Kindesmissbrauch in Lügde – Beweismittel spurlos verschwunden

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Nein, das kann man weder erfinden noch sich ausdenken. Und dennoch ist es passiert. Der aufsehenerregende Fall von Kindesmissbrauch in nicht vorstellbarer Dimension fand in der gestrigen Pressekonferenz eine kaum noch steigerbare Größenordnung. Der Nordrheinwestfälische Innenminister Herbert Reul (CDU) teilte mit, dass aus den Räumen der Ermittlungsbehörde die Beweismittel spurlos verschwunden sind.

Dabei handelt es sich um beschlagnahmte Datenträger kinderpornographischer Fotos in der Größenordnung von unfassbaren 14 Terrabyte. Offenkundig wurde ein silberner Koffer mit etwa 155 CD’s vor mehreren Wochen unter dem Hintern der Kriminalisten entwendet. Was Herr Reul lapidar und in schwerwiegenden Kriminalfällen üblicher Betroffenheitsmiene zu sagen hatte, sprengt jede Vorstellungkraft und hat in Wahrheit das Zeug, zum größten Polizeiskandal Deutschlands zu avancieren.

Irgendjemand hat nahezu alle Beweisstücke aus der normalerweise gut gesicherten Asservatenkammer geklaut und aus der Kreispolizeibehörde geschleust. Ganze drei CD’s waren bis jetzt von einem Beamten „gesichtet“, jedoch nicht „gesichert“ worden, erklärt Landeskriminaldirektor Dieter Schürman, und räumt ein, dass der Ermittler für diese Tätigkeit eigentlich gar nicht qualifiziert gewesen sei. Unmöglich geglaubtes wurde von der Realität übertroffen.

Derzeit sitzen drei Männer in Untersuchungshaft, die Ende Januar festgenommen wurden. Seit 2008 soll der Haupttäter Kinder missbraucht haben. In der damaligen Pressekonferenz war von mehr als 1000 Einzeltaten die Rede, bei der die vortragenden Ermittler den Tränen nahe waren, als sie vom gesicherten Bildmaterial und der ersten Sichtung berichteten. Schnell war den Kriminalbeamten klar, dass der 56-jährige Haupttäter Andreas V. gleichzeitig einen schwunghaften Handel mit kinderpornographischen Fotos, Filmen und Abbildungen betrieben hat. Dem zweiten, ebenfalls in Haft sitzenden Täter, der 33 Jahre alte Mario S aus Steinheim bei Höxter, wird ebenfalls vielfacher Kindesmissbrauch vorgeworfen. Die Polizei konnte einen weiteren 48-jährigen Verdächtigen aus Stade festnehmen, der via Life-Chats die abartigen Sexualdelikte an Kinder mitverfolgte.

Zur Erinnerung: Der alleinstehende Andreas V. lebte mit seiner „Pflegetochter“ auf einer verdreckten Parzelle eines Campingplatzes in einer heruntergekommenen Unterkunft, die eher den Begriff Drecksloch verdient. Beinahe 10 Jahre lang hat er dort regelmäßig über 30 Kinder schwerstens missbraucht und dabei gefilmt und abgelichtet. Am 10. Und 11. Januar schlugen die Ermittler endlich zu und beendeten die grausamen Misshandlungen. Die Tatsache, dass erst nach mehr als 10 Jahren der Zugriff erfolgte, hat eine Vorgeschichte, die jeder Mutter, jeden Vater, ja, jeden Bürger nicht nur sprach- und fassungslos macht, sie untergräbt das ohnehin schon angeschlagene Behördenvertrauen.

Der Fall erschütterte selbst erfahrene Ermittler. „Bei der Auswertung der sichergestellten Beweismittel und bei den Anhörungen der Kinder kamen perfide Einzelheiten zu Tage“, sagt Gunnar Weiß in der Pressekonferenz, Leiter der Ermittlungsgruppe „Campingplatz“. Heute wissen wir, dass auch seinen Worten kaum noch Glauben geschenkt werden darf. Denn wie kann es sein, dass ein leitender Kriminalbeamter von „Auswertung“ spricht, wenn bis heute nur drei CD’s „ eine grobe „Sichtung“ erfahren haben. Schwamm drüber, könnte man sagen, wenn der ganze, ekelerregende Fall noch durch die zuständigen Jugendämter ihre traurige Krönung getoppt würde. Denn eines ist klar. Die eigebundenen Jugendämter im Kreis Lippe und Hameln-Pyrmont haben dem allein auf einem Campingplatz lebenden und arbeitslosen Andreas V. regelmäßig Kinder in dessen Obhut gegeben, wohl wissend um dessen Lebensumstände.

