Jens Spahn ist Berufspolitiker der Generation Smartphone: dynamisch, ehrgeizig, schwul und gut vernetzt. Für die CDU könnte er das Gesicht der Zukunft werden – ein Kanzler in der Warteschleife. Es folgt ein Auszug aus dem Artikel “Der Sohn, den Merkel niemals hatte”, ungekürzt in  COMPACT 7/2018

    _ von Marc Dassen

    Die Biografie des Jens Spahn: Musterbeispiel für modernes Parteisoldatentum? Schon mit 15 geht der Junge aus dem nordrhein-westfälischen Ahaus zur Jungen Union, mit 17 wird er Mitglied der CDU. Man schreibt das Jahr 1997. Bei einer Reise nach Berlin sei er damals «zwischen Reichstagsgebäude und Loveparade gependelt», wie Georg Milde in seinem Buch Wege in die Politik (2015) schreibt.

    Zwei Jahre später hat er sein Abitur und beginnt eine dreijährige Ausbildung zum Bankkaufmann. Ab 2002 – also mit gerade mal 22 Jahren – sitzt der junge Spahn unter der Kuppel des Bundestages, per Direktmandat seines Wahlkreises Steinfurt/Borken. Er setzte sich dabei gegen Konkurrenten durch, die das Doppelte an Alter und politischer Erfahrung auf die Waage bringen.

    «Der erste Sitzungstag in Berlin war für mich wie der erste Schultag», wird sich Spahn später erinnern. Sein politisches Erweckungserlebnis überrascht: Da in Ahaus, einem überschaubaren 3.700-Seelen-Ort, häufig Umweltschützer gegen das Brennelemente-Zwischenlager demonstrieren, wollen ihn seine Lehrer immer wieder nötigen, bei den grünen
    Umzügen der Protestler mitzulaufen.

    Trotzig machen er und einige seiner Mitschüler das Gegenteil: «So wurden wir zur Anti-Anti-Bewegung.» Soviel Chuzpe wird man später nur selten an Spahn entdecken können. Eingespannt in die Mühlen des Parteibetriebs, kommt seine akademische Laufbahn etwas zu kurz. Das Studium der Politikwissenschaften schließt er erst 2017 per Fernstudium ab. Da ist er schon seit fünf Jahren Teil des Bundesvorstandes der Kanzlerin- Partei.

    Im Kabinett Merkel III (2013–2017) wird der 1,92 Meter große Aufsteiger als Staatssekretär im Finanzministerium gebraucht. Seit März dieses Jahres ist er nun Gesundheitsminister – mit 38. «Spahn steht für die neue Generation der CDU», weiß die Rheinische Post. Wodurch die sich auszeichnet, möchte man wissen. Wer Spahns Facebook-Seite studiert, den beschleicht ein Verdacht. «Was Du nicht aufhalten kannst, kannst Du auch gleich begrüßen», lautet sein Lieblingszitat.

    Da klatschte er noch brav: Der Zögling hinter «Mutti» auf dem CDU-Parteitag im Februar 2018. Jetzt will der Junge die Alte beerben. Foto: picture alliance / Ralf Hirschberger/dpa

    Das klingt stark nach «Wir schaffen das»,«Jetzt sind sie halt da» oder einem ähnlichen Merkelismus. Ist Spahn also nur ein Thronfolger, dessen Zeit noch nicht gekommen ist? Will er dem «Weiter so» ein neues, jugendlicheres Gesicht geben?

    Kritiker am Rockzipfel

    Während einige Spahn als handzahm und Merkel-treu beschreiben, wollen andere in ihm ihren größten Kritiker und Konkurrenten erkannt haben: Einen stillen Hardliner, der in Sachen Asyl und Islam gerne durchgreifen würde. Gönner in den Medien bezeichneten den leicht schwammigen Homosexuellen sogar einmal als «das konservative Gewissen der Union». Viel Gewicht für Spahns relativ weiche Schulterpartie.

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    Privat läuft es bei ihm. Ende 2017 haben Spahn und sein langjähriger Freund Daniel Funke geheiratet. Der High-Society-Reporter leitet das Hauptstadtbüro des Klatschmagazins Bunte – was möglicherweise mal nützlich sein könnte. Eine Freundschaft mit gewissen Extras verbindet den aufstrebenden CDUler übrigens mit FDP-Frontmann Christian Lindner.

    «Lindner zieht bei Spahn ein», meldet Bild Ende November 2017: Lindner hatte sich Spahns große Dachgeschosswohnung in Berlin angeschaut. Man treffe sich gerne mal beim Italiener, heißt es weiter. Gute Voraussetzungen für eine zukünftige Neuauflage schwarz-gelber Anbandelungen, sollte es jemals wieder soweit kommen…

    Geduldig wartet der Bankkaufmann und Politologe, derzeit von Merkel verbannt in eine Welt der Not und Gebrechen, auf seine Chance. Nach der Verrentung der Kanzlerin könnte seine Stunde schlagen – vorausgesetzt, die CDU überlebt nochmal vier Jahre «Weiter so».

    Seine derzeitige Aufgabe scheint ihm keineswegs auf den Leib geschneidert; viel wird von ihm erwartet, vielleicht zu viel. «Ich werde in drei Jahren nicht das Paradies schaffen», weiß er selbst. Was er jedoch schaffen muss, ist, dass ihm die Wähler sein vorprogrammiertes Versagen nicht übelnehmen. Das könnte durchaus gelingen, sofern sich Spahn größere Fehlleistungen verkneift.

    Das aber ist wohl schwierig: Sein soeben ausgerufenes Sofortprogramm zur Einstellung von 13.000 Pflegekräften wird von Experten als «Witz» bezeichnet. Da die Bewältigung des akuten Pflegenotstands kaum Gelegenheit für pompöse Inszenierungen, dafür aber umso mehr Raum für Missgriffe bietet, wildert er gerne auf fremdem Terrain. Beispiel Militär:

    Bei einer Landesvertreterversammlung der CDU Sachsen-Anhalt in Möckern spricht Spahn Ende Mai plötzlich wie der Schatten-Verteidigungsminister, fordert militärische Stärke für ein Europa, das «selbst für Stabilität zu sorgen» habe. Beispiel Kruzifix-Debatte: Anfang Mai kritisiert der ausgewiesene Religionsexperte Spahn plötzlich die katholische Kirche.

    Beispiel Außenpolitik: Zur Vereidigung des neuen US-Botschafters Richard Grenell ist plötzlich auch Spahn dabei. Die beiden sind gute Freunde: «Gratulation Jens. Du wirst ein toller Gesundheitsminister für Deutschland», beglückwünscht der ihn bereits Ende Februar. (Ende des Auszugs)

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