dessen zynischer Subtext lautet: Weil sozialer Widerstand schon einmal zu Diktatur und Massenmord geführt hat, muss der Mensch jetzt stillschweigend kapitalitische Ausbeutung ertragen.

Tatsächlich ist das Vokabular der Kapitalisuskritik, sind dessen analytische Fundamente heute noch durch Marx geprägt. Eine ähnlich wirksame Alternative hat sich nicht gefunden. Schon wer einfachste Phänomene kaptalistischer Verbrechen erfassen möchte, warum beispielsweise Nestle verarmten Menschen in Afrika das Wasser wegnehmen und teuer verkaufen darf, wieso ein Großteil der Produktion westlicher Konsumgüter (Smartphones, Bekleidung) in Entwicklungsländer ausgelagert wurde, und dort für Elend und frühen Tod zu sorgt, wieso die Deutsche Bank ungestraft mit Nahrungsmitteln spekuliert oder die SPD unter globalem Applaus Hartz-Diktatur und Billiglohnsektor durchdrückte – der wird ohne marxistische Vorarbeit nicht auskommen. Schon gar nicht, wenn er diese Zustände ändern mochte.

Seit Ende des Ancien Regime in Frankreich wiederholt sich stets das gleiche Szenario: Die Reichen und Herrschenden behandeln das Volk (inzwischen: die Völker) mit zunehmender Ignoranz und Unverschämtheit. Wenn sie den Bogen überspannt haben, eskaliert die Unterdrückung in einer Revolution, in einer Orgie von Gewalt. Und doch sind es die Herrschenden, die diese Eskalation durch ihre vorheriges Verhalten provoziert, den Dampfkessel zum Knallen gebracht haben, die Verantwortlichen für diese „Wirkung“.

Wer heutzutage Marx Theoriewerk beerdigen will, müsste diese Dynamik unterbrechen. Aber das Gegenteil geschieht. Marie Antoinettes berühmte Kuchen-Spruch findet in Warren Buffets Satz – „Es herrscht Klassenkrieg, richtig, aber es ist meine Klasse, die Klasse der Reichen, die Krieg führt, und wir gewinnen“ – einen würdigen Nachfolger. Die Reichen führen laut diesem Bekenntnis Krieg gegen mehr als 99 Prozent der Menschheit. Krieg beinhalt: Ermordung, Unterwerfung, Versklavung. Diesmal auf globaler Ebene.

Wundert sich da noch jemand, dass Marx auch nach 200 Jahren nicht sterben kann? Auf zur Neulektüre!

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