Es ist für jeden unbegreiflich, dass ausgerechnet Jugendbehörden, deren primäre Aufgabe es ist, sich für das Kindeswohl einzusetzen, einem arbeitslosen Sozialhilfe-Empfänger vorzugsweise kleine Mädchen überlassen. Ganze drei Besuche haben die verantwortlichen „Sachbearbeiter“ dem Kinderschänder abgestattet und scheinbar alles in Ordnung gefunden. Doch nun kommt die Sache richtig ins Rutschen. Die Staatsanwaltschaft Detmold ermittelt nun gegen mehrere Mitarbeiter der Jugendämter. Denn seit 2016 gab es schwerwiegende Hinweise, dass auf dem Campingplatz irgendetwas nicht in Ordnung sein kann.

Am Dienstag musste der Hamelner Landrat Tjark Bartels zugeben, dass der Leiter des Jugendamtes nach der Verhaftung von Andreas V und seine Kumpane Akten manipuliert, geschönt, geändert, teilweise sogar rückdatiert hat. Scheinbar hat die Behördenhütte lichterloh gebrannt und wollte mit Vertuschungen Strafrelevantes zurechtbiegen. Inzwischen ist der Jugendamtsleiter vom Dienst mit sofortiger Wirkung suspendiert.

Doch zurück zu unserer Asservatenkammer der Polizeibehörde und dem verschwundenen CD-Koffer. Sie zwingen geradezu, sich über das Motiv des Diebstahles mehr als nur die klassischen kriminalistischen Überlegungen anzustellen. Man darf gespannt sein, ob die eingesetzten Sonderermittler ihre Kollegen über dem Rost braten. Es ist schlechterdings undenkbar, dass ein Täter alleine gehandelt hat, zumal durchgesickert ist, dass auch gegen zwei Lipper Polizisten ermittelt wird. Hier wird ermittelt, ob es persönliche Verbindungen zu den Kinderschändern gibt.

Doch es ergeben sich aus meiner Sicht noch ganz andere Fragen: Sind auf den brisanten Bild- und Filmsequenzen Polizisten oder gar Mitarbeiter des Jugendamtes zu erkennen? Wurden sie geschmiert? Sind sie möglicherweise an den Verbrechen an den Kindern beteiligt? Geht die Sache vielleicht noch weiter in die gehobene Hierarchie der Polizeibehörde? Wer sonst, außer den „Beteiligten“ in diesem Fall – außer den festgesetzten Tätern -, könnte ein solches Risiko eingehen, als der Asservatenkammer die Beweismittel verschwinden zu lassen.

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Welcher Außenstehende weiß schon, wo sich die gesicherten Beweise gerade befinden? Orts- und Sach- und Fallkenntnisse innerhalb der Behörde sind zwingende Voraussetzung einerseits, wie auch verdachtsfreie Personen, die in den Fluren der Polizeibehörde nicht auffallen. Mitarbeiter des Jugendamtes? Polizisten? Oder konzertierte Aktion. Ich bleibe dabei, der Lügde und der massive Kindesmissbrauch sowie der schwunghafte Handel mit Kinderpornos hat die Sprengkraft, nicht nur den Innenminister von Nordrhein-Westfalen in die Wüste zu schicken.

Über den Autor

Jürgen Elsässer

Jürgen Elsässer, Jahrgang 1957, arbeitete seit Mitte der neunziger Jahre vorwiegend für linke Medien wie Junge Welt, Konkret, Freitag, Neues Deutschland. Nachdem dort das Meinungsklima immer restriktiver wurde, ging er unabhängige Wege. Heute ist er Chefredakteur von COMPACT-Magazin. Alle Onlineartikel des Autors

20 Kommentare

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    Was es in diesem Rechts-Staat nicht geben darf, gibt es auch nicht. Wir leben schließlich in einer lupenreinen Demokratur!

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    Gestern Abend dazu in den Nachrichten.
    Speach der Sprecherin.

    Die Asservatenkammer sei nicht abgesperrt gewesen. Warum auch? Sind ja nur Beweismittel.
    Die Auswertung der drei bislang gesichteten Datenträger habe ein Azubi vorgenommen.
    Auf den gesicherten Datenträgern seien eh nur nicht verfahrensrelevante Systemdaten.
    Und das weiß man, ob wohl nur ein Bruchteil gesichtet ist. Na ja.
    Als erste Konsequenz hat man irgendeinen Beamten suspendiert.
    Aber wer hat denn über Jahre hinweg die Polizei materiell, in der Aus- und Fortbildung usw. kaputt gespart und personell ausbluten lassen.
    Man sehe sich nur deren Millionen an Überstunden an. Die pfeifen in der Exekutive doch alle auf dem letzten Loch.
    Aber wen interessiert das? Niemanden.
    Jetzt kommt neben dem normalen Alltagswahnsinn auch die Kontrolle der ach so wichtigen ökologischen Fahrverbotszonen in den Städten dazu.

