Man muss offensiv polarisieren! – Jürgen Elsässer diskutiert mit AfD-Politiker Frank-Christian Hansel

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Der unerwartete Einzug eines Außenseiters ins Weiße Haus hat die Phantasien bis in unsere Breiten beflügelt. Könnte auch die Partei von Frauke Petry und Björn Höcke die Mehrheit erobern? Muss sie die fehlenden Stimmen in der Mitte holen – oder bei den Nichtwählern? Es folgen Auszüge aus einem Gespräch, das Sie in COMPACT 01/2017 vollständig lesen können. Hier bestellen

Elsässer: Donald Trump ist in jedes Fettnäpfchen der Political Correctness mit Lust und Wonne hinein getreten. Seine Wahlkampfknaller waren zwei Dinge. Erstens: Mauer bauen an der Grenze zu Mexiko. Und zweitens hat er gesagt, Muslime kommen nicht mehr rein. Also sehr, sehr klare Kante. Müsste die AfD nicht davon lernen und auch volkstümlicher und schärfer formulieren, populistischer, anstatt immer so ein bisschen zurückzuweichen?

Hansel: Ja, das ist die Grundfrage, der sich die AfD eigentlich jeden Tag stellt. Sie sprechen da einen Konflikt an, der latent immer in der Partei ist. Der US-amerikanische President-elect, der kann es sich als Amerikaner leisten. Aber wir haben diese Grundbelastung aus der Historie – die wir aber nicht akzeptieren wollen. Wir sehen natürlich die Belastung, aber das hat mit unserer Generation nichts zu tun. Es geht aber nicht um uns und um die Partei, sondern um die Wahrnehmung draußen. Und eins ist ganz klar: Wir wollen Mehrheiten schaffen, wir wollen das Land verändern. Und Wahlen werden in der Mitte gewonnen…

Elsässer: Das bezweifle ich.

Hansel: Aber «on the long run» ist es so. Der Stamm, den wir jetzt haben, von 15, im Osten teilweise bis 25 Prozent, das ist ein großartiger Erfolg, aber es reicht eben noch nicht für Mehrheiten. Und wir haben ja gesagt, dass wir nicht Juniorpartner einer Koalition werden wollen. Es kann nur funktionieren, wenn wir uns Mehrheiten organisieren und Primärpartner sind. Da ist es so, dass wir doch noch einiges mehr an bürgerlichen Wählern brauchen, die eigentlich schon bei uns wären, wenn «die Keule» uns nicht immer als nicht wählbare Schmuddelkinder denunzieren würde. Wobei, natürlich haben Sie recht: Egal was wir tun, sie werden immer auf uns einschlagen. Insofern ist es eine schwierige Debatte.

Elsässer: Trotzdem würde ich Ihnen widersprechen, denn Trumps Wahlerfolg war nur möglich, weil er die Nichtwähler in erheblichem Umfang mobilisiert hat. Wir haben doch in Deutschland dieselbe Situation, nicht so schlimm wie in den USA, aber fast so schlimm: Zumindest bei Landtagswahlen haben wir 40 Prozent Nichtwähler, und natürlich kann man die populistisch abholen. Und das ist die Hauptkraftreserve für die AfD. Wobei die soziale Frage da eine große Rolle spielt: Trump hat, marxistisch gesprochen, die Arbeiterklasse mobilisiert, indem er gesagt hat: Lasst doch nicht zu, dass Euch Multikulti schön geredet wird mit Political Correctness – und Ihr verliert Eure Arbeitsplätze, die wandern ab nach Mexiko oder China. Das bürgerliche Klientel, was bisher vielleicht noch CDU/CSU wählt, ist schon wichtig. Aber ich glaube, das Hauptpotential sind die Nichtwähler – für eine Protestpartei.

(…)

Elsässer: Sie sagen, der Diskurs in Deutschland ist aufgrund der sogenannten Last der Vergangenheit, die uns aufgedrückt wird, schwieriger. Muss man nicht sagen: Auch diese Sonderbedingung ist durch die Trump-Wahl Makulatur geworden, wir haben jetzt mit dem Trump-Rückenwind einfach die Möglichkeit, offener zu sprechen? Wenn dann die Medien sagen «Ihr seid Rassisten!», sagen wir: «Moment mal, wir sagen doch das Gleiche wie Trump!»

Hansel: Das kann durchaus sein. Ich glaube schon, dass sich da etwas öffnet.

Elsässer: Ich glaube, dass man die Polarisierung offensiv betreiben muss. Das hat auch Trump gemacht, den Pol des Volkes gegen den des Establishments gesammelt. Wenn man auf Polarisierung verzichtet, bleibt die Gesellschaft eine Einheitssoße, die von oben her gelenkt wird.

Hansel: Da haben Sie recht, aber die AfD an sich ist schon die Provokation. Die Tatsache, dass es uns gibt, ist schon Ausfluss dessen. Und das ist ja das Geniale, dass das die Altparteien nicht verstanden haben. Und dass sie, indem sie uns piesacken, uns schlecht reden, in die rechte Ecke drücken, uns ja aufgewertet haben. Ich glaube, man muss nur sagen: Okay, wir müssen das jetzt quasi anders machen, und wir müssen gegen das Establishment angehen. Nicht, weil es das Establishment ist, sondern weil Fehlentscheidungen getroffen, Kriege geführt worden sind und so weiter.

(…)

Frank-Christian Hansel, Jahrgang 1964, war 2013/2014 Bundesgeschäftsführer der AfD, gewann im September 2016 für seine Partei ein Mandat im Berliner Abgeordnetenhaus und dient seiner Fraktion als parlamentarischer Geschäftsführer. Die Diskussion ist ein für den Abdruck gekürzter und bearbeiteter Ausschnitt aus der Video-Vorstellung des COMPACT-Magazins 12/2016, die in voller Länge auf unserem «YouTube»-Kanal zu sehen ist.

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