Künder der deutschen Tragödie

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Heute vor 25 Jahren – und damit lange vor Thilo Sarrazin – schlug der Schriftsteller Botho Strauß eine tiefe Schneise in das Dickicht bundesrepublikanischer Gewissheiten. Dass sich ausgerechnet der auf deutschen Bühnen meistgespielte Dramatiker zu einem unverkrampften Rechtssein bekannte, war für das Establishment ein echter Schock.

«Das Echo war gewaltig», so der Soziologe Stefan Breuer nach der Veröffentlichung des Essays «Anschwellender Bocksgesang» in der Spiegel-Ausgabe vom 8. Februar 1993. «Durch alle größeren Tages- und Wochenzeitungen ging ein Rumoren, als habe der Antichrist sein Haupt erhoben, die Sturmglocken wurden geläutet, die Waffenkammern geöffnet und die schwersten Geschütze in Stellung gebracht.» Besonders oft sei dabei der Vorwurf zu lesen gewesen, der Autor «betreibe eine Reaktualisierung von Positionen der Konservativen Revolution und reihe sich damit ein in jene Bestrebungen, die eine Abkehr Deutschlands vom Westen auf ihre Fahnen geschrieben» hätten.

Tatsächlich fiel der Beitrag in eine Zeit, in der die Debatte um die künftige Ausrichtung des wiedervereinigten Deutschlands noch nicht abgeschlossen war. Außenpolitisch sprachen sich viele Ex-DDR-Bürger für Neutralität aus, innenpolitisch wurde die Lage vor allem von den Brandanschlägen auf Asylbewerberunterkünfte in Mölln und Solingen und dem sogenannten Asylkompromiss geprägt, mit dem Bonn die Zuwanderungswelle der frühen 1990er Jahre zum Abebben bringen wollte. In der Bundesrepublik tobte damals ein «Kulturkampf, bei dem es weniger um tatsächliche Konfliktlinien ging, eher um die Imagination einer allmächtigen Rechten durch die Linke», resümierte der Historiker Karlheinz Weißmann 20 Jahre später in der Zeitschrift Sezession. Der Text von Botho Strauß sei von weiten Teilen der selbsternannten Eliten als «Vorzeichen» einer Renaissance konservativen Denkens gedeutet worden, «auch weil er veröffentlicht wurde, als die tonangebenden Kreise aus einer Depression auftauchten», die der unerwartete Zusammenbruch des Ostblocks hinterlassen hatte. Gänzlich falsch lagen Bedenkenträger damit nicht – und wie sich herausstellen sollte, hatte Strauß mit seinem Essay ein Fenster geöffnet und den reichlich vermieften Debattenraum gut durchgelüftet. Der «Anschwellende Bockgesang» markierte eine erste Zäsur im öffentlichen Diskurs, von dem die Neue Rechte, die AfD und außerparlamentarische Gruppen noch heute profitieren.

Wider den Ökonomismus

Dabei war Strauß‘ Zwischenruf alles andere als platter Agitprop, sondern ein sehr anspruchsvoller Text, verrätselt, metaphernreich, sprachlich mitunter verspielt und für ein Publikum mit entsprechendem Bildungshintergrund geschrieben. Der «Bocksgesang» im Titel verwies auf das Tragödientheater in der griechischen Antike, das in Form eines Kultspiels für den Gott Dionysos und dessen Gefolge, die Satyrn mit ihren Bocksfüßen und -hörnern, dargeboten wurde. Strauß hatte also den Anspruch, eine «anschwellende», also zunehmende, Tragik zu beschreiben, allerdings keine altertümliche, sondern jene der Gegenwart, genauer gesagt: der deutschen Gegenwart.

