#Mäh Too – Ritualkritisches Hashtag sorgt für Nazi-Vorwürfe

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#Mäh Too – ist das eine Parodie auf #metoo oder #Me Two? Nein, es handelt sich um einen Protest gegen das Schächten. Natürlich folgt der Nazi-Vorwurf auf der Stelle. Dabei wäre eine umfassende Tierschutzdebatte, vor allem in Bezug auf die Nahrungsindustrie, mehr als überfällig.

Vor einem halben Jahr raste #metoo durch das Internet: Sind wir nicht alle Vergewaltigungsopfer? Dann kam, als Reaktion auf Özils Kündigung bei der deutschen Nationalmannschaft, das #MeTwoo: Sind wir nicht alle verschmähte Profi-Fußballer? Seit einigen Tagen kleben in Hannover an Wänden und Pfählen Aufkleber mit der neuesten Variante, „MähToo“, in weißen Buchstaben, quer durch einen roten Blutfleck geschrieben.

Wer nicht auf die gleichnamige Internetseite klickt, den belehren Transporter, die durch Hannover, Salzgitter, Wolfsburg oder Braunschweig fuhren: Auf ihnen prangt das Foto eines Lamms mit der Denkblase: „Ich heiße Heidrun und gehöre hierher. Eid al-Adha nicht….“. Eid al-Adha meint ein islamisches Opferfest.

Die Assoziationskette kann rattern: Es geht gegen das Schächten von Tieren. Gegen eine religiös motivierte Art der Schlachtung, bei der das Tier lebendig ausblutet. Auch Tierschützer haben diese Art der Tötung wiederholt angeprangert. Anders die Grünen, die im Namen der Toleranz weiterhin zulassen möchten. Vor knapp drei Jahren hieß es auf t-online:

„Nach Ansicht von Volker Beck, Innenexperte der Bundestagsfraktion der Grünen, auch durch die Bereitschaft, religiöse Bedürfnisse der Flüchtlinge zu akzeptieren. Als Beispiele nannte Beck den Umgang mit Kopfbedeckungen oder das Schächten von Tieren.“

Als klar wurde, dass die AfD-Landesvorsitzende Dana Guth Inititaorin der #Mäh Too-Aktion war, kannte die Hannover Allgemeine Zeitung (HAZ) kein Halten mehr: „Mähtoo“: Islamfeindliche Sticker aufgetaucht“ lautete die Überschrift. Darunter heißt es: „Die Kampagne ,Mähtoo# kritisiert das Schächten von Tieren als Quälerei, an einigen Laternen in Hannover sind entsprechende Sticker aufgetaucht.

Die muslimische Gemeinde kritisiert die Aktion und fühlt sich an die Nazizeit erinnert.“ Letzteres vor allem, weil man in Salzgitter einen solchen #Mäh-Too-Sticker an die Außenwand einer Moschee geklebt hatte. Das habe die Betroffene an die Zeichnung von Davidsternen auf den Fenstern jüdischer Läden erinnert.

Okay, jetzt stellen wir die Nazikeule mal beiseite und bemühen uns um Rationalität:

Tierschutz ist kein Rassismus oder Hass gegen eine Religion. Beipiel: Tierschützer wettern zu Ostern regelmäßig über das Massenschlachten von „Osterlämmern“. Fordern eine vegetarische Alternative. Trotzdem wird man diese Tierschützer kaum als „antichristlich“ bezeichnen wollen.

Religionen sollten regelmäßig ihre rituellen Grundlagen infrage stellen bzw. sich für Reformen öffnen. Soviel Säkularisierung muss sein. Die Schächtung stammt aus einer Zeit, in der Blut als Träger der Seele galt. Die Seele aber durfte man nicht essen. Sie musste den Körper zuvor via Ausblutung völlig verlassen haben. Ohne diese Seelentheorie aber macht die Schächtung keinen Sinn.

Wer dennoch an ihr festhalten möchte, muss konsequenterweise auch Blutspenden ablehnen, weil man durch sie – nach der antiken Auffasung – den Teil einer fremden Seele erhalten würde. Die Zeugen Jehovas lehnen aus genau diesem Grunde eine Blutransfusion ab, was viele Chirurgen in Konflikte treibt: Wie sollen sie einem Kind beispielweise das Herz operieren, wenn sie im Notfall keine Transfusion veornehmen dürfen, weil die Religion der Eltern das verbietet? Wer dies kritisiert, wird auch nicht als Anti-Zeugen-Jehova-Hasser bezeichnet.

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Vielleicht sollte man eine Debatte über Schlachtungsmethoden mit einer allgemeinen Kritik an der Tierhaltung in der modernen Nahrungsindustrie verbinden. Denn jeder weiß, wie furchtbar es dort zugeht. Nicht umsonst wechseln immer mehr Zeitgenossen zum Vegetarismus oder Veganismus.

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