Lenins Lob der Improvisation

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Lässt sich Widerstand oder gar Revolution in einer globalen Welt überhaupt noch denken? Wir dürfen es zumindest nicht aufgeben, mahnt Star-Philosoph Slavoj Žižek und empfiehlt dazu Lenin zur Lektüre.

Das Leben war stets unüberschaubar. Niemand hat je seine Zeit in Gedanken gefasst. Im Gegensatz zu früheren Genrationen beansprucht das heute auch keiner mehr. Aber solche Selbsterkenntnis hat ihren Preis: Wie lässt sich ernsthaft politisch handeln, wie ein Gegenmodell zur vorherschenden Machtverhältnissen entwerfen, wenn man zugeben muss, keinen Überblick zu haben. Mancher mag da wehmütig an das geschlossene System eines Karl Marx erinnern. Dabei hat diese „Geschlossenheit“ im Ernstfall der Umsetzung nie genutzt.

Philosoph Slavoj Žižek zeigt dies am Beispiel der ersten marxistischen Revolution, in Russland des Jahres 1917. Da lief nichts nach Plan. Da gab es nur eine Methode: Die Improvisation. Genau das, so glaubt Žižek, mache sie für Kritiker des globalen Kapitalismus brennend aktuell. In „Lenin heute“ (2018) fordert der slowenische Philosoph, die kommunistische Idee radikal neu zu denken. Dabei will er keine Antworten erhalten oder geben, kein Glaubenssystem übernehmen.

Stattdessen empfiehlt er dem heutigen Leser, sich durch Lenins Schriften zum radikalen Fragen anregen zu lassen. Stand der Bolschewiken-Chef doch Anfang der 1920er Jahre, nach dem Bürgerkrieg, vor einer Situation, die ausreichend Parallelen zur heutigen Weltlage aufweise: So waren die Revolutionäre sehr bald schon zu Rückschritten gezwungen, zu Kompromissen mit dem Kapitalismus, den man zuvor bekämpft hatte.

268 Seiten
Verlag: wbg Academic in Wissenschaftliche Buchgesellschaft (WBG), 24,05 Euro

Darüber hinaus erschien die Situation den Zeitgenossen ebenso unüberschaubar uns die heutige. Kein Wunder, war sie doch historisch ebenso beispiellos. Ein Chaos, das sich nicht mit planmäßiger Strategie, sondern nur durch unermüdliches Ausprobieren überstehen ließe. Diese vertrackten Situationen und Sackgassen habe Lenin aufgegriffen, problematisiert und reflektiert. Zwar dürfe heutige Re-Lektüre nicht zur Nachahmung von Lenins Fehlern führen, aber:

„Lenin zu wiederholen heißt nicht etwa, das zu wiederholen, was er tat, sondern das, was er nicht tat, es heißt, die von ihm versäumten Gelegenheiten wieder aufzugreifen.“ Der heutige Widerstand begnüge sich mit dauerhaft Unhaltbarem, etwa dem rudimentären Erhalt eines geschrumpften Sozialstaates. Gleiches gelte für die „Auswüchse der politischen Korrektheit“ bei den Linken: „Zeugen sie nicht von einem Rückzug vom Kampf gegen die eigentlichen (wirtschaftlichen, usw.) Ursachen von Rassismus und Sexismus?“

Zurück zu Lenin heißt weg von Reförmchen oder (Sprach-) Spielereien innerhalb eines ökonomischen Systems, das man als „alternativlos“ anerkennt. Es reißt alles, Wirtschaft, Kultur, menschliches Zusammenleben, jeden Bereich radikal neu zu denken. Ohne jede Erfolgsgarantie. Nur so ließe sich ein Ausweg finden. – Ob der westliche Widerstand noch einmal mit so hohem Einsatz spielen möchte?

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