Sein Essay war eine furiose Philippika gegen Liberalismus und Materialismus. Strauß erkannte die Wechselbeziehung von geistiger und ethisch-moralischer Verwahrlosung in der Wohlstandsgesellschaft und der Verachtung gegenüber der eigenen Kultur, Geschichte und Tradition. «Sind wenige reich, so herrscht Korruption und Anmaßung. Ist es das Volk insgesamt, so korrodiert die Substanz. Jedenfalls schützt Wohlhaben nicht vor der Demontage des Systems, dem es sich verdankt», schrieb er. Manchen dämmere es inzwischen, «dass Gesellschaften, bei denen der Ökonomismus nicht im Zentrum aller Antriebe steht, aufgrund ihrer geregelten, glaubensgestützten Bedürfnisbeschränkung im Konfliktfall eine beachtliche Stärke oder gar Überlegenheit zeigen werden».

Hellsichtig sah der Autor schon damals Auseinandersetzungen heraufziehen, «die sich nicht mehr ökonomisch befrieden lassen; bei denen es eine nachteilige Rolle spielen könnte, dass der reiche Westeuropäer sozusagen auch sittlich über seine Verhältnisse gelebt hat, da hier das ‚Machbare‘ am wenigsten an eine Grenze stieß». Wie man dies bewerte, sei gleichgültig, «es wird schwer zu bekämpfen sein: dass die alten Dinge nicht einfach überlebt und tot sind, dass der Mensch, der einzelne wie der Volkszugehörige, nicht einfach nur von heute ist. Zwischen den Kräften des Hergebrachten und denen des ständigen Fortbringens, Abservierens und Auslöschens wird es Krieg geben».

spiegel botho strauß

Eine Erwähnung auf dem Titel war dem «Spiegel» der «Bocksgesang»-Essay 1993 nicht wert. Foto: Der Spiegel

Strauß mahnte: «Wir warnen etwas zu selbstgefällig vor den nationalistischen Strömungen in den osteuropäischen und mittelasiatischen Neu-Staaten. Dass jemand in Tadschikistan [damals war dort gerade ein Bürgerkrieg ausgebrochen]  es als politischen Auftrag begreift, seine Sprache zu erhalten wie wir unsere Gewässer, das verstehen wir nicht mehr. Dass ein Volk sein Sittengesetz gegen andere behaupten will und dafür bereit ist, Blutopfer zu bringen, das verstehen wir nicht mehr und halten es in unserer liberal-libertären Selbstbezogenheit für falsch und verwerflich.» Und er empfahl: «Zuweilen sollte man prüfen, was an der eigenen Toleranz echt und selbständig ist und was sich davon dem verklemmten deutschen Selbsthass verdankt, der die Fremden willkommen heißt, damit hier, in seinem verhassten Vaterland, sich die Verhältnisse endlich zu jener berühmten (‚faschistoiden‘) Kenntlichkeit entpuppen, wie es einst (und heimlich wohl bleibend) in der Verbrecher-Dialektik des linken Terrors hieß.»

Dies war ein Textauszug. Den kompletten Artikel lesen Sie in COMPACT 2/2018: „Stasi 2.0 – Die große Säuberung“. Die erhalten Sie am gut sortierten Kiosk – oder Sie bestellen das Heft hier.

Compact-Magazin Februar 2018 Stasi 2.0

Über den Autor

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Daniell Pföhringer, Jahrgang 1973, stammt aus Bayern, wuchs in Hamburg auf und studierte dort Politikwissenschaft, Soziologie und Kulturwissenschaften. Seit einigen Jahren lebt er als Unternehmer und freier Publizist in Dresden. Seit Juni 2017 arbeitet er für COMPACT.

11 Kommentare

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    Andreas Walter am

    Hier noch ein Beispiel, wie ihr verarscht werdet, jeden Tag:

    "Polizei durchsucht Reichsbürger-Wohnung und findet dieses gigantische Waffenarsenal", auf Der Westen de

    Gigantisch? Na ja, da habe ich schon andere Sachen gesehen. Doch seht euch das Bild mal genau an. Was ich da vor allem sehe ist überwiegend kleine Mengen sehr unterschiedlicher Munition, was ein typisches Zeichen für einen Sammler ist. Aus dem Grund zeigt man auch nur ein Foto, auf dem alle Waffen schon für den Abtransport durch die Polizei verpackt sind. Alles sehr wahrscheinlich überwiegend Kuriositäten und seltene Waffen, für die es darum heute auch kaum noch Munition gibt.

