Gestern fauchte Johannes Kahrs (SPD) die AfD-Abgeordneten im Bundestag an: “Hass macht hässlich. Schauen Sie in den Spiegel.” (Mit “Spiegel” meinte er natürlich nicht das gleichnamige Magazin). Seitdem hat mancher Mainstreamer einen neuen Helden. So twitterte Hardcore-Konformist Niels Minkmar (Spiegel) heute: “Die Rechten sind feige. Wenn wir einen Innenminister wie @kahrs hätten, wäre die Stimmung im Land eine andere.” Innerhalb eines Tages war Pöbel-Ralle (Stegner) vom Thron geschubst.

    Aber mal ehrlich: Kannten Sie diesen Kahrs zuvor schon? Jemals von ihm gehört oder gelesen? Nein? Sollten Sie aber. Zwar finden Sie in der Vergangenheit des 1963 in Bremen geborenen Sozialdemokraten keinerlei Hinweise auf eine politische Großleistung, aber dafür zahlreiche Belege für einen Charakter, dessen Anwesenheit im Bundestag seine Partei erneut der Heuchelei und der Doppelmoral überführt.

    Kahrs begann 1982 im rechten Flügel der Jusos, hatte dort wiederholten Krach mit den Juso-Linken. Aber der erste Skandal um seine Person gelang erst 1992 mit dem Bashing eines weiblichen Parteinmitgliedes. Seine parteiinterne Konkurrentin Silke Dose erhielt nachts anonyme Telefonanrufe, bei denen der Anrufer entweder direkt wieder aufgelegt, geschwiegen oder mit Sätzen Wie “Ich krieg dich, du Schlampe!” gedroht hatte. Die Polizei installierte eine Fangschaltung, die zwei nächtiche Anrufe von Johannes Kahrs registrierte.

    Die Sache kam vor Gericht. Dabei versichterte Kahrs, der damals von dem Anwalt Ole von Beust (CDU) vertreten wurde, er sei nicht der gesuchte Stalker. Nur die beiden abgefangenen Anrufe stammten von ihm, keineswegs die vorherigen. Er habe wegen der bevorstehenden Wahl bloß Interesse am Wohnort der Konkurrentin gehabt… Der Prozess endete mit einem Vergleich, die 800 DM Gerichtskosten trug Kahrs.

    Ein Indiz dafür, dass auch die vorherigen Anrufe von Kahrs stammen könnten, ist dessen Vorliebe für das Wort “Schlampe”: Im September 2016, also erst vor zwei Jahren, hatte der damals 53jährige SPD-Bundestgagsbgeordnete bei einer Tagesfahrt mit Schülern ein Selfie auf Twitter veröffentlicht. Ein anderer User kommentierte in Bezug auf eine (blonde) Schülerin: „Und die Blondine freut sich aufs Foto zu kommen. Läuft.“ Daraufhin antwortete Kahrs: „Immer. Schlampe halt.“ – Ein Mädchen, das sich gerne fotografioeren lässt, ist also eine “Schlampe”.

    Blöderweise hatten 145 Schüler das Foto samt Kommentar entdeckt. Manche beklagten sich. Angeblich sendete Kahrs daraufhin eine Mitarbeiterin, um sich in seinem Namen zu entschuldigen, und erklärte später, in einem Plenarsaal, vor der versammelten Ausflugsgruppe: „Ich hätte das nicht tun dürfen“.

    In den letzten neun Jahren berichteten die FAZ, Die Zeit u.a. Medien über Kahrs Rolle als Vorsitzender des SPD-Kreisverbandes Hamburger-Mitte. Dort habe er sein System persönlicher Abhängigkeiten geschaffen. Sogar die Taz schrieb 2012, Kahrs, “der 48-jährige Reserveoffizier ist der Frontmann der Parteirechten”. Außerdem: Das “‘System Kahrs’ in der SPD-Mitte weist sektenähnliche Züge auf. Vor allem rechte Jungsozialisten, die mit Referentenjobs und Mandaten in Kommunalgremien auf höhere Aufgaben vorbereitet werden, bezeichnen sich ungeniert als ‘Kahrsianer’. Über den Jugendhilfeausschuss steuert Kahrs Millionenbeträge für Träger, in denen verdiente oder hoffnungsvolle Genossen seine Macht im Kreis absichern.”

    Wer jetzt noch nicht genug hat, sollte wissen, dass die Frankfurter Rundschau 2005 aufdeckte, dass im damaligen Bundestagswahlkampf mehr als 60.000 Euro Parteispenden von der Rüstungsindustrie in Kahrs’ SPD-Kreisverband Hamburg-Mitte flossen. – Lag es vielleicht an diesem guten Verhältnis zur Rüstungsindustrie, dass sich Kahrs gestern von Alxander Gaulands Zurückweisung einer deutsche Intervention in Syrien ein wenig provozierend fand? Und deshalb so ausrastete?

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    Wie auch immer. Wenn AfD-Politiker wie Gauland oder Meuthen ab jetzt nächtliche Drohanrufe erhalten, wenn aus dem Handy von Frau Weidel das Wort “Schlampe” ertönen sollte, dann sollte sich niemand wundern: er will bloß wissen, wo sie wohnen.

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