Ein populärer TV-Darsteller aus der Ostukraine zieht in den Kiewer Marienpalast ein

     Mit diesem Ergebnis hatte wohl niemand gerechnet: Bei den Stichwahlen zu den ukrainischen Präsidentschaftswahlen holte der politisch bislang nicht in Erscheinung getretene Wolodymyr Selenskyj laut einer Nachwahlprognose 73,2 Prozent der Stimmen. Auch in den bislang schon ausgezählten Wahlkreisen hat Selenskyj mit Ergebnissen von mehr als 70 Prozent die Nase vorne. Der amtierende Präsident Petro Poroschenko holte laut der Nachwahlumfrage nur 25,3 Prozent und hat seine Niederlage schon eingestanden.

    Bislang war der 41jährige Selenskyj nur im Fernsehen ukrainischer Präsident, und zwar in der ukrainischen Serie „Diener des Volkes“ (Sluga naroda), in der er den etwas unbeholfenen, aber ehrlichen Geschichtslehrer Wasyl Holoborodko spielt. Die fiktive Serienfigur wird in „Diener des Volkes“ eher unfreiwillig durch einen gelungenen Auftritt in den sozialen Netzwerken zum ukrainischen Präsidenten gewählt und schlägt sich im Amt dann wesentlich besser als erwartet. Sluga naroda ist die bislang erfolgreichste ukrainische Serienproduktion und wurde sogar an den US-amerikanischen Streaming- und Filmgiganten Netflix verkauft und millionenfach auf der Videoplattform Youtube angeklickt.

    Hohe Zustimmung in der Ostukraine

    Was macht den Erfolg Selenskyjs aus? Seine Attraktivität für die Wähler speist sich wohl nicht aus seinem provisorischen Wahlprogramm, das nur fünf Seiten umfasst und wohlfeile Forderungen wie den Kampf gegen die grassierende Korruption enthält. Außerdem verspricht er den Umbau des politischen Systems der Ukraine hin zu einer direktdemokratischen Ordnung nach Schweizer Vorbild. Schon vor der Wahl hatte er angekündigt, sein endgültiges Programm gemeinsam mit den Bürgern auszuarbeiten, wenn er erst einmal Präsident ist.

    Im Unterschied zu den meisten seiner Konkurrenten verkörperte Selenskyj aber einen echten personellen Neuanfang. Schon im Wahlkampf stieß er außerdem auf besonders viel Zuspruch in den östlichen Landesteilen. Er selbst wurde am 25. Januar 1978 in der Hüttenstadt Krywyj Rih im Südosten der Ukraine geboren und stammt aus einer russischsprachigen jüdischen Familie. Wie viele andere Ostukrainer spricht Selenskyj besser russisch als ukrainisch, und versteht sich dennoch als aufrechter und treuer ukrainischer Patriot, der schon Gratiskonzerte für die Soldaten an der Front gab.

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    Es stellen sich allerdings Fragen nach seiner persönlichen Unabhängigkeit. Seinen Erfolg verdankt er dem Oligarchen Ihor Kolomojskyj, der Selenskyj in seinem Fernsehsender 1+1 erst groß machte. Kolomojskyj, der neben der ukrainischen auch die israelische und zypriotische Staatsangehörigkeit besitzt, kam während der Privatisierungsexzesse der neunziger Jahre zu seinem Milliardenvermögen, als er sich rund um die 1992 von ihm gegründete PrivatBank ein Industriekonglomerat aus Öl-, Stahl- und Energiefirmen zusammenkaufte. Als vor fünf Jahren die Proteste auf dem „Euromaidan“ die Ukraine erschütterte, stellte er sich im Gegensatz zu Rinat Achmetow, einem weiteren ostukrainischen Oligarchen, klar an die Seite der Übergangsregierung.

    Kolomojskyj überwarf sich im Jahr 2015 mit Poroschenko, der ihn im März 2015 als Gouverneur der ostukrainischen Oblast Dnipropetrowsk absetzte. Seitdem gelten die beiden Männer als tief verfeindet, und Kolomojskyjs Sender gaben sich im zurückliegenden Wahlkampf erst gar keine Mühe, noch den Anschein von Objektivität zu erwecken, sondern bezogen klar Position für Selenskyj.

    Dieser hat mittlerweile auf einer ersten Pressekonferenz angekündigt, einen „starken informationellen Krieg“ zu führen, um die abtrünnigen Donbass-Volksrepubliken Donezk und Luhansk wieder zurück zur Ukraine zu holen. Er will ein großes russischsprachiges Medienportal aufbauen, um den russischsprachigen Bürgern in der Ostukraine verdeutlichen zu können, wie wertvoll sie für ihr Land sind.

    Außerdem will Selenskyj den Minsker Friedensprozess neu beleben und den Krieg in der Ostukraine beenden.

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