„Jetzt reich(el)ts!“ Bild-Chefredakteurin Tanit Koch wirft hin

19

Das Boulevardblatt verliert seinen ersten weiblichen Chefredakteur. Online-Chef Julian Reichelt hat fortan das alleinige Sagen. COMPACT sprach mit einem Insider darüber, wie es hinter den Kulissen des Springer-Flaggschiffs hergeht.

Kai Diekmanns Nachfolgerin und erste Frau im Amt wirft hin. Tanit Koch wird zum Monatsende nicht mehr Chefredakteurin der Bild-Zeitung sein. Woran liegt’s?

Bereits im Februar 2017 war Online-Chefredakteur Julian Reichelt zum Vorsitzenden der Chefredaktionen aller Bild-Titel ernannt worden. Das Branchenblatt meedia schreibt:

Das Verhältnis von Reichelt und Koch gilt als höchst problematisch. Nach Ansicht des Vorsitzenden sei die Position der Chefredakteurin überflüssig – vor allem, weil er die Gestaltung der Print-Ausgabe zur absoluten Chefsache erklärte und Koch nach und nach immer mehr Kompetenzen absprach.

Reichelt rückt nun auch in die Chefredakteursrolle der Print-Bild vor.

In ihrem Abschiedsbrief schreibt die 40-Jährige: „Wenn zwei Menschen professionell nicht harmonieren, lässt sich das eine Zeitlang durch Kompromisse ausgleichen. 2017 war davon geprägt, bis meine Kompromissbereitschaft an ihre Grenzen gelangte.“

Laut Meedia soll Vorstandschef Mathias Döpfner die Entscheidung gefällt haben. Dabei soll Kochs Sturm an die Spitze seine eigene Idee gewesen sein – glaubt zumindest unser Insider, der ehemalige Co-Chefredakteur der Bild, Peter Bartels. Wir hatten Bartels im Oktober 2016 zur Lage befragt. Das Interview lesen Sie hier.

COMPACT: Seit 1. Januar 2016 ist Tanit Koch Chefredakteurin der «Bild». Was macht sie anders?

Peter Bartels: Sie hat nach ein paar Wochen Amtszeit die Seite eins graphisch ein bisschen verändert. Auch die Seite zwei. Ansonsten scheint sie nach der Maxime zu verfahren, die sie mal in einem Dreier-Plausch inbrünstig hauchte, den Kai Diekmann – genannt Kaischi – «zufällig» mitschnitt und danach generös dem früheren Top-Mediendienst Kress zur gefälligen Sensation freigab; an dem Dreier nahmen Online-Chef Julian Reichelt und Ihre Gnaden Kaischi himself teil. Reichelt jubilierte, dass er es toll finde, bei Bild eigentlich ein Linker sein zu dürfen. Und Tanit flötete: «Alles, was ich im Journalismus gelernt habe, habe ich von Kai gelernt.»

Foto: Peter Bartels

Da wird selbst ein alter Sack wie unsereins noch schamrot: Wenn die leitende Journalistin der immer noch größten Zeitung Deutschlands – auch wenn diese mit nur noch 1,8 Millionen von einst fünf Millionen schon so schrecklich klein geworden ist – sagt, sie hat alles, was sie kann, von einem gelernt, der das Blatt kaputt gemacht hat – was soll man da noch sagen? Selbst wenn die Spucke nach einer Schrecksekunde wieder da ist?

COMPACT: Wer entscheidet eigentlich über die Besetzung des Chefredakteur-Postens bei Springer?

Peter Bartels: Der Vorstandsvorsitzende schlägt vor, der Verleger nickt ab – oder nicht. Der Bild-Chefredakteur ist immer Verleger-Sache gewesen. Und zu Axel Springers Zeiten hat der damalige Vorstandsvorsitzende Peter Tamm garantiert nicht jeden Chefredakteur durchgekriegt. Aber dann war Springer ja tot. Und Peter Tamm hat entschieden. Tamm war ein Starker, Witwe Friede – damals – eine Schwache. Ein hübsches, liebes, ziemlich bescheidenes Mädchen mit Abi halt. Und Friede wollte endlich Frieden im Haus… Also wird der Vorstandsvorsitzende Mathias Döpfner, der ihr einst versprach, aus «Geist Geld» zu machen, 2015 seiner Verlegerin gesagt haben: «Die Idee mit Tanit Koch ist genial!» Klar: Wir haben eine Frau Kanzlerin, eine Frau Verteidigungsministerin, eine Frau Verlegerin – warum also nicht eine Frau Bild-Chefredakteurin! Die BamS hatte ja schon eine…

COMPACT: Jetzt ist Diekmann nur noch Herausgeber der «Bild». Wird jetzt alles gut?