    Das hat die Politik zu verantworten.
    Wie sind in den Behörden die Führungspositionen besetzt?
    Mit Parteibuchkräften. Noch Fragen?

    Irgendwann musste so etwas passieren, wenn die einfachsten Kontrollmechanismen nicht mehr funktionieren, diese aufgegeben werden bzw. politisch nicht mehr zeitgemäß sind.

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    Tja,die Polizei,dein Freund und Helfer, stand in meinem Schubuch. Gelegentlich stimmt es.

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    Rumpelstielz am

    Wenn da man nicht der Stasistaat und Linksgrüne Pädokriminelle beteiligt waren. DerSchnitter_Maxx hat das erkannt, da sind die ganzen Bonzen drin – Dutroux lässt grüßen. Auch da Beziehungen bis ins Königshaus. Kein Wunder – Wolkenkucksheime wo man geht und steht.
    Man kommt sich vor wie ein Wirtsvolk an dem sich einige bedienen. So ein Zugriff gelingt nur Leuten die sich einig sind im Wegschauen – kein Einzeltäter kann das. Wo bleibt der Austausch der gesamten Amtsinsassen wegen Verdunkelungsgefahr.
    Fragen über Fragen

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    Die Frage ist doch immer Cui Bono, wem nützt das Verschwinden der Beweismittel? Die Anzahl der Personen, die Zugang zu der Asservatenkammer haben, ist sehr übersichtlich. Hinter der Sache steht mehr, als wir uns heute vorstellen können. Die Affäre reicht mit Sicherheit in die aller höchsten Kreise von Politik und Wirtschaft. Immer nach Afghanistan zu fliegen ist halt doch auf die Dauer zu unbequem. Bacha Bazi ist jedenfalls kein bayerische Ausdruck für einen Bazi, der in den Bach pinkelt. Wer sich die Afghanistanbesucher auf der Liste der Bundeswehr Flugbereitschaft ( Korruption Airways) anschaut, kommt der Sache näher.

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    Es war wieder einmal völlig klar, dass man vorwiegend Bauernopfer über die Klinge springen lässt.
    Auch wenn es möglicherweise richtig ist, dass der zuständige Leiter der Kripo geschasst wurde, so war es vor nicht allzulanger Zeit noch höchst üblich, dass auch politisch Verantwortliche ihr Amt zur Verfügung stellen.
    Bei einem derartigen Skandal hätte der nordrhein-westfälische Innenminister und unglaubliche Sympathieträger Herbert Reul längst seinen Hut nehmen müssen.
    AfD-Bashing reicht halt nicht aus, um für ein derartiges Amt qualifiziert zu sein.
    Oder doch?

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    Ja, da kommt man schon ins Grübeln. Und dabei stellt sich auch unweigerlich die Frage: „wem, aus diesem Kreis der Polizisten lag besonders daran, dieses äußerst wichtige Beweismaterial verschwinden zu lassen? Und: vor allem, warum? Man möchte fast glauben, dass die dortige Polizei irgendetwas zu verschleiern versucht. Stutzig macht auch die Tatsache, dass schon im Jahre 2016 eine Mutter bei eben dieser Dienststelle eine Anzeige machte. Dort gab man ihr zu verstehen, dass sie mit einer Verleumdungsklage rechnen könnte, hielte sie weiter an dieser Behauptung fest. Dubioser geht‘s nun wirklich nicht mehr, oder?
    Vielleicht dienen diese, aus der Asservatenkammer verschwundenen Datenträger mit reichlich Bild- und Filmmaterial, dem Einen oder Anderen Polizeibeamten jener Dienststelle, zur ganz persönlichen Befriedigung. Man weiß es nicht!
    Man weiß es nicht!