    Suggeriert werden soll durch die Nachricht aber etwas vollkommen anderes. Doch dann hätten sie auch ein anderes Waffenarsenal und andere Munition präsentieren müssen, denn 200 kg Munition wären beim Kaliber 7,62 × 39 mm gerade mal 130 Schuss pro Sturmgewehr, bei 93 Stück. Mit 130 Schuss für ein Sturmgewehr würde ich aber nicht mal vor die Haustür gehen. Von denen Er aber eben kein Einziges vollautomatisches besessen hat, denn die sind auch für Sammler verboten, verstoßen gegen das Waffengesetz, weil Kriegswaffen.

    Bullshitnews also, von der Funke Mediengruppe (auch WAZ), die gegen angeblich Rechte Wind zu machen versucht.

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    brokendriver am

    Arminius (Hermann der Cherusker) statt Allah und sein Hilfsarbeiter Mohammed in Deutschland…

    Wir möchten nicht, das unsere Heimat in ein muslimisch-islamistisches Kalifat mit Mord und Totschlag gegen Christen von CDU-Angela-Merkel verwandelt wird…

    Übrigens: Die Toten werden nach der Schlacht gezählt…..

    Buch-Tipp: Clausewitz…."Vom Kriege" lesenswerter als der Koran….

    Aktueller denn je….in unserer Heimat…

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    historisch-motivierte-dezentrale-Anti-Berlin-Bewegung am

    Versuch, ästhetische und politische Ereignisse zusammenzudenken ?

    Aestetik suchen – in politischen Ereignissen – HEUTE ? – in künstlich erschaffenen Situationen –

    – Migration erzeugen durch Niederhalten von Grenzen
    (ist billiger als Grenzen aufrechterhalten rein personell betrachtet)
    – wird dann um ein 1000-faches teurer für den Steuerzahler (Unterhaltkosten für illegale Einwanderer)
    – bringt Zusatzeinkommen für Politikerkaste (NGO-Geldtöpchen, usw.)

    Die künstlich erzeugten Polit-Szenarien (wie z.B. 9/11 oder die künstliche Migration aus Sysrien ) sind eine neue Art von Trigger-Politik die sich für Politiker hoch auszahlt;

    aber wenn man diese neue Art von Politik näher beschaut,
    dann ist es nur eine neue Art von Darwinismus, der die Spaltung von Arm und Reich beschleunigen soll.

    Die Hin- und Weglenkung von Menschenmassen löst dabei ein mehrdimensionales Moment aus;

    Dürfte aber auch klar sein, dass die GroKo seinen bisherigen Kurs verstärken wird – und die Grenzen nicht nur weiter öffnen, sondern noch größere Anreize an Einladungen ins Ausland senden wird …

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    Michael Höntschel am

    Im Moment ist glaube ich keine Zeit zum philosophieren. Möglicherweise haben es noch nicht alle bemerkt, aber in Syrien bomben gerade wieder Türken, Israelis und die VSA. Man könnte das sicher schöngeistiger verbremen, aber ich nenne das einen Überfall. Jetzt fehlt nur noch ein kleiner Funke in Korea und eine weitere Provokation Russlands (es wurde ja gerade beschlossen, das Hauptquartier für den Russlandfeldzug in Deutschland einzurichten ), dann ist erst Mal Pause für die Debattierclubs.

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      heidi heidegger am

      aber nicht doch! in gefechtspausen wird kalligraphiert undoder ein apfelbäumchen gepflanzt. frag‘ nach, oder lies‘ nach, oder kuck‘ nach beim Kubitschek und beim Elsässer, hihi.

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    Karl Blomquist am

    Trotzdem gibt es Hoffnung
    Den Kulturkampf hat Deutschland bis jetzt verloren

    der letzten 70 bis 100 Jahre, gegen die USA/England und die angloamerikanische Hochfinanz. Die BRD-Eliten wollen US-Kolonie bleiben, mit Schuldkult und allem Drum und Dran. Mit dem (bisherigen) Tiefpunkt der deutschen Geschichte unter der FDJ-Agitprop-Sekretärin.
    Botho Strauß bezieht sich auf die griechische Mythologie und beschreibt die NWO/USA: „Sind wenige reich.“ Die Dinge sind seitdem weit vorangeschritten. Jetzt bleiben uns noch unsere eigenen Göttersagen, die Edda:
    Ragnarök kommt, aber der Stumpf der Weltenesche brennt nicht aus.