Peter Bartels: Die ersten zwei Quartale, das erste halbe Jahr jedenfalls nicht. Die Auflage stürzt weiter, immer schneller offenbar. Womit sollte sie auch steigen? Weil Tanitein bisschen graphische Kosmetik macht? Weil sie ab und zu wieder einen tapferen Ralf Schuler kommentieren lässt, der 20 Jahre DDR überlebt hat? Und weil sie ansonsten, assistiert von Ober- und Neben-Chef, mal eine Interview-Doppelseite mit Honeckers Musterschülerin Muttchen Merkel bringt, Neuigkeitswert null Komma null?!

COMPACT: Trotzdem, Diekmann muss sich doch etwas davon versprochen haben, dass er sich nach 15 Jahren ablösen ließ…

Peter Bartels: Das Kaischi ist nicht nur eitel, vom Ajatollah-Zickenbart bis zur schicken, teuren Löcher-Jeans, er hält sich leider auch für schlau: Natürlich wusste er schon Mitte 2015, wie das Jahr enden würde. Ein Chefredakteur weiß lange vor dem Branchendienst IVW, wie die Zahlen am Quartals- und Jahresende sein werden; er kriegt sie ja jede Woche von seinem Vertrieb! Und da er schon zwei Schallmauern nach unten durchbrochen hatte – von vier auf drei Millionen und von drei auf zwei – wollte er die unweigerliche Zwei-Millionen-Schallmauer nicht auch noch als Stuka-Chef durchbrechen.

COMPACT: Diesen traurigen Rekord wollte er ausgerechnet einer Frau in die Schühchen schieben, die ihn beruflich so anhimmelt?

Peter Bartels: Nicht «ausgerechnet» einer Frau – «gerade» einer Frau! Er dachte sich wahrscheinlich: Wenn ich eine Frau zur ersten Chefredakteurin mache, ist das so «epochal» wie die erste Kanzlerin. Da redet erst mal keiner mehr über die Auflagen-Katastrophe. Wenn es dann um die Bewertung meiner 15 Jahre geht, kommt keiner vom Mainstream an dieser meiner Lanze vorbei, die ich für die Frauenbewegung gebrochen habe…

COMPACT: Und der Trick hat funktioniert?

Peter Bartels: Er hat! Googeln Sie mal! Hier und da wurde ein bisschen von der sinkenden Auflage gebrummelt, auch mal der Bild-Totengräber selbst angemosert, ansonsten stürzte sich der Mainstream eben nicht auf die Auflagen-Katastrophe und den Scherbenhaufen, den Diekmann angerichtet hat, sondern alle jubelten in Ehrfurcht: «Eine Frau, guckst Du, Alice Schwarzer! Staunst Du, Jutta Ditfurth. Wenn dass der Wallraff noch erleben könnte. Bei Springer!»

bild axel springer redaktion

Die Redaktionen im Berliner Axel-Springer-Hochhaus arbeiten wie an Fließbändern. Foto: Ralf Roletschek, CC BY-SA 3.0, Wikimedia Commons

COMPACT: Aber Tanit Koch hat doch ihr Handwerk gelernt?

Peter Bartels: Die hübsche und angeblich auch kluge Dame hat in der Journalisten-Schule von Axel Springer gelernt. Sie hat sich durch verschiedene Abteilungen und Blätter des Hauses geschnuppert. Aber sie war meines Wissens weder Polizeireporter noch Kriegsberichterstatter noch Show- oder Society-Hunter, Polit-Korrespondent oder Redakteur, nirgendwo, weder bei der FAZ noch beim Express. Sie war halt zwei Jahre sogenannte Büroleiterin von Kaischi Diekmann! Warum soll sie von wem und woher irgendwas wissen? Außer, was sie in der Schule, an der Uni womöglich gelernt hat? Woher soll sie wissen, wie Bild-Leser leben, lachen, weinen? Tanit kommt aus einer anderen Welt. Nicht nur, weil sie Tanit heißt…

COMPACT: Aber Kai Diekmann ist doch immer noch da, firmiert als Herausgeber, hört sich wichtig und hilfreich an…

Peter Bartels: Ist auch wichtig, weil sich nichts geändert hat, sich nichts ändern kann. Er sitzt in der Etappe, kassiert die große Kohle und tut so, als sei er nicht da. Fakt ist, dass er da ist, wo die Redakteure sind. Die Chefredakteurin ist doch im Kopf nie allein. Er sitzt nur eine Tür weiter oder eine Etage höher. Und dann kommt er womöglich noch gravitätisch anstolziert: «Ich habe hier einen Interview-Termin mit Putin!» Und dann wird es ein halbwegs arschkriecherisches Interview mit dem angeblichen Potentaten Putin, den sie ansonsten von vorne bis hinten bekübeln, sinnfrei und ungerecht bekübeln, vor allem gegen den Willen der Mehrheit früherer und verbliebener Bild-Leser. Putin weiß mehr von Deutschland, von deutscher Geschichte und Kultur als wahrscheinlich die Hälfte der Bild-Redakteure zusammen. Schlimmer: Der Mann hat nicht nur in Dresden gelebt, er liebt und bewundert Deutschland auch noch. Aber eben auch seine Russen… Merkel? Der Luxemburger Suffkopp Juncker? Ich fürchte, die beiden wissen nicht mal, dass Russland in Europa liegt.

