Zehn Tage lang hatte sich Emmanuel Macron in überhebliches Schweigen gehüllt, ganz wie es einem Herrscher gebürt, und seinen Premierminister an die Front geschickt. Derweil versanken seine Stadt und weite Teile seines Landes im Chaos. Nach einem weiteren Wochenende mit bürgerkriegsähnlichen Unruhen, an dem die Polizei mit ihren Schlagstöcken grausam und unerbittlich auf jeden eindrosch, der ihr in den Weg geriet, stieg der Gott von seinem Olymp herab und sprach zu seinen Untertanen.

    In einer Rede an die einstmals „Grande Nation“ wandte er sich an all die armen Rentner, die hart arbeitenden Angestellten, die alleinerziehenden Mütter – ich habe sie gesehen, diese mutigen Frauen“, schmierte er ihnen am Montag Abend Honig ums Maul. Plötzlich nimmt er sie wahr, diese kleinen Leute, wohl erst auf Anraten seiner Hofschranzen, die sich Sorgen machen um seine im Hades versunkene Sympathie. Was hatte er ihnen im Wahlkampf versprochen, dem bedauernswerten Pöbel, der sich mühsam durchs Leben schlagen muss und dennoch kaum genug hat dafür. Plötzlich erinnert er sich an die Regionen seines Landes, die aus dem Fokus seiner Wahrnehmung geraten waren, in denen die Bürger unter einer „sozialen und demokratischen Malaise“ leiden. Die müssten doch erkennen, dass er als Präsident nun mal „andere Prioritäten gesetzt“ habe als gewünscht. Da ist sie wieder, diese gottgleiche Selbstherrlichkeit.

    Macron übt sich plötzlich kurzfristig in leiser Selbstkritik

    Möglicherweise habe er einige Leute „mit seinen Bemerkungen verletzt, das Offensichtliche übersehen“, übt der sich in arge Bedrängnis Geratene, dessen Rücktritt bereits gefordert war, kurzfristig in Selbstkritik – eine Erkenntnis, die seiner deutschen Amtskollegin zur Gänze abgeht. Die sonnt sich noch in ihrer Majestät. Schließlich haben ihr minutenlange Standing Ovations à la mode Kim jon un und koreanischer Claquere bestätigt, alles richtig gemacht zu haben. Ihr aber steht auch (noch) nicht ein Volk gegenüber, das die Selbstherrliche von ihrem Thron fegen will. Ja, es gebe „Wut im Land“, trifft Macron plötzlich die Wahrnehmung wie ein Blitz; die Empörung sei in mancher Hinsicht „berechtigt“. So spricht er also nun, der Westentaschen-Napoleon, im Angesicht des Protestes der „gilets jaunes“, der sich zunächst an seiner Steuerpolitik entzündet hatte und dann gegen seine Person flammte, den „Präsidenten der Reichen“.

    Früher Rothschild-Banker, jetzt Frankreichs Präsident: Emmanuel Macron auf dem Cover des bekanntesten US-Wirtschaftsmagazins. Foto: Forbes

    Er versuche seit kurzer Zeit „die Dinge zu verbessern“, rechtfertigt sich Macron denn nun. Als Antwort auf den im ganzen Lande wütenden Zorn verspricht er seinen Untertanen das Blaue vom Himmel, um sie auf Erden zu besänftigen: Er will die Arbeitnehmer mit einem monatlichen Mindestlohn entlasten, der ab dem 1. Januar um 100 Euro auf 1598 Euro brutto erhöht werden soll. Überstunden und Jahresendprämien sollen künftig steuer- und abgabenfrei sein, lässt er seine Segnungen aus der Allfülle seiner Macht auf das Volk herabrieseln. Auch die Rentner werden bedacht: Jene mit einem Einkommen von weniger als 2000 Euro pro Monat werden von der beschlossenen Erhöhung der Sozialabgaben befreit: für das Jahr 2019! Die im vergangenen Jahr abgeschaffte Vermögenssteuer aber werde nicht wieder eingeführt. Da bleibt der Liebling der Reichen seiner Klientel treu und streut dem Pöbel Sand in die Augen: Schließlich hätte diese über 40 Jahre lang geltende Steuer zu keinem besseren Leben geführt, stattdessen aber zur Abwanderung der Wohlhabenden geführt.

    Die Wut begreift Macron zwar als Chance, „an meinem Kurs aber werde ich im Wesentlichen festhalten“, betonte er in seiner nüchternen Rede. Schließlich hätten sich seine Wähler für die „Transformation“, für seine „Politik der Erneuerung“ entschieden, ruft er in Erinnerung. Deren Umsetzung müsse nun in einer „nationalen Debatte“ im ganzen Land, mit den Bürgermeistern geklärt werden. Diese will er allerorten führen, draußen bei den Leuten. Anderthalb Jahre reichten dem Präsidenten offensichtlich nicht aus, gerechte Regeln und Werte zu schaffen, die man verteilen kann. Solange saß er auf seinem Olymp, von dem herab er allwissend und in Hybris seine Reformen nach unten durchsetzen wollte.

    Nun aber ist der Sonnenkönig in Not. Und in der Not frisst der Teufel Fliegen: Seine angekündigten Wohltaten mit Geld, das ihm gar nicht zur Verfügung steht, werden sein hochverschuldetes Land weiter in die Bredouille bringen. Hauptsache, der Volkszorn ist erst einmal besänftig. Zurückrudern kann man ja immer noch…

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