Kim Jung-Un auf historischer Mission: Zum ersten Mal seit dem Koreakrieg 1950–1953 besucht ein Staatschef Nordkoreas den Süden des geteilten Landes. Um 9.30 Uhr ostasiatischer Zeit heute früh überschritt er strahlend die Demarkationslinie in Panmunjom, wo sich die feindlichen Brüder seit über 60 Jahren waffenstarrend gegenüberstehen. Sein südkoreanischer Amtskollege Moon Jae-in empfing ihn direkt an der Grenzlinie. Die beiden tauschten einen langen Händedruck, beide waren sichtlich gerührt. Später trug sich  Kim im Gästebuch des Haus des Friedens südlich der Grenzlinie ein. „Jetzt beginnt eine neue Ära“, schrieb er, “ein Zeitalter des Friedens“.

    Nachdem im letzten Sommer und Herbst die Zeichen noch auf Krieg standen – Trump hatte Nordkorea mit Auslöschung gedroht, Kim mit Atomraketen auf Nordamerika –, kam das Tauwetter umso plötzlicher. Eine wesentliche Rolle spielte China, das einerseits die US-Drohungen immer scharf ablehnte, andererseits aber beständig Druck auf Kim ausübte. Als dieser vor kurzem in Peking zum Staatsbesuch weilte, dürften die Würfel zur aktuellen Öffnung gefallen sein: Kim stellte danach alle atomaren und Raketentests ein und ging damit in Vorleistung.

    Ob die Entspannung auf der Halbinsel von Dauer ist, es sogar zur Wiedervereinigung kommt? Mit Querschüssen vom Tiefen Staat in den USA, also den kriegslüsternen Falken, muss leider gerechnet werden, denn ein befriedetes Gesamtkorea würde zweifellos in die Prosperitätszone des aufstrebenden China abdriften, das wirtschaftspolitisch mehr zu bieten hat als die USA. Trump, der sich im Mai mit Kim treffen will, steht unter mächtigem Druck der Kriegslobby, wie sich gerade erst in Syrien gezeigt hat. Für positive Überraschungen ist dagegen Kim Jong-un gut, der nie der Betonkopf war, als den ihn die westliche Presse gezeichnet hat.

    In einem ausführlichen Portrait in unserer COMPACT-Spezial “USA gegen China: Endkampf um die Neue Weltordnung” war zu lesen: “Nach dem Tod seines Vaters am 17. Dezember 2011, der das Land 17 Jahre lang regiert hatte, übernahm «Dr. Seltsam junior», wie das Handelsblatt ihn damals nannte, die Regierungsgeschäfte. Schon bald wurde deutlich, dass er mit der Art und Weise, wie er sich in der Öffentlichkeit darstellte, völlig mit seinem Vater und seinem Großvater Kim Il-sung brach. Die Fernsehbilder des nordkoreanischen Machthabers mit seiner jungen Frau Ri Sol-ju in Unterhaltungsparks oder mit Otterfellmütze in einem Sessellift des von ihm initiierten Skigebiets Masik-Ryong, in dem österreichische Gondeln die Wintersportler auf fast 1.400 Meter hoch gelegene Pisten mit atemberaubenden Ausblick auf das Japanische Meer bringen, zeigen einen Mann, der ganz und gar im 21. Jahrhundert angekommen ist. Lange wurde Kim Jong-un auch in deutschen Medien als reine Marionette des Militärs dargestellt. Davon kann mittlerweile keine Rede mehr sein, die Herrschaft des jungen Staatsführers gilt als konsolidiert. Ein starker Beweis dafür war die Einberufung eines Parteitages im Mai 2016 – des ersten seit dem Jahr 1980. Dieser Schritt verlangte ein gehöriges Maß an Selbstvertrauen, denn ein solches Großereignis mit 3.000 Delegierten ist nicht vollständig planbar. Der Kongress in der Hauptstadt Pjöngjang wurde aber gerade zum Machtbeweis für Kim, der hier seine neue Strategie des Byungjin verkündete: des gleichzeitigen Ausbaus des Atomarsenals bei einer verstärkten Entwicklung der Wirtschaft. Letzteres ist weit mehr als nur ein Lippenbekenntnis.

    Compact-Spezial Nr. 16 USA gegen China
    Compact-Spezial USA gegen China

    Der ausgewiesene Landeskenner Rüdiger Frank, Professor für Ökonomie an der Universität Wien und Autor des Standardwerks “Nordkorea – Innenansichten eines totalen Staates” (2014), stellte fest, dass Kim «totale Unterordnung» erwarte, sich «im Gegenzug» aber auch «in der Verantwortung» sehe, den Menschen «Wohlstand und Sicherheit zu bieten». Frank gehört zu den wenigen westlichen Repräsentanten, die einen kritischen Dialog mit Pjöngjang zu führen bereit sind. Die Offiziellen schätzen ihn als unvoreingenommenen Experten, obwohl er keinen Zweifel daran lässt, dass er Nordkorea für ein diktatorisch regiertes Land hält, dessen Ideologie er nicht teilt, aber eben auch Zwischentöne zu vernehmen weiß, und Fake News, wie sie in den westlichen Medien oft auftauchen, konsequent entgegentritt.”

    Lesen Sie weitere Artikel zur Wirtschaftspolitik von Kim sowie einen faszinierenden Reisebericht aus Nordkorea in COMPACT-Spezial “USA gegen China: Endkampf um die Neue Weltordnung”.

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