Leipzig trägt wieder schwarz: Am Freitag beginnt das XXVIII. Wave-Gotik-Treffen (WGT)

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Wie in jedem Jahr pilgern an Pfingsten wieder Tausende nach Leipzig, um das Wave-Gotik-Treffen (WGT) zu zelebrieren. COMPACT hat dem Festival und der schwarzen Szene in der aktuellen Ausgabe 6/2019 ein Dossier mit dem Titel „Die neuen Romantiker“ gewidmet.

Ein Hauch von Patschuli weht durch den Park am Torhaus Dölitz und vermischt sich mit dem Duft von Lavendelkerzen, frischem Hanfbrot und würzigem Mutzbraten vom Spieß. Von der mit einer Irminsul, der Weltenesche der alten Germanen, geschmückten Bühne dringen mittelalterliche Klänge ans Ohr. Anmutig tanzt eine blonde Schönheit in wallendem Kleid, dazu bläst ein Grobian in rustikalem Wams den Dudelsack. Die junge Frau beginnt zu singen, zauberhaft; die Laute der alten Instrumente sind unterlegt mit einem sanften elektronischen Beat – Tradition und Moderne gehen eine kunstvolle Symbiose ein…

L.E.A.F. im Heidnischen Dorf, 2015. Foto: Autor

Mit dieser Szenerie aus dem Heidnischen Dorf stimmt COMPACT 6/2019 seine Leser in dem Beitrag „Black Celebration“ auf das inzwischen 28. Wave-Gotik-Treffen in Leipzig ein. Der Ort ist ein zentraler Anlaufpunkt des weltweit größten Festivals der schwarzen Szene. Im Mittelpunkt des WGT stehen natürlich die Konzerte – 220 Bands und Künstler sind diesmal dabei – doch das Programm geht weit darüber hinaus. Das besondere Flair machen nicht zuletzt die vielen kleinen und größeren Kulturveranstaltungen, Buchlesungen, Vorträge und Ausstellungen aus, die in jedem Jahr geboten werden – und allesamt im Gesamtpreis von 130 Euro enthalten sind.

Was 1992 als kleine Veranstaltung mit einer Handvoll Bands und etwa 2.000 Besuchern im damaligen „Eiskeller“ im Leipziger Stadtteil Connewitz begann, zieht heute regelmäßig bis zu 20.000 Menschen aus aller Welt an. Und es ist durchaus auch die Suche nach einem romantischen Refugium in gänzlich unromantischen Zeiten, die viele in die sächsische Metropole zieht. Selbst wer sich nicht der schwarzen Szene zugehörig fühlt – den Gothics, Gruftis oder wie auch immer man sie nennen möchte –, wird sich dem mystischen Zauber der schwarzen Pfingsttage nicht entziehen können.

Gruftis in einem Jugendklub in Berlin 1989. Bis zum Wendejahr registrierte die Stasi mehr als 600 Angehörige der Gothic-Szene in der DDR. Foto: imago/Christian Thiel

Die Wurzeln des WGT lassen sich bis in die Spätzeit der ehemaligen DDR zurückverfolgen. Hierzu heißt es in dem Beitrag „Black Celebration“:

Ende der 1980er Jahre bildete sich in Leipzig eine lose Szene junger Leute, die sich, in Anlehnung an die damals im Westen bereits etablierte Wave- und Gothic-Subkultur, schwarz kleideten, die Haare toupierten, Musik von Gruppen wie Depeche Mode oder The Cure hörten. Herübergeschwappt war die neue Welle aus Großbritannien, wo sie Anfang der 1980er als Abspaltung der Punkszene entstand.

Im Englischen bedeutet «gothic» nicht nur «gotisch», sondern auch unheimlich und mystisch, und so entwickelten die schwarzen Romantiker einen Stil, der sich an der Ikonografie von Gothic Novels wie Mary Shelleys Frankenstein und deren filmischen Erben, den Horrorproduktionen der Universal-Studios der 1920er bis 1940er Jahre mit Mimen wie Lon Chaney (Das Phantom der Oper ), Bela Lugosi (Dracula ) und Boris Karloff (Frankensteins Monster ), orientierte: Lange Gewänder, Gehröcke, Totenköpfe, Fledermäuse, blasse Haut mit dunklem Augen-Make-up, alte Gemäuer und Friedhöfe.

