Manche Analysten nennen Putin einen Patrioten, andere nennen ihn einen Liberalen. Die Frage bleibt: Wer ist er überhaupt? Wer oder was beeinflusst seine Einstellungen?

    _von Alexander Dugin

    Wenn Putin Entscheidungen trifft, muss er zwei Faktoren berücksichtigen. Auf der einen Seite ist es notwendig, einen hohen Grad innenpolitischer Glaubwürdigkeit zu bewahren, die sich in hohen Umfragewerten, einer positiven öffentlichen Meinung oder der Unterstützung durch die Wählerbasis niederschlägt. Auf der anderen Seite gibt es äußere Einflüsse: Unterstützung durch den Westen, enge Beziehungen zu Europa und zur NATO sowie ein angemessenes außenpolitisches Auftreten. Diese beiden Faktoren sind auf komplexe Weise miteinander verflochten und verhalten sich beinahe umgekehrt proportional zueinander.


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    Das russische Volk erwartet von Putin traditionellerweise eine harte Haltung; wie zahlreiche Umfragen ergeben haben, wünscht es sich einen stärkeren Staat, eine vaterländische Orientierung und das Streben nach nationaler Identität. Gleichzeitig will der Rest der Welt – insbesondere Europa und die Vereinigten Staaten – das genaue Gegenteil: die Einführung durchgreifender liberaler Reformen, die Etablierung prowestlicher Werte und die Einwilligung in die Normen der Europäischen Union. Laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts WZIOM sind 71 Prozent der Russen der Ansicht, dass ihr Land einer eigenständigen «eurasischen» oder orthodoxen Zivilisation angehöre, und eine prowestliche Entwicklung dem Land daher nicht angemessen sei. Nur 13 Prozent der Befragten bezeichneten Russland als Teil der westlichen Welt. Je weiter die liberalen Reformen voranschreiten, desto größer wird die negative Gegenreaktion der patriotischen Wähler (der sogenannten «Putin-Mehrheit») auf den Präsidenten und sein Handeln. Das hat selbst die westliche Presse bemerkt: «Was treibt Putin dazu, eine aggressiv prowestliche Politik zu verfolgen, wenn die Mehrheit seines Volks nichts dergleichen will?», fragte die Los Angeles Times.

    Die eurasische Karte

    Nachdem er mit Hilfe vaterländischer Losungen gewählt worden war, nutzte Wladimir Putin die sogenannte Zwischenwahlperiode aus und handelte nach liberaler Art, womit er sich beim Westen beliebt machte. Anscheinend war Putin nicht nur auf einen dogmatischen «Patriotismus» oder einen ebenso dogmatischen «Liberalismus», sondern auf ein Gleichgewicht der beiden Vektoren bedacht. Die Mitte seiner Amtszeit war so etwas wie der Höhepunkt des Liberalismus, nachdem bei Näherrücken der Wahlen seine liberalen, prowestlichen Neigungen der patriotischen Seite wichen. Dementsprechend veränderte sich das Mächtegleichgewicht im Kreml, und zwar zugunsten von Vorhaben zur Sicherung des Reiches, dem Eintreten für einen starken Staat und größerer Dynamik, was sich auch in der Stärkung gewisser Gruppen auf Kosten anderer zeigte.

    Um seine starke Stellung als Staatsführer zu bewahren, hat Putin stets danach gestrebt, vor den Wahlen in seiner politischen Praxis ein Verhältnis von 71 Prozent Patriotismus und 13 Prozent Liberalismus einzuhalten (in strikter Übereinstimmung mit den Ergebnissen des WZIOM). Das stellte seine Wiederwahl sicher. In den gesamten vier Jahren seiner zweiten Präsidentschaft – und ebenso während der folgenden Präsidentschaft Medwedews – war eine umgekehrte Situation zu beobachten, in der sich die Staatspolitik zu 71 Prozent auf den Westen hin orientierte und zu 13 Prozent zum Patriotismus tendierte.

    Eine Stärke des Eurasismus ist, dass er sich auf die Außenpolitik anwenden lässt. Eines der obersten Ziele der Eurasischen Bewegung war es von Anfang an, eine Eurasische Union als direktes Gegenstück zur Europäischen Union zu schaffen. Während wir nach engeren Beziehungen zu östlichen Staaten streben, unterstützen wir ebenso bessere Verbindungen nach Europa. Genau darum geht es beim Eurasismus.

    Was die Beziehungen zu den Vereinigten Staaten angeht, so kann der Eurasismus sie aufgrund des Wesens seiner Ideologie nicht als Partner ansehen. Von allen politischen Kräften in den USA unterstützen wir einzig die isolationistische Strömung der Republikaner, weil diese fordern, dass die Vereinigten Staaten die Förderung der Globalisierung einstellen, sich auf innenpolitische Probleme konzentrieren und den Rest der Welt in Frieden lassen sollen. Gleichzeitig hängt für den Eurasismus die Zukunft Russlands vom erfolgreichen Abschluss einer Reihe strategischer Bündnisse mit den Staaten der «Küstenzone» ab – von Europa über die arabische Welt bis nach Asien und Fernost.

    Für Putin ist es sehr wichtig, sowohl über einen loyalen transatlantischen Flügel als auch einen ebenso loyalen eurasischen Flügel seiner Partei Einiges Russland zu verfügen. Diese Kombination lässt ihm freie Hand bei jeglichem Manöver. Den Transatlantikern geht es heutzutage blendend, aber die Unbestimmtheit und Uneinigkeit des Eurasismus wird von der Opposition weidlich ausgenutzt – dabei ist es gerade diese Idee, die nicht nur zur Verbesserung der innenpolitischen Lage im Land beitragen, sondern auch dabei helfen kann, die Außenpolitik viel konsequenter und effizienter zu gestalten.

    Die Putin-Formel

    Zu Beginn seiner ersten Amtszeit musste sich Putin mit dem Vermächtnis seines Vorgängers herumschlagen. Er kam zu einem kritischen Zeitpunkt unserer nationalen Geschichte an die Macht, und weder er noch die Gesellschaft in ihrer Gesamtheit verstanden völlig, was geschehen war. Sein Auftrag ist es, in Russland ein stabiles politisches System zu errichten, das den nationalen Interessen Russlands, den Interessen des russischen Volkes und unseren geopolitischen Prioritäten entspricht. Und erst dann darf er an seinen Ruhestand denken. Das momentane Gleichgewicht ist trügerisch und sehr brüchig.

    Das war ein Textausschnitt. Weiter lesen Sie in der neuen COMPACT 03/2018: „Patriot Putin – Partner für Europa?“ – jetzt am guten Kiosk und im COMPACT-Shop.

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