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    Das Pizzagate des Merkelismus? Könnte wohl so sein. Strafvereitelung im Amt durch die Polizei, gar Beweisvernichtung, folglich können da nicht nur niedere örtliche Chargen involviert sein. Man sollte sich die Polizeiführung und ihre Verstrickungen mit Richtern und Staatsanwälten des Bezirks mal näher ansehen. Sind die evtl. Kunden des Päderasten-Campingplatzes gewesen? Was ist mit den Jugendämtern aus 2 Amtsbezirken? Sind gar Politiker verwickelt? Der CDU, der SPD, gar der Grünen? Nur Lokalpolitiker oder Landespolitiker der selbsternannten "staatstragenden ‚demokratischen‘ Parteien"?
    Eines dürfte gewiß sein: Die gelenkten Staatsanwaltschaften werden die Ermittlungen niederschlagen, sobald diese den auftraggebenden Kräften aus Behörden und Politik zu nahe kommen. Hier müssen Sonderermittler von außerhalb des NRW-Filzes ran!

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    Das erinnert stark an Dutroux (Belgien), vielleicht geht der Fall über Ländergrenzen. Es würde mich nicht wundern, wenn die Verdächtigen "Selbstmord" begehen.

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    Lila Luxemburg am

    "Geht die Sache vielleicht noch weiter in die gehobene Hierarchie der Polizeibehörde?"

    Ist diese Frage ernst gemeint?? An die, die dabei die Fäden gezogen haben, wird man so wenig herangehen wie das etwa bei Dutroux der Fall gewesen ist. Und wer Pech hat … ist möglicherweise in irgendeiner Weise ‚Zeuge‘ gewesen – nicht mal unmittelbar der Taten, sondern einfach nur der Art, daß er von den tatsächlichen Tätergruppen für ‚gefährlich‘ gehalten werden kann. Und dann … werden wir alle Zeugen sein können: Des nächsten großen ‚Zeugensterbens‘ nach dem NSU-Fall.

    Fazit: Wir werden von Satanisten und Kinderschändern regiert – und das wird auch so bleiben. Weil ‚der Wähler‘ es so will! Und damit ist alles über ‚den Wähler‘ gesagt was es über ihn zu sagen gibt.

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    Michael Theren am

    Die globale Elite; eine messianische Endzeitsekte mit satanischen pädophilen Foltertodritualen, Beweise gibt es genügend, man mag es nur nicht glauben, man will es nicht glauben, man darf es nicht glauben….

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    Jeder hasst die Antifa am

    Beweismittel verschwunden, ob da nicht eine gewisse Partei dahinter steckt welche einen Grünen Anstrich hat

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    Michael Höntschel am

    Wie die Bilder sich gleichen. Da erinnere ich mich doch an die mit riesigen Aufwand vor wenigen Jahren vorbereitete und durchgeführte Aktion gegen Kinderpornographie im Internet, Hausdurchsuchungen usw. – offenbar ohne wirkliche Resultate. Da denke ich an die ständigen Missbrauchsfälle in der Kirche – offenbar ohne ernsthafte Konsequenzen. Und nicht zuletzt an den Fall Dutroux in Belgien, mit vielen tödlich verunfallten Zeugen. Zeugen scheinen heute allgemein keine hohe Lebenserwartung zu haben, ich denke da an NSU, Kiesewetter und den Fall Peggy, der meines Wissens ja erst den Uwes untergeschoben werden sollte und dann doch eher auf einen Kindermissbrauchs-Ring hindeutete. Da hört man auch nichts mehr. Aber wie wir wissen sind diese Verbrecher ja nicht nur in der Unterschicht zu finden.

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      Lila Luxemburg am

      "Und nicht zuletzt an den Fall Dutroux in Belgien, mit vielen tödlich verunfallten Zeugen."

      Für jeden, den es interessiert: Marc Dutroux und die toten Zeugen – einfach in die Suchmaschine und dann selber sehen!

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    Sachsendreier am

    Genau die gleichen Überlegungen stellt der mündige Bürger an, seit das merkwürdige Verschwinden dieser Beweise ans Licht kam. Nicht nur, weil es bereits genug Thriller gab, in denen genau solche Vorkommnisse dargestellt wurden. (Die in Filmen natürlich stets dank Eingreifen unermüdlich rechtschaffener Polizisten zum Beenden der Korruption und zum Abstrafen der dafür Verantwortlichen führten).
    Nein, man ist mittlerweile so skeptisch geworden, dass man es nicht vermeiden kann, vorwiegend schlimme innere Bilder zu erzeugen. Der Glaube an Rechtstaatlichkeit hat bei einem Großteil der Bürger in den letzten Jahren enormen Schaden genommen.

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    Der silberne Koffer war sicherlich Goldeswert
    für einige wichtige und hochrangige Persoenlichkeiten.

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    DerSchnitter_Maxx am

    Wenn Beweismittel verschwinden … ist -immer- der Siff-Staat involviert ! 😉

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