Stasi-Chef Erich Mielke sah in den Individualisten, die so gar nicht der verordneten sozialistischen Heiterkeit entsprechen wollten und lieber lange Mäntel als Pionierhemden anzogen, «feindlich-negative Elemente». Die Szene der «Guffins», wie sie der greise Geheimdienstchef in einer Ansprache vor seinen Schergen nannte, sollte durch Repression und Infiltration mit Spitzeln zersetzt werden. Davon zeugt die Sonderausstellung «Kinder der Nacht – unangepasst und überwacht», die die Gedenkstätte Runde Ecke im Gebäude der ehemaligen Leipziger MfS-Bezirksverwaltung am Dittrichring jedes Jahr zu Pfingsten zeigt.
Nach der Wende konnte auch die schwarze Szene ihre neu gewonnene Freiheit auskosten und begann, eigene Konzertveranstaltungen zu organisieren. Das erste WGT im Jahr 1992 wurde rein ehrenamtlich betreut und mit selbstgestalteten Handzetteln beworben. Pro Tag musste man acht D-Mark zahlen. Die Veranstaltung wurde schnell zum Geheimtipp und wuchs kontinuierlich.

Den ganzen Tag über – und natürlich auch in der Nacht – ist beim WGT eigentlich immer irgendwo was los. Frühaufsteher können sich in der Kult-Kneipe Sixtina in der Sternwartenstraße nahe des Wilhelm-Leuschner-Platzes mit einem gepflegten Absinth-Frühstück verköstigen, während es sich für jene, die später aufstehen, weil sie bis spät in die Nacht durch die Clubs gepilgert sind, eher empfiehlt, zur Stärkung im Heidnischen Dorf einzukehren, wo bei Mittelalter-Musik in diversen Schänken nicht nur eine einzigartige Variationsbreite an Met-Sorten kredenzt wird, sondern auch frischer Mutzbraten und andere rustikale Kost. Wer derlei fleischliche Gelüste ablehnt, findet ein paar hundert Meter weiter an der Agra-Halle in Markkleeberg, wo abends die großen Hauptkonzerte stattfinden, einen immer gut besuchten Stand mit dem leckersten vegetarischen Essen weit und breit.

Musikalisch wird auch in diesem Jahr wieder eine große Bandbreite geboten – von Synth- und Futurepop, Elektro, Industrial und Noise über klassische Gothic- und Darkwave-Musik bis zu Postpunk, Coldwave, Düsterrock und Black Metal. Freunde des Neofolk kommen vor allem im Volkspalast (so heißt der Eventpalast auf dem Gelände der Alten Messe immer noch beim WGT) auf ihre Kosten. Die einzelnen Bands und das Gesamtprogramm findet man auf der Internetseite des WGT.

Death in June live in Oslo 2016. Die Neofolk-Pioniere aus Großbritannien machten Tarnuniformen in der Szene populär. Foto: Screenshot Youtube

Über das Genre des Neofolk schreibt unsere Autorin Manja May in ihrem Beitrag „Melancholie in Flecktarn“:

Im Neofolk manifestiert sich – mehr noch als in anderen Subkulturen der schwarzen Szene – eine Abkehr von der modernen Welt mit ihrer Wurzel- und Bindungslosigkeit, ihrer Fixierung auf das Materielle, den Konsum und das Geld. Ähnlichkeiten mit der Jugendbewegung des frühen 20. Jahrhunderts liegen auf der Hand, was sich auch im Kleidungsstil und den Frisuren der Anhänger widerspiegelt: Strenge Scheitel, Kniebund- oder Reiterhosen, Armeejacken mit Tarnmuster, lederne Kartentaschen und martialische Stiefel bei Männern; geflochtene Zöpfe oder strenge Damencuts, Runenschmuck, Röcke, Kleider, aber auch Versatzstücke der Militärmode bei Frauen. In der ruhigen, fast schon meditativen Musik dominieren akustische Gitarren und Schlagwerk, sie transportiert Melancholie, Weltschmerz und Lagerfeuerromantik, in den Texten vieler Gruppen haben überliefertes Brauchtum, Legenden und Sagen eine herausragende Bedeutung, aber auch Apokalyptisches und Abgründiges. Letzteres trifft insbesondere auf die Band Death in June zu.

