Auflagensturz und Trendwechsel – die wundersame Wandlung eines Massenblattes: Warum bei Bild die Kampfparole «Refugees welcome» ausgedient hat. (Es folgen Ausschnitte aus COMPACT-Magazin August 2018, hier zu bestellen)

    _ von Rüdiger Lehnhoff

    Wähler können inländerfeindliche Parteien durch Stimmentzug abstrafen – und Leser flüchtlingsbegeisterte Zeitungen durch Kaufboykott. Bei der Bundestagswahl haben das die Altparteien durch den triumphalen Wahlerfolg der AfD erfahren müssen. Eine ähnliche Erfahrung machte die Bild-Zeitung, nachdem sie sich zum peinlich-penetranten «Refugees welcome»-Propagandaorgan entwickelt hatte.

    Seid umschlungen, Millionen!

    Am 29. August 2015 – und damit noch vor Merkels offizieller Grenzöffnung für die in Ungarn gestrandeten Invasoren aus Syrien und anderswo in der Nacht vom 4. auf den 5. September – stellte das Springer-Blatt seine Kampagne «Wir helfen – #refugeeswelcome» vor. Als wäre der Text im Kanzleramt formuliert worden, hieß es theatralisch: «Hunderttausende auf der Flucht. Männer, Frauen, Kinder in Not! Mit der Aktion ”Wir helfen” will Bild ein Zeichen der Menschlichkeit setzen. Wir wollen zeigen, dass Schreihälse und Fremdenhasser nicht in unserem Namen grölen! Dass Deutschland ein Herz hat für Menschen, die Hilfe brauchen!» Das Logo lag später als Aufkleber den Druckausgaben der Zeitung bei und sollte über soziale Netzwerke wie Facebook, Instagram und Twitter mit dem Hashtag #refugeeswelcome massenhaft verbreitet werden.

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    Am Morgen nach der Grenzöffnung erschien das Boulevardblatt mit einer Heulstory, die die vermeintlich humanitäre Geste Merkels mit einem passenden Foto begleitete: Ein toter Junge, Aylan aus Syrien, lag an einem Strand im türkischen Bodrum, ertrunken bei der angeblichen Flucht nach Griechenland. «Kann ein einziges Foto die Welt verändern?», fragte die Bild-Zeitung. Und weiter: «Bilder wie dieses sind schändlich alltäglich geworden. Wir ertragen sie nicht mehr, aber wir wollen, wir müssen sie zeigen, denn sie dokumentieren das historische Versagen unserer Zivilisation. (…) Es gab in jeder Krise (…) Bilder, (…) die so stark waren, dass politische und wirtschaftliche Interessen vorübergehend in den Hintergrund rückten. Bilder, bei denen Wegschauen einem Verrat an der Menschlichkeit glich.» Später stellte sich heraus, dass die Familie des toten Aylan schon lange in Sicherheit in der Türkei gelebt hatte und die waghalsige Schlauchboot-Expedition des Vaters über die Ägäis vermutlich vom Wunsch nach einer günstigen Zahnbehandlung in den Refugees-welcome-Ländern motiviert war.

    Sprachrohr des Multikulti-Establishments

    Natürlich war das politische Berlin von der Kampagne entzückt. Anstatt sich um die Einsatzfähigkeit der Bundeswehr zu kümmern, jubelte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU): «”Wir helfen” ist eine großartige Initiative. Jeder kann beitragen, dass sich diese Menschen in Not bei uns würdig aufgenommen fühlen. Die Bundeswehr unterstützt mit Schlafplätzen in Kasernen und vielen weiteren Diensten. Zehntausende Bürgerinnen und Bürger spenden und bieten Hilfe an. Ich bin stolz auf die Welle der Solidarität, die durch unser Land geht.» (…)

    Jagd auf Dissidenten

    Einer der ganz wenigen Bundestagsabgeordneten, die öffentlich die Willkommenshysterie und ihren publizistischen Lautsprecher kritisierten, war der CDU-Mann Philipp Lengsfeld. Im Februar 2016 forderte er die Bild-Redaktion auf, die Kampagne «Wir helfen – #refugeeswelcome» zu beenden. Dass auf dem Twitter-Profil des Blattes Kinder gezeigt würden, die einen Stacheldraht überwinden und winkend hinter einer Busscheibe stehen, könne als «Einladung zum Aufbruch nach Deutschland» verstanden werden. Lengsfeld warnte: «Diese Botschaft ist in der jetzigen, für Deutschland und Europa so essentiellen Diskussion über die Reduzierung von Zugangszahlen, die Sicherung der europäischen Außengrenzen und eine gerechte Verteilung von tatsächlich Schutzbedürftigen missverständlich und nicht hilfreich.»

    Beendete den Kuschelkurs seines Vorgängers: Neuer «Bild»-Chef Julian Reichelt. Foto: picture alliance / Bernd von Jutrczenka/dpa

    Der Online-Chef Julian Reichelt schrieb Lengsfeld empört: «Wie können Sie es wagen, ein Foto von einem Kind, das durch Stacheldraht kriecht, ”emotional aufgeladen” zu nennen.» Medienkritik dieser Art sei Ausdruck «größter Hilflosigkeit». Der Politiker habe «nichts, aber auch gar nichts vorzuweisen». Bild vertrete «christliche Werte» und werde deswegen die Kampagne fortsetzen. Dafür gab es ein dickes Lob von der Grünen-Bundestagsabgeordneten Renate Künast: «Klare Worte! In solchen Zeiten zeigt sich eben, ob jemand seine behaupteten Werte auch lebt.» (…)

    Der Absturz setzte unter dem Merkel-Verehrer Kai Diekmann ein, der von Januar 2001 bis Dezember 2015 Chefredakteur war. Zwischen 2011 und 2016 verlor das Blatt jedes Jahr fast 200.000 Käufer. Unter Diekmanns Ägide schlug die Bild besinnungslos auf die «Refugees welcome»-Pauke und initiierte die gleichnamige Kampagne, die schnöde Wirtschaftsmigranten gleichsam als Helden und Heilige unserer Zeit, als das neue Salz der Erde, idealisierte. Die bodenständigen und keinesfalls migrantenvernarrten Leser ergriffen panisch die Flucht und ließen die Merkel-Postille in den Regalen liegen.

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    Auch unter Diekmanns Nachfolgerin Tanit Koch setzte sich der Leserschwund fort. Im vierten Quartal 2017 brach die Auflage auf 1,57 Millionen verkaufte Exemplare ein – und da waren gnädigerweise die Verkäufe der Fußball Bild schon eingerechnet. (Ende der Ausschnitte aus COMPACT-Magazin August 2018, hier zu bestellen)

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