Was der Vater des zum “Gotteskrieger” gewordenen Sohnes durchmacht, kann sich wohl kaum ein Mensch vorstellen. Von der Polizei erhielt Christian Rappe das letzte Bild von Marvin alias Abu Walid, das ihm traurige Gewissheit gab. Er ist tot. Gestorben in Syrien, im Kampf für eine fremde Religion, an der Seite brutaler Terroristen. Was hat ihn geritten, warum konnte Marvin nicht gerettet werden? Fragen, auf die es keine Antworten gibt…

    Boban S., so heißt der mutmaßliche Verführer und islamistische Terror-Rekruteur, der den Sohn von Christian Rappe auf dem Gewissen hat. Vor wenigen Tagen ist in Celle der Prozess gegen ihn und zwei weitere Mittäter angelaufen. Einer von ihnen ist Ahmad A, der sich selbst den Namen Abu Walaa gegeben hat und der auch im Fall Anis Amri und dem Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz eine zentrale Rolle gespielt haben könnte. Das jedenfalls legen die Aussagen eines V-Mannes nahe, der Amri wohl ebenfalls eher betreut als beschattet hat – den ganzen Artikel “V-Mann im Zwielicht: Anis Amris Freund und Helfer” lesen Sie hier.

    Der Vater, Christian Rappe, hat den Prozessauftakt beobachtet und kann es immer noch nicht fassen. Im Gerichtssaal still sitzen, das fällt ihm schwer. Die Verwandlung seines Sohnes geschah ganz plötzlich. Auffällig waren zunächst die veränderten Essgewohnheiten. Die Feier zu seinem 18. Geburtstag im Jahre 2014 brachte es an den Tag. Marvin wollte kein Schweinefleisch mehr auf dem Teller haben. Dann eröffnete er seiner Familie: Ich bin jetzt ein Muslim. Da der Vater viele türkische Kollegen hat, alarmierte ihn diese Entscheidung seines Sohnes zunächst nicht allzu sehr, doch gewöhnungsbedürftig war ihm der plötzliche Sinneswandel schon: “Er war ein Junge, der Fußball liebte und Markenturnschuhe”, erzählt sein Vater im NDR Interview.

    Der Vater macht sich dennoch seine Gedanken, hakt bei seinen Bekannten und Freunden nach. “Die Kreise, in denen sich sein Sohn bewegt, kennen seine Kollegen allerdings nicht. Es sind salafistische Zirkel im Ruhrgebiet, die sich abkapseln”, schreibt man ebenfalls beim NDR. Dann ging alles viel zu schnell, um es zu begreifen. Den gemeinsamen Spanien-Urlaub, den die Familie jedes Jahr machte, ließ Marvin zum ersten Mal sausen. Er habe besseres vor. Der Vater findet für sich eine akzeptable Erklärung: “Ich dachte, vielleicht steckt da eine Freundin dahinter oder er will einfach mal ein bisschen für sich sein.”

    Auf nimmer Wiedersehen

    Es war keine Freundin. Kein normales Verlangen eines Teenagers nach Ruhe vor den Eltern. Der Sohn war nach Syrien ausgereist, wollte offenbar als frisch konvertierter und radikalisierter Muslim für den sogenannten Islamischen Staat kämpfen. Davon ahnten die Eltern zunächst nichts, als Marvin allein Zuhause blieb. Seiner Großmutter habe er noch erzählt, dass er ein “Islam-Seminar” in einer Moschee in Braunschweig besuchen wolle. Als Marvin nach einer Woche nicht zurückkehrt, bricht die Familie ihren Urlaub ab, reist zurück Nachhause. Hier beginnt die verzweifelte Suche des Vaters. Alle Moscheen und Vereine im ganzen Umkreis sucht er ab, erfolglos. Bei der Polizei will er eine Vermisstenanzeige aufgeben, was aber laut NDR mit der Begründung abgelehnt wird, dass er “schließlich volljährig” sei. Als der Beamte den Vater dann auch noch darauf hinweist, dass sich derzeit vermehrt junge Muslime der Terrormiliz IS anschließen, keimt in ihm zum ersten Mal ein schrecklicher Verdacht.

    Nach 36 Tagen Funkstille sollte der sich bestätigen. Da meldet sich sein Sohn, er heißt jetzt Abu Walid, plötzlich mit einer unbekannten Handynummer aus Syrien. Der Vater, verrückt vor Sorge, versucht nun alles, um den Weg seines Sohnes nachzuvollziehen, besucht sogar die “Moscheevereine”, zu denen er Marvin bereits früher “begleitet hatte”. Dort hofft er auf Antworten, doch die dortigen Imame wollen sich nicht mehr an Ihn oder an Marvin erinnern können. Den Vater packt der Mut der Verzweiflung. Er reist in die Türkei, will ein Treffen mit seinem Sohn arrangieren. Doch das Treffen scheitert.