In unserem achtseitigen Dossier „Die neuen Romantiker“ können Sie folgende Beiträge lesen:

* Black Celebration – Wave-Gotik-Treffen in Leipzig: Das WGT gilt als weltweit größtes Musik- und Kulturfestival der sogenannten schwarzen Szene. Der antimoderne Gestus der Gruftis trifft jedoch nicht überall auf Sympathie.

* Melancholie in Flecktarn – Neofolk im Fadenkreuz: Lagerfeuerromantik mit Klampfe und Trommeln: Im Neofolk zeigt sich die Abkehr von der Moderne am deutlichsten. Oft als rechtsextrem diffamiert, sehen sich Musiker und Anhänger dieser Subkultur mitunter auch gewaltsamen Übergriffen ausgesetzt.

* Erotische Militanz – Schwarze Szene in Uniform: Uniformen sind sexy: In der schwarzen Szene lebt eine Ästhetik fort, die auf die Vergangenheit verweist. Auch dies ist nicht politisch gemeint, sondern künstlerischer Ausdruck einer besonderen Form von düsterer Romantik.

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Über den Autor

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Daniell Pföhringer, Jahrgang 1973, stammt aus Bayern, wuchs in Hamburg auf und studierte dort Politikwissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaften. Seit einigen Jahren lebt er als Unternehmer und freier Publizist in Dresden. Seit Juni 2017 arbeitet er für COMPACT.

17 Kommentare

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    Duis Libero am

    Diese Subkulturen sind nicht meine Welt, aber ich wünsche allen Beteiligten viel Spaß dabei. Überhaupt bin ich in den letzten Jahren maximal tolerant geworden. Solange ich bei meinem Gegenüber in der U-Bahn nicht das Gefühl habe, der könnte mir gleich bei einem Gottesschrei die E***r abschneiden wollen, ist der Mensch, gleich welche Klamotten er trägt, mir schon sofort symphatisch.

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    Fein,mein Kommentar zu den Friedhofs-Gewächsen wurde wegzensiert,konnte man wohl deren zarten Nerven nicht zumuteten. Dabei habe Ich mich noch sehr zurück gehalten.

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    Katzenvater am

    J.h.d.Antifa:
    Weder für Ziegenmist noch anderen Mist findet man beim WGT reißenden Absatz.

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      Katzenvater am

      Willi:
      Was hat das jetzt mit dem WGT zu tun???
      Compact:
      beim (hoffentlich) nächsten Artikel über die S. Szene bitte mal wieder ein aktuelleres Bild verwenden (-;

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      Jeder hasst die Antifa am

      Na das hab ich aber schon anders gesehen,meist geschieht das Kiffen auf Friedhöfen.

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    Katzenvater am

    Ach ja, was für Erinnerungen, der gute alte Katzenvater war knapp 10 Jahre dabei. Das WGT war eine eigene musikalische, kulturelle, optische, nonkonforme und vor allem friedliche Welt. Keine Szene, welche nur im Ansatz so hohe Ansprüche an Qualität, Ästhetik und Individualität stellte. Und dabei doch erfrischend tolerant und null arrogant war. Jahr für Jahr mehr Grufties, dafür immer weniger Polizei, das alleine spricht schon für sich, denn es gab niemals Ärger. Welcher Insider weilte nicht gerne am Werk 2, in der Moritzbastei, im Heidnischen Dorf oder am Völkerschlachtdenkmal?! Die Atmosphäre war stets unpolitisch, erst spät politisierten die Linken die Szene. Ich sehe noch das Banner dort: schwarz statt braun! War aber ein herrliches Eigentor. Was die Klischees angeht: erstmal Einblick erheischen dann urteilen. Der böse Teufel steckt hier nämlich auch nicht im Detail. Danke an Compact, dass sie dieser europäischen Schwarzen Szene eine Bühne boten. Denn leider gibt es selbst im Bereich der Musikmagazine nicht mehr Gehaltvolles wie Sigill, Zinnober, Black oder (welch‘ Kult) Zillo. Und viele Konservative betrachten die Gothics auch mit Argwohn, nicht ahnend, dass diese Szene DIE konservativ-traditionelle Avantgarde an sich ist…

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      Ein seltenes Stück Selbstdenunziation. Ein Jahr dabei hätte man ja noch als Jugendsünde durchgehen lassen können,tsts.