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    Sehr klug. Die letzten Deutschen sollten zusammenhalten. Botho Strauß (und sein Sohn) werden vielleicht zu denen gehören, mit denen zusammen der nächste große (und vielleicht bitterste) Überlebenskampf ausgefochten werden kann.

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      Wir haben doch Demokratie, so heißt es jedenfalls …., dann sollte man aber auch die Meinungen und Wünsche von Leuten wie uns akzeptieren und respektieren !

      Wir sind nunmal Deutsche und wlollen das Land, was vor über 70 Jahren zusammen gehauen wurde, und da half uns niemand beim Aufbau, daß haben in erster Linie die deutschen Frauen (ja, mit Kopftüchern, aber gegen den Dreck gegen den Schutt) wieder aufgebaut, denn die Männer waren entzweder tot oder in Gefangenschaft. Und als dann alles wieder aufgebaut war und die Deutschen sich ihren Wohlstand durch harte Arbeit geschaffen hatten, kommen sie nun aus aller Herren Länder her um abzuschöpfen, natürlich OHNE arbeiten zu müssen !

      Es kann einem wirklich nur noch das große Kotzen kommen !

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    DerSchnitter_Maxx am

    Und wenn dann der III WK vorbei ist …. wird -wieder- klargemacht, insistiert, m-ärzählt und hoch- und runter-geleiert werden … die Deutschen waren -wieder- $chuld. Nun ja … wer’s immernoch … glaubt, meint und denkt, dem ist -einfach- nicht mehr zu helfen ! Denn nichts ist so wie es scheint … (noch nicht)

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    Andreas Walter am

    Hat jemand Zugriff auf die Originale folgender Zeitschrift (Frösi):

    "Merkels rote Revolution von oben – 12 Februar 2016 – www.kla.tv", auf YouTube

    Wüsste einfach nur gerne, ob das wahr ist.

    Denn auch die Wahl 2017 hat ja deutlich gezeigt, das Volk will in der Summe einen Rechtsruck.

    Warum ist also jetzt die SPD sogar noch stärker als vorher, bekommt Deutschland jetzt also einen Linksruck?

    Ihr bekommt also genau das Gegenteil von dem, was ihr gewählt habt?

    Wer verarscht hier eigentlich wen? Denn das die SPD genau auf diese Situation spekuliert hat, das habe ich glaube ich sogar hier vor ein paar Monaten geschrieben. Doch haben die sich womöglich schon vorher auch mit den Grünen darüber abgesprochen? Das ist ja schliesslich alles ein und die selbe Brut, und wer weiß, wie sie auch die CDU und CSU womöglich an den Eiern haben. Womöglich über Stasiunterlagen? Was stand nämlich auch in den Rosenholz-Dateien und waren das wirklich alle, die sich die CIA gezogen hat? Wer hat womöglich noch Akten? Über die IM (Am-)Erika.

    "Berlin: Angela Merkel feiert 1987 ausgelassen mit der DDR-Führung", auf YouTube

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    Jürg Rückert am

    Wenn der Prophet Elias leibhaftig in Berlin erschiene, wenn durch die Straßen predigte und der „Demo für alle“ oder dem „Marsch für das Leben“ voran schritte, so würde er nur beschimpft und ausgebrüllt. Er hätte heute keine Chance mehr, denn es sind zu wenig Gerechte in Sodom. Und wenn der Herr seinen eigenen Sohn schickte, die bösen Winzer schlügen ihn tot.
    Diese Regierung fühlt sich nicht mehr ihrem Staatsvolk verpflichtet, sondern einem wandelbaren Weltethos, was sich jeden Tag neu formen darf. Sie regiert jetzt zunehmend repressiv. Will das Volk nicht wie sie will, so muss ihr kleiner Erlkönig mit Jakobinermütze und Schweif Gewalt ausüben.

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