Warum „Bild“ abstürzt – Interview mit Peter Bartels („Bild“ Ex-Chefredakteur). Bartels spricht auf d. COMPACT-Konferenz, Oktober in Köln

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Wir geben nicht nach! Die diesjährige COMPACT-Konferenz findet doch statt! Nach ihrer erzwungen Absage in Köln setzen wir sie neu an: am 5. November in Berlin. Auf zur COMPACT-Konferenz für Meinungsfreiheit!


Peter Bartels ist seit 50 Jahren Journalist, davon 17 Jahre bei der «Bild». 1974 wurde er Unterhaltungschef in der Hamburger Zentralredaktion und begann seinen Aufstieg im Springer-Konzern. Von 1989 bis 1991 war er zusammen mit Hans-Hermann Tiedje Chefredakteur von «Bild» – in der spannenden Zeit der Wiedervereinigung, als das Blatt noch fünf Millionen Auflage hatte. Im Frühjahr ist sein Buch «Bild – Ex-Chefredakteur enthüllt die Wahrheit über den Niedergang einer einst großen Zeitung» erschienen (Kopp Verlag, 255 Seiten, 19,95 Euro). – Das Interview wurde von Arne Fischer geführt.

Peter Bartels wird in einem Gespräch mit Jürgen Elsässer auf der COMPACT-Europakonferenz 2016 teilnehmen. Aus diesem Anlass veröffentlichen wir Auszüge aus einem Interview, das Sie vollständig COMPACT 9/2016 lesen können – hier bestellen

COMPACT: Ihr Buch liest sich weitgehend wie eine Abrechnung mit Kai Diekmann, Ihrem Nachfolger in der Chefredaktion zwischen 2001 und 2015. Was hat Diekmann – Spitzname «Kaischi» – denn falsch gemacht?

Peter Bartels: So ziemlich alles. Wobei er eigentlich ganz gut losgelegt hat: Er hat in seinem ersten Quartal ordentlich Plus gemacht, wurde damals jedenfalls an den Auflagenkontrolldienst IVW gemeldet. Er nahm das angeblich zum Anlass, durch die Redaktion zu trompeten: «Jetzt haben wir’s geschafft!»

C: Also, was waren seine entscheidenden Fehler?

P.B.: Viele. Er fing schon früh an, eigentlich sofort, ein Blatt für Leute zu machen, die er nicht hatte. Wenn Du ein Massenblatt machst, dann machst Du ein Blatt für die Masse, nach Möglichkeit die Mehrheit der Masse. Und diese Mehrheit bei Bild ist immer «älter». Sie fängt bei 30, vielleicht 35 an, frühestens. Diekmann aber hat fast immer ein Blatt für jüngere Leser gemacht, manchmal wie für Schülerzeitungsleser. Es reicht nicht, wenn man ab und zu eine Rentengeschichte bringt und sich danach leicht angeekelt zurücklehnt: «So, jetzt habe ich mal was für die alten Säcke getan, Schnauze.» Die «Alten» wittern das. Im Übrigen: Vor 50 denkt in Deutschland eh keine Sau an Rente. Die, die es betrifft, haben längst Rente, den anderen geht´s am Arsch vorbei. Mit 40 wird man bekanntlich nie alt, höchstens die anderen.

(…)

C: Zum Glück für den Leser macht «Bild» ja in großem Stil Politik – Kommentare, Interviews, Berichte, vieles sogar exklusiv!

P.B.: Diekmanns nächster Fehler: Kaischi hat nie begriffen, dass Politik in einem Massenblatt ein verminter Bereich ist. Die Leute sagen zwar bei jeder neuen Marktforschung: «Politik ist gaaanz wichtig.» Aber tatsächlich interessiert es sie einen feuchten Kehricht – von Oberlehrern, Bürgermeistern, Gewerkschaftern mal abgesehen. Bei der Masse kommt Politik in Wahrheit unter «ferner liefen». Andrea Berg ist wichtig, Herbert Grönemeyer, der «Alpen-Elvis» Gabalier, Klatsch und Tratsch – Trash, nicht Politik. Aber so ist das nun mal: Wenn einer Schweineschnitzel will, kann ich ihm kein Hammelkotelett verkaufen. Es ist nicht wichtig, was dem Chefredakteur gefällt – dem Leser muss es gefallen.

C: Aber Politik betrifft doch alle Menschen…

P.B.: Boulevard-Leser nur bei Wahlen… Das hat seinen guten, meinetwegen schlechten Grund: Kaufleser sind schnelle Leser. Die Zeitung tischt ihnen ein politisches Problem auf, der Leser schluckt es – vielleicht – zwei, drei Tage. Aber keine Monate, wie bei Diekmanns Pleite-Hellenen, die einfach nicht genug Steuern von ihren Griechen «griechen» (Bild). Nach ein, zwei Polit-Stories haben die Leser «fertig». In der wirklichen Politik geht es aber dann erst los: Plenum, Debatten, «McCarthy-Talkshows», keifend, knurrend, hufescharrend, bis in die Nacht… Und ein strichlippiger Steinmeier schwafelt, ohne ein einziges Wort zu sagen, Tagesschau und Heute-Journal zu… Und am nächsten Tag labert Bild seine letzten Leser auch noch anderthalb Bleiwüsten-Seiten lang mit einem französischen Lambetta-Präsidenten voll. Und der eitle Kaischi enthüllt nicht mal, dass der Figaro das Resthaar des Präsidenten fünfmal täglich kämmen, legen und föhnen muss, dafür aber 9.000 Euro Staatsknete kassiert…