COMPACT: War «Bild» eigentlich zu Ihrer Zeit profitabel?

Peter Bartels: Ja, selbstverständlich. Heute ist sie das – wahrscheinlich – noch gerade eben. Kürzlich haben sie ja die Halbjahresbilanz verklickert: zwischen den Zeilen offenbar gerade noch plus/minus null. Ich bin sicher, dass Bild – Springer insgesamt – spätestens im nächsten Jahr anfangen wird, Leute rauszuschmeißen. Die haben jetzt noch um die 15.000. Viel zu viele für die wegbrechenden Auflagen. Bei der Bild am Sonntag und bei der BZ sieht’s ja nicht tröstlicher aus. Warum, glauben Sie, verschenkt Bild seit Wochen täglich Tausende Euro? Damit die Leser nicht noch schneller weglaufen, was sonst! Und im Netz humpeln um die 300.000 Abonnenten rum, müssen sich von Online-Chef Julian Reichelt ein ums andere Mal backpfeifen lassen, weil sie die Schnauze voll haben von dem verlogenen Gutmenschen-Getue: Ein «Mann» hat eine Frau vergewaltigt… Ein «Mann» hat kleine Mädchen im Freibad unsittlich belästigt… Ein junger Iraner mit Vornamen Ali wurde zum Deutschen David, nachdem er acht Menschen massakriert hat. «Nazi», «Arier», heult Bild Online tagelang zähnefletschend auf. Dass die Iraner übersetzt schlicht Arier heißen – so what!

COMPACT: Kann die «Bild»-Zeitung überleben?

Peter Bartels: Nein, es gibt keine Hoffnung mehr für Bild. Ich wurde vor ein paar Wochen gefragt: «Könntest Du dir vorstellen, Bild zu retten?» Ich kann mir alles vorstellen, nur: So viel Geld, um Bild zu retten, hat auch Friede Springer nicht mehr; man müsste von einer Stunde zur anderen 35 Prozent der Redakteure rausschmeißen, weil sie nicht mehr die DNA für ein Massenblatt haben, sie längst links von der Mitte ticken. Sie haben nichts mehr mit den konservativen Deutschen zu tun. Gar nichts mehr. Wie übrigens CDU und SPD auch nicht mehr. Und: Diese Damen und Herren von Bild beherrschen ihr Handwerk nicht mehr. Aber rausschmeißen kostet heute entsetzlich viel Geld.

COMPACT:  Vielleicht würde das ja einer zahlen, wenn die Möglichkeit bestünde, aus «Bild» wieder ein Massenblatt mit einer Auflage von wenigstens drei Millionen zu machen…

Peter Bartels: Selbst wenn irgendein Erdowahn, ein Putin, ein Saudi mit bestimmten Absichten zahlen würde – die drei Millionen Käufer, die weg sind, kommen nicht zurück. Die sind ja nicht von einem Tag zum anderen weggegangen, das ging über Jahre. Zunächst haben sie ja immer wieder mal versucht zu bleiben. Aber sie wurden immer wieder aufs Neue enttäuscht. Als Diekmann sie dann im letzten Jahr an den Facebook-Pranger stellte, sie als Nazis, Pack, Rassisten brandmarkte, war der Rubikon überschritten. Das war der Genickschuss. Dieser [zensiert]hat einfach nicht begriffen, dass seine Leser hauptsächlich Angst vor den über die offenen Grenzen flutenden Heerscharen junger Männer hatten. Dass sie nicht rechts sind, sondern einfach nur Deutsche bleiben wollen. Bei Axel Springer wäre das nie passiert. Er wusste, dass und wie man in Deutschland eine Zeitung für Mitte, Masse und Mehrheit machen muss.

Das Interview  führte Arne Fischer und erschien zuerst in COMPACT 10/16.

Über den Autor

COMPACT-Magazin

 

Bitte beachten Sie unsere Kommentarregeln. Kommentare sind nur innerhalb von 24 h nach Veröffentlichung des Artikels möglich.

Empfehlen Sie diesen Artikel