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        Hans Adler am

        Und Sokrates philosophierte: "wenn nur alle so wären wie ich sein sollte" ….

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        Katzenvater am

        Sokrates:
        Lieber auch nur ein Jahr Selbstdenunziation, als ein Lebtag ewiges Spießertum…

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    Bundesregierung gesteht ein: „Hetzjagden-Aussage“ zu Chemnitz beruht ausschließlich auf Medienberichten.

    In der Antwort auf eine AfD-Anfrage gesteht die Bundesregierung ein, dass die „politischen Einordnungen der Bundesregierung“ auf den Berichterstattungen in den Medien „fußen“.

    Relotius ist überall.

    Ferkel ist auf die eigenen NATO-Fake-News reingefallen.

    Wann berichtet COMPACT??

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    Jeder hasst die Antifa am

    Leipzig trägt nicht nur schwarz wegen der Versammlung der Grabsteinlecker.sondern wegen des Wahlergebnis in einer tief Linksgrün versifften Stadt eine Hochburg der Verbrecherorganisation Antifa eine Schande für Sachsen.

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    heidi heidegger am

    "..Die Szene der «Guffins», wie sie der greise Geheimdienstchef in einer Ansprache vor seinen Schergen nannte, sollte durch Repression und Infiltration mit Spitzeln zersetzt werden.."

    *kicher*, da wurde den Spitzeln aber einiges abverlangt: schwarzer Balken aus Schuhcreme quer über die Augen und dann ausschaun wie ein Waschbär? (LOL) Nein, Helmut Schmidt in Hmbg. anno 1980 im Wahlkampf war noch peinlicher: "Diese Pänker (od. Punker mit *u*) dahinten, was wollen die, häh? Die sollen arbeiten und Steuern bezahlen!" 🙂

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      Jeder hasst die Antifa am

      Kommst du jetzt mit deiner schwarzen ZIege nach Leipzig,vergiss bitte nicht fürs Kiffen genug von deinem ZIegenmist mitzubringen du findest reißenden Absatz. Zacknweg

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        heidi heidegger am

        schwarze Ziege? oller Baffomett-aner-watte-biss, hihi..ja, ich werde zwei befüllte Strohsäcke zusammenbinden und über die Ziege legen, den angeleinten Flocky ihr an den Schwanz binden und dann nackich mit nem blickdichten Damenstrumpf aus schwarzer Seide überm Gemächt nach Leiptsch pilgern und dort den Goten den Sadomaoismis predigen..nun zufrieden, häh? LOL

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      Hans Adler am

      Die Punker waren aber meist immer friedlich, einige zwar etwas arbeitsscheu aber keine vermummten und nur in Rotten mutige, Linke Prügel-Pussen.
      Kernansage: "hasse ma ne Mark für mich"? Ne? Arschloch!
      Mein Konter: "kommze bei mich im Garten malochen, krisse auch fünf". Manchmal, wenn ich gut drauf war, gab’s dann auch den Taler. Nur nach einem verschissenen Euro bin ich nie wieder gefragt worden, very strange.

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        heidi heidegger am

        gut. wanns ich bei meinen Berlin-Besuchen in den 80ern (BW-DrückebergerFreunde besuchen und so) nen Garten dabei gehabt hätte, hätte ich auch so gekontert. Aber so blieb mir nur: "Hasse ma ne Makk oder irgendwas?" und ich dann so: "Nee.. Du?" und meine Berlin-Freundin manchmal so: "Glaubsu ich gehe ohne Geld ausm Haus, häh?" 🙂

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