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    Das letzte Foto

    Ein zweiter Versuch wird schon wenig später gemacht. Sein Sohn ist mittlerweile von Syrien in den Irak gereist. Angeblich gab es schon wegen des ersten Kontaktversuches mit seinem Vater Ärger mit den “Glaubensbrüdern”. Der NDR berichtet dann über den zweiten Versuch:

    “Bei einem zweiten gibt es Kontakt über dubiose Männer, die der Vater engagiert hat. “Marvin hatte einen Freund dabei”, erinnert er sich. Plötzlich seien die Männer zurückgekommen, plötzlich waren alle bewaffnet. Sie sagen Rappe, es gebe nur einen Weg: Wenn sie Marvin über die Grenze holen sollen, müssten sie seinen Freund erschießen. Doch es ist ein Junge, wie Marvin, fast noch ein Kind. Der Vater erfasst den Ernst der Lage: Nein!”

    Auch der zweite Versuch, seinen Sohn Nachhause zu holen, scheitert also. Marvin alias Abu Walid will auch gar nicht mehr Nachhause. Kein Zweifel besteht mehr für seinen Vater, dass er und seine Freunde knallharte Terroristen geworden sind. Immer seltener erhält er nun Nachrichten von seinem Sohn, bis er eines Tages zum Staatsschutz zitiert wird, der Christian Rappe ein Foto eines getöteten IS-Soldaten zeigt:

    “Erst beim zweiten Hinsehen wird klar: Es ist ein junger Mann, der da verdreht im Schlamm liegt. Das Gesicht im Dreck. Viel Blut. Aber ist es Marvin? Es könnte sein. Dann bleiben seine Nachrichten aus. Keine Sprachnachrichten, keine Facebook-Chats. Stille.”

    Das Land der unbegrenzten Islamisierung

    Für den Vater und die ganze Familie schwindet bald jede Hoffnung. “Ich gehe davon aus, dass er tot ist, weil er, anders als andere, mit uns immer in Kontakt stand”, erklärt Rappe. Dann erhält er die Nachricht eines anderen IS-Terroristen auf sein Handy: “Marvin ist Märtyrer geworden”, heißt es da. Damit ist alle Hoffnung zunichte. Heute, besonders bedingt durch den Prozess, quält sich Christian Rappe mit den vielen offenen Fragen. Anderen Eltern wolle er sein Leid unbedingt ersparen, weshalb er sich sehr für mehr Prävention stark macht. Das jedoch kann diese Regierung – wie heute jeder weiß – allerhöchstens versprechen, aber niemals wirklich einlösen. Dazu müsste nämlich zuerst einmal der Islam als Gefahr erkannt und die politische Unterstützung für Moschee-Vereine und Islamisten eingestellt werden. Dass dies nicht zu erwarten ist, weiß Rappe wohl auch:

    “Heute blickt er resigniert zurück. Einmal habe er große Hoffnungen gehabt. Über einen Kontakt habe er sich mit dem Leiter des Verfassungsschutzes in Nordrhein-Westfalen treffen können. Im September 2014 sei das gewesen. Der Behördenchef habe sich tief betroffen gezeigt, habe ihm versprochen, den Fall Marvin zur “Chefsache” zu machen. Doch davon sei dann später nicht viel zu spüren gewesen. Auch von der Polizei hätte er mehr erwartet. Sein Vertrauen in den Rechtsstaat ist erschüttert.” (NDR)

    Und dazu muss man auch wissen: Es war die unermüdliche Recherchearbeit des Vaters (!), die die Polizei und Justiz überhaupt erst auf den heute in Celle vor Gericht stehenden Boban S., einem Serben mit dem islamischen Namen Abdulrahman, aufmerksam gemacht hatte. Schon 2014 habe er diesen Hinweis dann an die Polizei gegeben, doch die ließ sich zwei (!!!) Jahre Zeit, um den Kerl festzunehmen:

    “Boban S. betrieb in Duisburg eine Koranschule. Erst im Herbst 2016 beendeten die Festnahmen dort einen Unterricht, der – so sieht es zumindest die Anklage – aus einigen Besuchern Extremisten machte. Dort sei die Lehre des “Islamischen Staats” verbreitet worden, sagt Kronzeuge Anil O. über die Lehrstunden dort. Boban S. sei der radikalste der fünf Angeklagten gewesen.”

    Dass die Polizei und die zuständigen Behörden den Fall womöglich – wie schon so viele Male zuvor – versaut haben und bei ihren Ermittlungen aus allen möglichen Gründen hinter dem Machbaren zurückgeblieben sind, will man jedoch nicht gerne hören. Ein Sprecher der Polizei kommentiert auf Nachfrage des NDR frech:

    “Dass bei einem Vater in einer solch extremen Situation der Eindruck entstehen kann, dass aus Sicht des Polizeipräsidiums Bochum nicht genug getan wurde, ist menschlich durchaus nachvollziehbar. Seien Sie aber versichert, dass unsere Behörde umfänglich in dieser Angelegenheit ermittelt hat”

    Spezial IslamDerartige Fälle zeigen, dass die Empfänglichkeit mancher junger Männer für die islamische Propaganda nicht übersehen und die Rekrutierungsfähigkeiten islamistischer Prediger in Deutschland nicht unterschätzt werden dürfen.

    Um dieses ernste Problem anzugehen, ist Aufklärung der erste und vielleicht wichtigste Schritt: COMPACT Spezial Nr. 10 Islam – Gefahr für Europa ist hier die Lektüre der Wahl.

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