(…)

C: Besonders dramatisch war der Absturz von «Bild» letztes Jahr, als die Zwei-Millionen-Grenze nach unten durchbrochen wurde…

P.B.: Kai Diekmann hat drei Schallmauern durchbrochen: vier Millionen, drei Millionen, zwei Millionen. Darum nenne ich ihn den «Undertaker»: Er ist der Totengräber von Bild. Sein vorerst letzter Fehler begann, als er 2015 anfing, dem Mainstream in den Arsch zu kriechen und seine Leser erst zu beschimpfen, dann zu vertreiben. Weit über eine Million nicht registrierter Flüchtlinge fluteten die von Honeckers Musterschülerin Merkel geöffneten Grenzen. Und Diekmann sagt «Welcome!», sogar in extra 40.000 auf Arabisch gedruckten Blöd-Zeitungen – und verschenkt sie an Moslems, die nicht lesen können, weil sie´s nicht gelernt haben.

C: Dieser Spruch «Say it loud, say it clear, refugees are welcome here!» – ist der von «Bild»?

P.B.: Keine Ahnung. Aber der Spruch «Wir schaffen das» ist von Moslem-Muttchen Merkel. Diesen Spruch kannte sie aus der DDR. «Das schaffen wir» schalmeiten damals ZK und Neues Deutschland unisono zu allen Fünfjahresplänen. Und Diekmann wieselte der Wessi-Version eilfertig hinterher: «Jawoll, wir schaffen das!» Jeder sah in der Tagesschau die Heerscharen junger, schicker Männer mit Smartphone am gepiercten Ohr. «Da kommen die, die unsere Renten retten. Fast alles Ingenieure, Ärzte, Akademiker», so oder so ähnlich ließ Diekmann wider besseres Wissen seine Redakteure schreiben. Jeder Deutsche wusste sehr, sehr bald: 80 Prozent haben nicht mal drei Schuljährchen im Tornister. Aber «das Kaischi» startete die Aktion «Refugees welcome». Und ist damit gnadenlos auf die Schnauze gefallen! Er fand sogar die Türken toll, bis «Erdowahn» auch die Dogan-Holding anfing, windelweich zu prügeln, an der doch Springer so schön beteiligt ist. Irgendwann fing Bild dann an, die Montagsspaziergänge von Pegida in Dresden zu kritisieren… Da liefen Tausende durch die Stadt, und Diekmann glaubte ausgerechnet den Reportern, deren Väter wegen genau solcher Spaziergänger die ganze, schöne DDR verloren hatten. Schlimmer: Er nannte diese Spaziergänger bald nur noch Dunkeldeutsche, Pack, Nazis. Weihnachten sangen sie an der Elbe nicht «Stille Nacht», sie «grölten»! Nazis eben… Bild riss sie aus Facebook raus, brachte Schlagzeilen und Doppelseiten, stellte sie an den Bild-Pranger, um zu «beweisen», was für Schwachmaten da ihre Wut, ihre Angst rausstammelten, von wegen Migranten-Invasion. Aber: Das waren alles Leser, vor allem auch Bild-Leser! Und für so ein Blatt sollten sie auch noch fast zwei Mark – 90 Cent – bezahlen? Wenn meine Frau mich in den Arsch tritt, tut es ebenfalls weh, aber es kostet wenigstens kein Geld! Es war einfach instinktlos, was Diekmann da mit seiner Redaktion gemacht hat. Die Herren Großverdiener haben vertrieben, wovon sie lebten – ihre Gehaltszahler, die Leser!

C: Aber wenn’s doch aus Sicht des Mainstreams und der «Bild» tatsächlich alles nach Pack aussah? Sogar SPD-Chef Sigmar Gabriel hat´s doch gesagt…

P.B.: Ob Gabriel oder Diekmann – sie müssen vorerst mit dem Volk leben, das sie haben – Pack hin, Pack her. Gabriel kriegt seine Quittung nächstes Jahr. Diekmann hat die ersten beiden finalen Quartals-Quittungen schon kassiert. Man wird sehen, wie lange Friede [Springer] zusieht, wie einer das Lebenswerk ihres Mannes verjuckelt. Wissen Sie, wenn ich die Welt retten will, werde ich Gandhi. Oder vielleicht Papa Theresa. Wenn ich ein linkes Blatt machen will, dann mache ich die Alpen-Pravda Süddeutsche oder den Spiegel. Wenn ich Bild machen will, dann muss ich ein Blatt für die Mitte machen – etwas rechts, etwas links, ansonsten Mitte. Die Deutschen waren nie links oder rechts, sie waren immer sowohl als auch. Konservativ.




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